Ärzte Zeitung online, 23.05.2018

Antibiotikaresistenz

Tests sollen Ärzten Verschreibungsdruck nehmen

Schnelltests und weniger Verschreibungsdruck in den Arztpraxen sollen helfen, den Verbrauch an Antibiotika zu senken. Auch das Gesundheitsministerium ist aktiv.

Von Anno Fricke

Tests sollen Ärzten Verschreibungsdruck nehmen

Petrischale auf Forscherhand: Schnelltests sollen Ärzte bei der Antibiotikaverordnung unterstützen.

© picprofi /stock.adobe.com

BERLIN. Antibiotikaresistenzen sind eine tödliche Gefahr. Wissenschaftler an der Berliner Charité schätzen, dass in Deutschland zwischen 1000 und 4000 Menschen im Jahr daran sterben, etwa 25.000 in Europa. Weltweit sind es möglicherweise 700.000 Opfer, die die Antibiotikaresistenzen im Jahr fordern.

Verbrauch von Antibiotika

  • 700 bis 800 Tonnen Antibiotika wurden im Jahr 2015 in der Humanmedizin eingesetzt.
  • 2014 wurden 1238 Tonnen Antibiotika in der Veterinärmedizin verbraucht, zum Beispiel in der Tiermast.
  • 2016 betrug der Verbrauch in der Tiermedizin nur noch 742 Tonnen.
  • In der EU liegt Deutschland bei der Humanmedizin im unteren Drittel des Antibiotika-Verbrauchsrankings.

    Quelle: GERMAP 2015/BVL

  • Ärzten ist das Phänomen nicht fremd. 75 Prozent der Ärzteschaft habe bereits einmal ein Therapieversagen bei Antibiotika erlebt, sagte VDGH-Vorstandschef Matthias Borst zum Auftakt der öffentlichen Mitgliederversammlung des Verbands der Diagnostica-Industrie in Berlin.

    Die Hersteller spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Produktion von Schnelltests, die den Verbrauch von Antibiotika senken helfen sollen, zum Beispiel, indem sie den Arzt schnell darüber informieren, ob eine Infektion viralen oder bakteriellen Ursprungs ist.

    Gesamtverbrauch muss runtergehen

    Resistenzbildung ist eine natürliche Reaktion der Keime auf die Antibiotikagaben. "Wir müssen schnell den Gesamtverbrauch einschränken", sagte Professor Klaus Heeg, ärztlicher Direktor, Medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum Heidelberg.

    Es sei ganz eindeutig: "Je mehr Antibiotika man gibt, desto mehr Resistenzen gibt es", sagte Heeg. Noch sei kein hochspezifischer Test verfügbar. Der sei aber für die niedergelassenen Ärzte wichtig. 90 Prozent der Antibiotika würden von den niedergelassenen Ärzten verordnet, sagte Heeg. Vor allem bei Atemwegsinfektionen seien neun von zehn Antibiotikaverordnungen unnötig, weil sie gegen Vireninfektionen nichts ausrichten könnten.

    Projekt: Resist

    Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Ersatzkassen haben daher das vom Innovationsfonds mit 14 Millionen Euro unterstützte Projekt "Resist" aufgelegt, um an der Verschreibungspraxis etwas zu ändern. 2500 Ärzte nehmen teil. "Kommunikation kann den Verbrauch senken", sagte Ute Leonhardt vom Verband der Ersatzkassen (vdek).

    Der Arzt müsse dem Patienten vermitteln, dass er auch mit Antibiotika nicht schneller gesund werde, wenn seine Infektion viral sei, sagte Leonhardt. Dr. Bernhard Gibis von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gab als Ziel aus, das Projekt in die Regelversorgung zu überführen. Ende Juli 2019 könne die Evaluation beginnen, 2020 lägen die Ergebnisse vor, so Gibis.

    Unterstützt werden müssten alle Anstrengungen durch für die Ärzte in den Praxen praktikable Tests, waren sich die Experten einig. Die könnten zwar nur Wahrscheinlichkeiten liefern, seien aber die Türöffner für die richtige Therapie. Die Kassen müssten schnell damit beginnen, die Tests zu erstatten. Um die notwendigen Skaleneffekte zu erzielen, dürften die Tests zudem nicht die Laborbudgets der Vertragsärzte strapazieren.

    Beschlüsse liegen bereits vor

    An dieser Stelle tut sich etwas. Die Selbstverwaltung hat den Auftrag aus dem Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG) vom März 2017 umgesetzt, zu erörtern, in welchem Umfang Diagnostika zur schnellen und zur qualitätsgesicherten Antibiotikatherapie in der vertragsärztlichen Versorgung eingesetzt werden können.

    Die Beschlüsse des Bewertungsausschusses lägen schon zur Rechtsaufsicht im Gesundheitsministerium, sagte der zuständige Unterabteilungsleiter Heiko Rottmann-Großner.

    Dieser Artikel wurde am 25.5.2018, 14.26 h, korrigiert. Im Infokasten wurde die Antibiotika-Verbrauchszahl für 2014 konkretisiert und die für 2016 ergänzt.

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    [23.05.2018, 23:16:53]
    Dr. Robert Künzel 
    Dem Artikel wäre eigentlich voll und ganz zuzustimmen, aber....
    leiiiider sieht die Realität eben anders aus. Schnelltest ist eben nicht gleich Schnelltest, die unheilige Lobby der Laborärzte wird schon wie in der der Vergangenheit dafür sorgen, daß kein Praktiker in seiner täglichen Arbeit Zugang zu einem guten POC-Test erhält, der auch noch eine vernüftige Honorierung am POC ( und NICHT in der Laborfabrik ) generieren kann. Der Test auf occultes Blut lässt güssen .....
    Aber eigentlich entsteht der "Verordnungsdruck" ja ganz woanders. Wären nicht sämtliche guten und nebenwirkungsarmen Antiifektiva (z.B. Angocin, Sinupret u.v.m.) von der Erstattung durch die GKV ausgeschlossen, dann würden nur noch die wenigsten Patienten "Druck" aufbauen.
    Die Verlockung ist doch sehr gross, wider besseren Wissens lieber ein kostenloses (oder max. Rp-Gebühr kostendes) Antibiotikum beim Arzt einzufordern als schnell mal eben die Wochenration Hartz-4 dem Apotheker über den Tresen zu schieben. Wären die rezeptfreien Phytotherapeutika wieder für alle Altersklassen GKV-erstattungsfähig und würde man den Veterinären auf die Finger klopfen, die Antibiotika mit Kleintransportern auf die Bauernhöfe karren, dann gäbe es bald kaum mehr Resistenzprobleme. zum Beitrag »

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