Ärzte Zeitung online, 20.09.2017
 

Gassen zur Honorarentscheidung

"Die Haltung der Kassen ist irrational"

Die Vertragsärzte kauen schwer am schwachen Ergebnis der Honorarverhandlungen für 2018. Es sei fraglich, ob der aktuelle Mechanismus auf Dauer ein geeignetes Preisfindungsinstrument sei, so KBV-Chef Dr. Andreas Gassen.

"Die Haltung der Kassen ist irrational"

Kaum Honorarplus: Letztlich könne 2018 jede Vertragsarztpraxis im Durchschnitt lediglich mit zusätzlichen Einnahmen von 3000 Euro brutto rechnen, so die KBV.

© Andrei Tsalko / stock.adobe.com

BERLIN. Die Haltung der Kassenseite sei "irrational", kommentierte Dr. Andreas Gassen die moderate Honorarsteigerung am Mittwoch in Berlin. Die Vertragsärzte hatten 2,4 Prozent gefordert. Herausgekommen sind 1,18 Prozent Zuschlag auf den Orientierungspunktwert.

Am Dienstag hatte sich der Erweiterte Bewertungsausschuss gegen die Stimme der KBV auf diese Anhebung des Orientierungswerts geeinigt. Das macht 437,8 Millionen Euro aus, die den Ärzten 2018 zukommen. Dazu addieren sich Einnahmen aus dem geschätzten Anstieg des morbiditätsbedingten Behandlungsbedarfs von 79,3 Millionen Euro. Weitere 8,5 Millionen Euro flössen aufgrund eines nicht vorhersehbaren Anstiegs des morbiditätsbedingten Behandlungsbedarfs in die Kassen der Ärzte.

Knackpunkt extrabudgetäre Leistungen

Letztlich könne jede Vertragsarztpraxis im Durchschnitt lediglich mit zusätzlichen Einnahmen von 3000 Euro brutto im Jahr rechnen, äußerten sich die enttäuschten Vertreter der KBV am Mittwoch. Außerhalb der Honorarverhandlungen hat die Kassenseite den Ärzten zwar weitere 63 Millionen Euro für die Nichtärztlichen Praxisassistentinnen (NäPa) zugestanden. Dazu kommt ein Honorarrahmen von 400 Millionen Euro für extrabudgetäre Leistungen. Diese müssten dann aber auch tatsächlich zusätzlich erbracht werden, betonten die KBV-Vertreter.

KBV-Chef Gassen plädierte vor diesem Hintergrund für eine Rückkehr zu Verhandlungen mit den Kassenverbänden und Einzelkassen. Dort sei die Versorgungsnähe ausgeprägter als beim gesetzlich zugewiesenen Verhandlungspartner GKV-Spitzenverband. Der hatte ursprünglich sogar auf einer Nullrunde bestanden. Schlichter Professor Jürgen Wasem hatte letztendlich salomonisch den Mittelwert festgesetzt.

Johann-Magnus v. Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes hatte gestern zur Entscheidung erklärt: "Das ist eine maßvolle Entscheidung, die sowohl den Honorarinteressen der niedergelassenen Ärzte als auch denen der Beitragszahler gerecht wird".

70 Cent pro Fall im Quartal mehr

Die Ärzteschaft sieht das anders. "Im Ergebnis sind das 70 Cent pro Fall im Quartal mehr. Drei Pfandflaschen vom Discounter, also 70 Cent mehr für die Versorgung im Quartal für einen Patienten – das ist die Botschaft der Bundesebene der Krankenkassen an die Menschen und niedergelassenen Ärzte, wie viel sie ihnen wert sind", zeigten sich der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg Dr. Norbert Metke und sein Stellvertreter Dr. Johannes Fechner verärgert.

Wenig Verständnis für die Kassenreaktion zeigte ebenso KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister: Die Kassen säßen ausweislich aktueller Berechnungen auf Rücklagen von 17,5 Milliarden Euro. Es sei zu erwarten, dass die Kassen den Versicherten hohe Beitragsrückerstattungen gewähren würden.

Und auch in den anderen Ärzteverbänden muss das bescheidene Ergebnis erst noch verdaut werden. Der Hartmannbund wollte sich am Mittwoch nicht äußern. "Für die Hausärztinnen und Hausärzte sowie den hausärztlichen Nachwuchs stellt der Honorarabschluss keinen Fortschritt dar", hieß es beim Deutschen Hausärzteverband. (af)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
KBV stellt Systemfrage

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