Ärzte Zeitung, 08.12.2016
 

Medikationsplan

Idee ist gut, Umsetzung hat Luft nach oben

Einigkeit gibt es zwischen Ärzten und Apotheken nur in der Kritik: Der Medikationsplan stieß beim Eppendorfer Dialog auf Enttäuschung. Ärzte monieren die Vergütung, Apotheker die fehlende Beteiligung beim Medikationsmanagement.

Von Dirk Schnack

Idee ist gut, Umsetzung hat Luft nach oben

Hilft der Medikationsplan?: Arzt-Patienten-Kommunikation ist Dreh- und Angelpunkt für gute Compliance.

© Raths / fotolia.com

HAMBURG. Breite Kritik am Medikationsplan: Ärzte, Apotheker und Wissenschaftler halten das Vorhaben zwar für eine große Chance – der Gesetzgeber aber hat diese nach ihrer Ansicht nicht genutzt. Deutlich wurde dies beim 20. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik. Er gab dem Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses des Bundestages, Professor Edgar Franke (SPD), viele Anregungen zur Verbesserung mit auf den Weg.

Franke selbst verteidigte den seit Oktober vorgeschriebenen Medikationsplan als "ersten Schritt in die richtige Richtung". Auf die zum Teil massive Kritik aus den Heilberufen konterte er mit Hinweisen auf die schleppende Umsetzung der Selbstverwaltung etwa bei der elektronischen Gesundheitskarte und die im Gegensatz dazu stehenden Reformen in dieser Legislaturperiode im Gesundheitswesen. Vor allem ärztliche Kritik über die Honorierung des Medikationsplanes hält er unter Hinweis auf eine "Mischkalkulation" für übertrieben.

"Rolle der Apotheker stärken"

Er deutete zwar an, dass man "perspektivisch zu einer Lösung kommen" könnte – wie diese aber aussehen soll, ließ er offen. Die von Apothekern aufgestellte Forderung nach einer besseren Einbindung ihrer Qualifikationen begrüßte er: "Wir werden die Rolle der Apotheker stärken und präzisieren müssen."

Zuvor hatte Schleswig-Holsteins KV-Chefin Dr. Monika Schliffke den Medikationsplan aus Sicht der Ärzte als "betriebswirtschaftlichen Flop" bezeichnet. Sie rechnete vor, dass Ärzte Anschaffungskosten im vierstelligen Bereich haben werden. Hausärzte könnten aber nur mit Erträgen von rund 150 Euro je Quartal für die mit dem Medikationsplan anfallenden Leistungen rechnen. "Die Einführung des Medikationsplans appelliert an die ärztliche Ethik", stellte Schliffke dazu fest.

Zugleich zeigte sie, dass Ärzte großes Interesse an einem besseren Medikationsmanagement haben – dafür stehen nach ihrer Beobachtung aber bessere Instrumente zur Verfügung. "Zukunft geht eigentlich anders", sagte die KV-Chefin unter Hinweis auf App-Lösungen. Diese haben nach ihrer Auffassung zwei entscheidende Vorteile gegenüber der von der Politik eingeführten Lösung: Patienten hätten die Daten über ihr Smartphone immer dabei und sie wären tatsächlich "Herr über ihre Daten".

Patientenbegleitung nicht im Blick

Eine ganz andere als die vom Gesetzgeber vorgegebene Rolle beim Medikationsmanagement wünschen sich die Apotheker. Apotheker und Publizist Dr. Thomas Müller-Bohn sieht die Qualifikation seines Berufsstandes durch den Medikationsplan nicht berücksichtigt. "Der Plan ist nur eine Liste. Er fokussiert nur auf die Abgabe des Medikaments, nicht auf die Begleitung des Patienten", sagte Müller-Bohn. Neben einer Honorierung für die Apotheker vermisst er eine strukturierte Kommunikation zwischen Apotheker, Arzt und Patient, wie sie etwa das Modellprojekt ARMIN ermöglicht.

Müller-Bohn forderte, die Medikation als Prozess zu verstehen, dabei die Qualifikation der Apotheker zu berücksichtigen – und diese auch zu bezahlen. Von seinem Berufsstand forderte Müller-Bohn trotz der Enttäuschung über den Medikationsplan eine "jetzt erst recht"-Reaktion auf die "Nebenrolle", die der Gesetzgeber ihm zugedacht habe. In die gleiche Richtung argumentierte Pharmakologe Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Ziel müsse eine stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit sein, so Glaeske. Er forderte eine "gleichberechtigte" Rolle von Ärzten und Apothekern.

Weiter als der Gesetzgeber geht man im Modellprojekt ARMIN in Sachsen und Thüringen. Dr. Ulf Maywald, Bereichsleiter Arzneimittel der AOK Plus, nannte als Voraussetzung für eine erfolgreiche Arzneimitteltherapie: "Wille und Strukturen für ein Medikationsmanagement müssen geschaffen werden. Der Medikationsplan ist da nur ein Mittel zum Zweck." Wie der elektronische Plan in Sachsen und Thüringen wirkt, wird evaluiert – Ergebnisse liegen noch nicht vor.

[08.12.2016, 21:37:59]
Thomas Georg Schätzler 
Wie schon gesagt: "Einen selbsterklärenden Medikationsplan gibt es nicht!"
Der Medikationsplan wirkt sich an vielen Stellen in den Praxisabläufen aus. Der Allgemeinarzt und Blogger Dr. med. Thomas Schätzler aus Dortmund erläutert, was sich in seiner Praxis ändert und wie die Motivation Medikationspläne zur erstellen sich entwickelt.

In meiner innerstädtischen hausärztlichen Praxis hat der Rentner-Anteil mit Multimorbidität und Mehrfachmedikation seit der Praxisgründung 1992 erheblich zugenommen. Für alle interaktions- und kommunikations-eingeschränkten Patientinnen und Patienten ist meines Erachtens ein alters- und anzahlunabhängiger Medikationsplan erforderlich. Bei Betreuung und Unterstützung durch Dritte sogar regelmäßig.

Circa 60 bis 70 Prozent meiner etwa 1000 Patienten pro Quartal brauchen dringend einen Medikationsplan: Entweder wegen bio-psycho-sozialer Einschränkungen, wegen zu hoher oder unübersichtlicher Anzahl der unterschiedlichen Medikationen oder auch aufgrund ihrer spezifischen Erkrankungen mit besonderem Einnahme-Regime, zum Beispiel bei Parkinson, Schilddrüsenerkrankungen oder Typ-1- und Typ-2-Diabetes.

Ab drei Medikamenten kann es schon kritisch werden, wenn noch Selbstmedikationen hinzukommen. Einen sich selbst erklärenden Medikationsplan gibt es nicht. Fünf Minuten pro Patient pro Quartal sind das Minimum für Erläuterungen sowie Hinweise auf mögliche Interaktionen und Nebenwirkungen. Das sind 20 Minuten pro Jahr, wobei sich der Aufwand durch ständig wechselnde Namen, Logos, Verpackungen und Generika-Produktwechsel auf der Jagd nach minimalen Einspar-Rabatten in den Apotheken doch spürbar verschärft.

Mindestens in 60 Prozent aller Patienten, die eine Medikamentenverordnung erhalten, benötigen den Medikationsplan. Bei uns in der Praxis seit 1992 manuell, seit 1995 mit EDV-Unterstützung. Ein großes Manko ist, dass den Patienten ihr Kassenrezept alternativlos in den Apotheken weggenommen wird, obwohl es als essenzieller Bestandteil der Arzt-Patienten-Kommunikation gilt.

Meine Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe konterkariert die Übersichtlichkeit der Medikation noch dadurch, dass beispielsweise in Zeiten der international anerkannten "Single-pill"-Hochdrucktherapie zur Verbesserung von Compliance und Adhärenz aus rein taktisch-ökonomischen und nicht-medizinischen Gründen nur noch Einzelsubstanzen in der Hochdrucktherapie verordnet und in der Offizin abgegeben werden sollen. Damit verdreifachen sich Einnahme-Fehler und -Risiken bei Dreier-Kombinationen.

Die Resonanz unserer Patienten auf den Medikationsplan, und damit schließe ich meine MFA als Mitarbeiterin ein, ist sehr positiv. Oft beklagen sie sich, dass Privatpatienten mit gleicher Medikation in der Apotheke das Rezept zurückerhalten und nachkontrollieren können, was ihnen ausgehändigt und beschriftet wurde.

Wesentlich bei der Compliance ist, dass auf jedem Rezept, das meine Praxis verlässt, eine exakte Dosierungsempfehlung und Anwendungsempfehlung steht (Dokumentationspflicht). Ein Medikationsplan erhöht die Arzneimittelsicherheit, insbesondere wenn eine intelligente, zielführend-indikationsgerechte Medikation darauf steht.

Aber das ist keineswegs selbstverständlich: Auf dem ersten von der Initiative Arzneimittelsicherheit veröffentlichten Modell-Medikationsplan findet sich ein unterdosiertes Antibiotikum und 3x2 (!) Sekretolytikum täglich. Der 2. Modell-Medikationsplan war auch nicht besser. Als Honorar einen Praxisumsatz von 94 Cent bis zu einem Euro im Quartal seitens der Kassenärztlichen Bundesvereinigung anzubieten, ist indiskutabel, demotivierend und verantwortungslos. Da muss nachgebessert und der individuelle hausärztliche Mehraufwand abgebildet werden.

Nach
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/special-arzt-patient/article/920301/interview-selbsterklaerenden-medikationsplan-gibt-nicht.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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