Ärzte Zeitung, 16.09.2008
 

Pädiater pochen auf ihre besondere Kompetenz für kranke Kinder

Sie fühlen sich bedroht von Hausärzten und Internisten. Doch den Bedrohungsszenarien setzen die Pädiater ihre Kompetenz und Erfolge entgegen. Und die Hoffnung auf einen Kompromiss der Disziplinen.

Von Raimund Schmid

Pädiater pochen auf ihre besondere Kompetenz für kranke Kinder

Der Kinderarzt als Spezialist: Für manche Leistungen wollen die Pädiater eine Exklusivität beanspruchen.

Foto: ddp

Selten hat die Gesundheits- und Berufspolitik auf Jahrestagungen von wissenschaftlichen Fachgesellschaften in der Pädiatrie derart im Fokus gestanden wie jetzt bei der 104. Jahrestragung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) in München. Schon zu Beginn des viertägigen Kongresses konfrontierte DGKJ-Präsident Hans Josef Böhles die mehr als 3500 deutschen und österreichischen Pädiater mit einem düsteren Szenario.

Die Pädiatrie sei heute das am meisten bedrohte Fach in der Medizin, weil die Politik die gesundheitspolitischen Weichen falsch gestellt habe und das Fach von anderen Disziplinen wie der Allgemeinmedizin oder der Inneren Medizin eingenommen zu werden drohe. Böhles: "Ja es ist richtig, wir kämpfen ums Überleben."

Allerdings ist auf dem Münchener Kongress auch deutlich geworden, dass nun alle Verbände und Gesellschaften in der Pädiatrie geschlossen mobil machen, damit dieses Szenario nicht Realität wird. "Wir", so Böhles in München, "sind doch die einzige Fachgruppe, die wirklich spezifische und fundierte Kenntnisse für die Behandlung von Kindern vorweisen kann."

Falls es brenzlig wird oder gar brennt, sei einzig und allein der Pädiater in der Lage, den Brandherd zu löschen. Ähnlich sei dies ja auch bei der Feuerwehr. Auch dort dürfe nur derjenige den Brand löschen, der dafür nachweislich in der Lage sei. "Wieso sollten diese überall gültigen Gesetzmäßigkeiten ausgerechnet bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen außer Kraft gesetzt werden?" fragte Böhles.

Hinzu komme, dass das Fach Kinder- und Jugendmedizin eine "Erfolgsstory ohnegleichen" vorlegen könne. So konnte zum Beispiel die Säuglingssterblichkeit seit den 60er Jahren um das 60-Fache gesenkt werden. Mit dazu beigetragen haben die Gynäkologen und vor allem die Pädiater, indem sie eine effektive Perinatologie aufgebaut haben.

Kindersterblichkeit ist auf ein Bruchteil gesunken

Seit den neunziger Jahren konnte durch Aufklärungsmaßnahmen der Kinder- und Jugendärzte die Zahl der Fälle beim Plötzlichen Kindstod von über 1300 auf heute unter 300 Säuglinge pro Jahr gesenkt werden. Und schließlich, so Kongressleiter Professor Hubertus von Voß, sei es allein den Pädiatern zu verdanken, dass heute Kinder mit Down-Syndrom durchschnittlich älter als 50 Jahre werden, während 1930 noch 75 Prozent der Kinder vor der Pubertät gestorben sind.

Diese Erfolge, so Böhles und von Voß, dürften sich Pädiater von keinem zerreden lassen, auch nicht von Allgemeinärzten oder Internisten, die glaubten, "alles genauso gut wie ein Pädiater leisten zu können."

Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), nutzte die Bühne in München auch dazu, die Position des Hausärzteverbandes zu hinterfragen. Dieser setze derzeit stark auf die Karte als Familienarzt, die aber längst nicht mehr steche. 40 Prozent der Bevölkerung leben heute gar nicht mehr in familiären Strukturen, so dass die Probleme einer Familie häufig gar nicht mehr einheitlich zu beurteilen seien. Hinzu komme, dass einzelne Familienmitglieder heute oft unterschiedliche Hausärzte aufsuchen, so dass der Blick auf die ganze Familie verloren gehe.

Hartmann stellte klar, dass die Pädiater entgegen einiger Äußerungen aus dem Hausärzteverband keinen Alleinvertretungsanspruch für die komplette Versorgung von Kindern erheben. Tatsache sei aber, dass "wir für bestimmte Versorgungsaufträge bei Kindern und Jugendlichen aufgrund unserer fünfjährigen Weiterbildung eine besondere Qualifikation haben." Diese treffe zum Beispiel für die Sozialpädiatrie und eine Vielzahl spezifischer Organfächer zu.

Alle pädiatrischen Verbände waren sich deshalb zum Abschluss des Kongresses einig, dass es auch weiterhin spezielle Leistungen bei Kindern und Jugendlichen geben müsse, die an eine entsprechende Weiterbildung gebunden sein müssen. Das sei auch in allen anderen Fachgebieten der Medizin üblich. Welche Leistungen das im Einzelnen sind, sollte möglichst bald zwischen den kinder- und hausärztlichen Verbänden unter Einbeziehung der Bundesärztekammer kollegial vereinbart werden.

Pädiatrie - ein eigenständiges Fach

Klinisch und wissenschaftlich tätige Pädiater, Sozialpädiater, niedergelassene Kinder- und Jugendärzte und Sozialpädiater sind sich einig: Die Kinder- und Jugendmedizin muss auch künftig als eigenständiges Fach bestehen bleiben und sogar noch ausgebaut werden. Bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin am Wochenende in München haben die pädiatrischen Verbände damit dem Ansinnen des Hausärzteverbandes eine Absage erteilt, nahezu gleichwertig alle Kinder und Jugendliche behandeln zu dürfen.

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