Ärzte Zeitung, 18.12.2012

Kommentar zu Bevölkerungsstudie

Reiches armes Land

Von Christiane Badenberg

In Deutschland stimmt etwas nicht. Denn wie kann es sein, dass ein Land, das weltweit als Paradies von Wohlstand und Sicherheit gilt, eine der niedrigsten Geburtenraten hat? Und doch gibt es dafür Gründe.

Rationale und irrationale. Denn bei manchen Diskussionen über berufstätige Mütter und Alleinerziehende fühlt man sich in die 50er Jahre zurückversetzt. Den Frauen wird suggeriert, dass ihre Kinder zwangsläufig neurotisch werden, weil die Mutter außer einer Familie auch einen Beruf will.

Skandinavische, französische und selbst viele ostdeutsche Frauen können darüber nur lachen. Denn hier ist es längst üblich, das Kinder in die Kita gehen, während die Mütter arbeiten.

Sie leben ihren Kindern vor, dass es sehr gut möglich ist, eine Familie und einen Beruf zu haben und dabei ein zufriedenes Leben zu führen. Der rationale Grund ist aber genauso relevant. In vielen Regionen Deutschlands fehlen Betreuungsplätze.

Und die meisten berufstätigen Frauen entscheiden sich nur dann für Kinder, wenn sie diese tagsüber gut versorgt wissen. Zwar soll sich durch den gesetzlich vorgeschriebenen Ausbau der Kita-Plätze etwas ändern, aber beim Ausbau in den Kommunen hakt es.

Fakt ist: Es muss etwas geschehen. Denn ein reiches Land, in dem immer weniger Kinder leben, ist ein armes reiches Land.

Lesen Sie dazu auch den Bericht:
Bevölkerung: Den Deutschen fehlt der Nachwuchs

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[18.12.2012, 13:05:44]
Dipl.-Med Regina Richmond 
Betreuungsplätze ?
Es scheint ein wiederkehrendes Phänomen zu sein, dass bei der sinkenden Geburtenrate in Deutschland immer wieder nur das Argument der fehlenden Betreuungsplätze von Kleinkindern (Krippe / Kindergarten) hervorgehoben wird.

Kaum zum Erstaunen von Eltern, hört die Betreuung von Kindern aber leider nicht mit der Einschulung auf. Die Zahl der >betreuenden Grundschulen< ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, aber auch für Berufstätige insgesamt nicht ausreichend. Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen ab der 5. Klasse ist geradezu unzulänglich. Hortplätze sind eine Rarität und auch für viele Eltern gar nicht mehr erschwinglich.
Kinder werden auch krank –kaum alle berufstätigen Eltern haben Familie oder Freunde in der Nähe, die kurzfristig einspringen können um die Versorgung zu gewährleisten.

Kurzfristiges Fehlen am Arbeitsplatz wegen der notwendigen Versorgung der Kinder im häuslichen Bereich wird selten bei einem Arbeitgeber gern gesehen.
Überstunden sind in vielen Betrieben die Regel – von vielen Eltern wegen ihrer Kinder nicht im gewünschten Umfang zu leisten.
Viele Arbeitgeber nehmen kaum Rücksicht bei notwendigen Dienstreisen oder sogar grundsätzlich wohnortfernen Arbeitsplätzen auf das Vorhandensein von Kindern.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass mit Krippenplätzen und Betreuungsgeld in den ersten Jahren die Geburtenrate erhöht werden kann.

Die Gesellschaft ist nicht bereit, den Preis der tatsächlich notwendigen Betreuung von Kindern zu bezahlen.

Die im steigenden Maße geforderte Flexibilität am Arbeitsplatz ist nicht ohne hohen Aufwand für Eltern (oder Alleinerziehenden) mit Kindern zu vereinbaren.
Sicher ist es auch genau diese fehlende Flexibilität, dass heutzutage viele Menschen auf Kinder verzichten.


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