Ärzte Zeitung, 04.10.2010

Hintergrund

Darf der Arzt auch den Tod bringen? Die Grenzen der
Selbstbestimmung sind strittig

Dürfen Ärzte das Sterben eines Menschen aktiv "beschleunigen"?

© epd

Darf der Arzt auch den Tod bringen? Die Grenzen der Selbstbestimmung sind strittig

Am Beispiel der Diskussion über Sterbehilfe und Patientenautonomie zeigt sich, wie kontrovers der Kern des Konzepts von Menschenwürde interpretiert wird.

Von Thomas Trappe

Man kann den Veranstaltern ein glückliches Händchen bescheinigen: Vertreter der sich gegenüberstehenden Positionen waren versammelt, ohne dass darüber der Raum für die Abwägungen genommen wurde, den das Thema erfordert.

Die Podiumsdiskussion "Patientenautonomie - Bis in den Tod?" im Dresdner Schauspielhaus eröffnete den 8. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin in Dresden. Die Debatte war ein Spiegel des Spannungsfelds, in dem sich die Frage der Selbstbestimmung über den eigenen Tod bewegt. Darf ein Arzt beim Suizid helfen? Hat die Selbstbestimmung Grenzen?

Darf der Arzt auch den Tod bringen? Die Grenzen der Selbstbestimmung sind strittig

Jochen Bohl, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen.

© dpa

Jochen Bohl, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, machte deutlich, dass er für aktive Sterbebegleitung nach Schweizer Modell keine Rechtfertigung sieht. "Es gehört nicht zur Würde des Menschen, Leben zu beenden", sagte er. In Deutschland, zeigte sich der Theologe überzeugt, werde die "Selbstbestimmung oft sehr einseitig verstanden", schließlich gelte auch die Fürsorge als eine Pflicht. "Die niedrigste Anforderung an den Arzt ist: Sein Handeln darf nicht schaden." Würde der Gesetzgeber das Signal aussenden, "dass Ärzte auch den Tod bringen können", wäre das ein fatales Signal.

Nicht zufällig platzierten die Veranstalter neben dem Bischof Dr. Michael de Ridder, seine Meinung zur Sterbebegleitung hätte kaum gegensätzlicher sein können. Der Internist und Notfallmediziner des Berliner Klinikums am Urban präsentierte sich als strikter Befürworter der Selbstbestimmung über den eigenen Tod. "Der Kern der Menschenwürde ist die Selbstbestimmung", so de Ridder. Das schließe auch den Willen ein zu sterben - und dabei auf ärztliche Unterstützung zurückgreifen zu können.

Es sei ein "Irrtum", dass Ärzte nur einen Heilungsauftrag hätten. "Wenn eine Heilung unmöglich ist, dann gilt der palliative Auftrag", erklärte de Ridder. Dass Heilung und Sterbebegleitung medizinisch gleichwertig seien, "muss viel intensiver in die Köpfe der Ärzteschaft gebracht werden".

Im Publikum traf de Ridder mit seiner Forderung nach einem neuen Umgang mit der Sterbebegleitung einen Nerv, kaum ein anderer Podiumsteilnehmer erntete so viel Applaus. Besonders, als er ein Dilemma der Medizin ansprach, schien der Notfallmediziner weit verbreitete Sorgen aufzugreifen: "Das Leiden der Menschen, die gerne mit ärztlicher Hilfe sterben wollen, entsteht oft erst, weil die Medizin ihnen ein langes Leben ermöglicht." Ärzte stünden also auch hier in einer besonderen Verantwortung, der sie sich nicht entziehen dürften.

Darf der Arzt auch den Tod bringen? Die Grenzen der Selbstbestimmung sind strittig

Dr. Michael de Ridder, Internist und Notfallmediziner in Berlin.

© Reiner Zensen / imago

Bis jetzt hingegen führen rund 100 Deutsche jährlich in die Schweiz, um den dort legalen "assistierten Suizid" zu begehen. Diese Zahl nannte der Schweizer Autor Nicola Bardola, der sich vehement für eine Gesetzesänderung zur Sterbebegleitung in Deutschland aussprach. Bardolas Eltern ließen sich vor zehn Jahren von einem Arzt in den Tod begleiten. Besonders ältere Menschen, so Bardolas Erfahrung, verstünden das Verbot der Sterbehilfe meist als Pflicht zum Leiden. Man sollte in Deutschland in dieser Frage aber "das Individuum in den Vordergrund stellen".

Unterstützt wurden die Befürworter der ärztlichen Sterbebegleitung von Jan Peter Beckmann, Professor für Philosophie an der Fernuniversität Hagen, der einräumte, dass seine Thesen zur Autonomie des Menschen nicht mit den kirchlichen Vorstellungen einhergehen. "Es gibt keine Pflicht des Patienten, schwer erträgliches Leid zu ertragen, und damit kein Recht des Arztes, den Patienten widerwillig am Leben zu halten", sagte er. Der Patient mache dabei einzig von einem Abwehrrecht Gebrauch. Einig war sich die Befürworter der Sterbehilfe, dass diese nur ärztliche Aufgabe sein kann, wenn der Heilungsauftrag nicht mehr umzusetzen ist.

Und dass die Debatte um Sterbebegleitung nicht mit jener um Palliativbetreuung vermengt werden dürfte. Palliativangebote sollten in jedem Fall in ganz Deutschland ausgebaut werden, forderte der Experte Professor Friedemann Nauck. Auch das sei ein Schritt hin zu mehr Patientenautonomie.

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[04.10.2010, 20:50:13]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Von "aktiver" und "passiver" Sterbehilfe
Der ärztlich „assistierte Suizid" als „aktive Sterbehilfe“ ist im deutschen Rechtssystem mit dem Verbot der "Tötung auf Verlangen" nach § 216 StGB strafbar. Wegen der Schuldabstufung von "fahrlässiger Tötung", "Tötung auf Verlangen" (Strafmaß 6 Monate bis 5 Jahre Freiheitsentzug) zu "Totschlag" mit Vorsatz oder gar heimtückischem oder Straftat verdeckendem "Mord" aus niedrigen Beweggründen (Strafmaß bis Lebenslänglich), wird der "assistierte Suizid" meist mit niedrigem Strafmaß abgeurteilt. Sofern es überhaupt zu einem gerichtsfesten Nachweis kommt. Die „passive Sterbehilfe“ mit Unterlassen in aussichtslosen Fällen oder bei unzweideutiger Willenserklärung ist noch vor Kurzem vom Bundesverfassungsgericht legitimiert und bestätigt worden.

Unser deutsches Rechts- und Wertesystem hat zutiefst christliche Wurzeln. Es ist aufschlussreich, vom islamischen Wertesystem vergleichbare Konsequenzen zu hören. Doch hilft der Begriff Selbstbestimmung nicht weiter. Er ist nicht allein der "Kern der Menschenwürde". Das "Mensch-Sein" ist ein Mosaik mit vielschichtigen Facetten von bio-psycho-sozialen Entitäten, kultureller Reflexion, Kommunikation, Geselligkeit und Einsamkeit, Sexualität und Sinnlichkeit, Genuss und Reue, Freude und Glück, Angst und Schmerz, Krankheit und Gesundheit. Im urchristlichen Sinne von Glaube, Hoffnung, Liebe aber auch von Solidarität und Verantwortung. Die reine Selbstbestimmung definiert sich auch immer als Kampf gegen Fremdbestimmung und muss sich unablässig vom Anderen abgrenzen. Im Spannungsbogen von Sexualität, Schwangerschaft, Geburt, Leben, Sterben und Tod ist eine "freie Selbstbestimmung" "freier Bürger" oft nur rudimentär zu erkennen. Genau deshalb gibt es das Prinzip "Liebe", das Prinzip "Verantwortung" und das "Prinzip Hoffnung" (Erst Bloch).

Wenn wir palliative Medizin ernst nehmen wollen, dann müssen wir an dem individuellen "point of no return" ehrlich sein, wenn die medizinische Hoffnung schwindet, der Patient auf sein Sterben zugeht und wir Ärztinnen und Ärzte buchstäblich nichts, absolut nichts Kuratives mehr beizusteuern haben. Doch dann setzt oft, so fürchte ich, das absolute "Helfer-Syndrom" mit unvermittelter Macht und Nachdruck ein. Den Patienten dürfe man doch nicht so einfach sterben lassen, da müsse man doch etwas tun. Man unterlässt nicht einfach Alles, man lässt Es nicht laufen, sondern verfällt in einen wilden Aktionismus: aktive Sterbehilfe, assistierter Suizid, Erlösungspflicht; sind das nicht eventuell die Krankheiten, die man lindern zu wollen, vorgab?

Können wir, also Sie und ich, den sterbenskranken Patienten nicht dort abholen, wo er sich gerade befindet, in seiner Todesangst, seinem Lebensüberdruss, seinem Schmerz, seiner Not, seiner Pein, seiner Depression, seiner Hoffnungslosigkeit aber auch in seiner Hoffnung auf Erlösung, seiner Leichtigkeit, seines Abschieds, seines Dahinschwebens, seines Hinscheidens und seiner Vergänglichkeit? Können wir nicht einfach abwarten, begleiten, Trost, Hilfe und Intervention nur dann geben, wenn es wirklich sinnvoll und notwendig ist, vom ersten bis zum letzten Atemzug des Menschen?

Mit kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[04.10.2010, 14:00:51]
Dr. Mustafa Ayhan 
Faszination und Neid
Ich beobachte die Diskussionen zum Thema Sterbehilfe im deutschsprachigen Raum schon seit längerem und kann dabei weder meine Faszination, noch einen gewissen Neid verbergen.
Als praktizierender Arzt in der Türkei ist es uns nicht mal möglich das Thema anzuschneiden ohne geächtet zu werden. Die Stellung der islamischen Religion gegenüber dem Thema ist die selbe wie die der Kirche, aber es wird kein Wiederspruch geduldet und die Verteidiger der religiösen Ansicht ist das Volk selbst obwohl das ganze am Ende zu deren eigenem Wohle wäre.
So bleibt uns nur noch zu hoffen dass sich das schweizer Model auch in anderen Ländern durchsetzt und das Thema dadurch auch bei uns ansprechbar wird ohne dabei als Gotteslästerer angegriffen zu werden.

mfG

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