Ärzte Zeitung, 29.09.2010
 

Deutschland ist führend bei der Selbstmedikation

Wichtige Arzneimittelwirkstoffe sind in den letzten Jahren rezeptfrei geworden. Eine Herausforderung auch für Ärzte. Experten plädieren deshalb für die arztgestützte Selbstmedikation - um Risiken zu meiden.

Von Ursula Jung

Deutschland ist führend bei der Selbstmedikation

Sichere Selbstmedikation war sein Anliegen: Dr. Bernd Eberwein (l.) wird als Geschäftsführer vom Vorsitzenden Hans-Georg Hoffmann verabschiedet.

© BAH

BERLIN. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im europäischen Vergleich eine führende Rolle in der Selbstmedikation erarbeitet. Das Prinzip der Eigenverantwortung des Patienten hat dabei einen weitaus höheren Stellenwert gewonnen - im doppelten Sinne: für die eigene Gesundheit und zweitens unter wirtschaftlichen Aspekten. Denn seit 2004 werden rezeptfreie Arzneimittel nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt. Die Selbstmedikation ist also auch eine Entlastung der Solidargemeinschaft.

Eine Bilanz der Entwicklung der letzten 30 Jahre zog der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) bei seiner jüngsten Jahresversammlung, bei der zugleich der langjährige Geschäftsführer des Verbandes, Dr. Bernd Eberwein, verabschiedet wurde. Er hat über fast drei Jahrzehnte als einer der Sachverständigen in einem Expertengremium die Vorschläge für den Wechsel von der Verschreibungspflicht zur Verschreibungsfreiheit - den sogenannten OTC-Switch - mitbearbeitet.

OTC-Switch

Der Switch bezeichnet bei Arzneimitteln den Wechsel von der Verschreibungspflicht zum rezeptfreien Arzneimittel. Geregelt ist dies in Paragraf 48 des Arzneimittelgesetzes. Neue Wirkstoffe sind zunächst verschreibungspflichtig. Regelmäßig prüfen Sachverständige, ob Arzneimittel wegen geringer Risiken aus der Verschreibung entlassen werden können. Entschieden wird dies in einer Rechtsverordnung durch das Bundesgesundheitsministerium.

Einen Rückblick in die Rechtsgeschichte gab dazu Professor Johannes Löwer, der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel (BfArM). Das erste Arzneimittelgesetz trat 1961 in Kraft und sah einen Beirat vor, den Vorläufer des späteren Sachverständigenausschusses "Verschreibungspflicht". Seit 1981 existiert dieser Ausschuss, der nach einer Mehrheitsentscheidung dem Bundesgesundheitsministerium Wirkstoffe zur Entlassung aus der Verschreibungspflicht empfiehlt.

1981 war Deutschland, so Löwer, "noch ein Nobody beim Switch". Heute stehe Deutschland an der Spitze der Entwicklung in der EU. Beleg dafür seien die Switches von Aciclovir für die topische Anwendung 1992, das Deutschland als zweites Land nach Dänemark aus der Verschreibungspflicht entließ, und Naratriptan (Migräne, 2006), dem Deutschland als erstes europäisches Land eine Freigabe erteilte.

Eine Herausforderung der Zukunft ist die sachgerechte Patienteninformation. Aus der Sicht von Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen kommt es dabei entscheidend auch auf das Informationsverhalten der Ärzte und Apotheker bei der Selbstmedikation an.

"Selbstmedikation", so Dr. Bernd Eberwein, "kann auch in differenzierten Indikationen möglich sein, wenn die entsprechenden Informationen zugänglich und verständlich sind". Eberwein verbindet damit auch ein Plädoyer für das Grundprinzip der arztgestützten Selbstmedikation. Die Erstdiagnose sei in jedem Fall vom Arzt zu stellen, der auch die weitere Medikation begleiten sollte. Als Reaktion auf die Entscheidung des Gesetzgebers, dass rezeptfreie Arzneimittel seit 2004 keine Kassenleistung mehr sind, wurde das Grüne Rezept geschaffen - eine Unterscheidung zum Kassen- und Privatrezept.

Mit der Entwicklung neuer Informationstechnologien, vor allem des Internets, sind nach Auffassung von BfArM-Chef Löwer neue Herausforderungen entstanden. Er hält es für möglich, dass sich ein Teil der Patienten auf ausschließlich unkontrollierte, nicht sichere Informationen aus dem Internet abstützt und nicht die Chance wahrnimmt, den Arzt zu konsultieren.

OTC-Switches in den letzten zehn Jahren

JahrArzneimittelAnwendung
1999DiclofenacRheuma (äußerlich)
NedocromilAntiallergikum (Nase und Auge)
FamotidinMagenübersäuerung, Sodbrennen
RanitidinMagenübersäuerung, Sodbrennen
2000NicotinRaucherentwöhnung (Kaugummi 4 mg, Sublingualtablette 2 + 4 mg)
2001TerbinafinPilzerkrankungen (äußerlich)
IbuprofenSchmerzen (flüssige Form)
RanitidinMagenübersäuerung, Sodbrennen (flüssige Form)
2002NaproxenSchmerzen
IbuprofenSchmerzen (Darreichungsform Zäpfchen)
LodoxamidAugentropfen
2003AzelastinAugentropfen
TriamcinolonHafttabletten (zur Anwendung im Mund)
2004DiclofenacSchmerzen
FlurbiprofenEntzündung des Rachenraumes
NicotinRaucherentwöhnung (orale Zubereitungen, weitere Ausnahmen)
2005PenciclovirLippenherpes
IbuprofenMigräne mit oder ohne Aura
MiconazolPilzerkrankungen der Mundhöhle
MinoxidilHaarausfall
2006NaratriptanMigräne
2007HydrocortisonTopische Anwendung (Erhöhung der Einzeldosis)
DiclofenacErhöhung der Einzeldosis
2009AlmotriptanMigräne
OmeprazolSodbrennen und saures Aufstoßen
OrlistatAdipositas (von der EU-Kommission europaweit zugelassen)
PantoprazolRefluxsymptome (von der EU-Kommission europaweit zugelassen)
Quelle: BAH - Tabelle: Ärzte Zeitung

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Schlagabtausch um die Neuordnung des Arzneimittelmarktes

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