Ärzte Zeitung online, 09.11.2017
 

Fachkräftemangel

Wirtschaftsweise blicken in die Zukunft

Mit Blick auf die demografische Entwicklung mahnen die Wirtschaftsweisen an, vorhandene Potenziale im Gesundheitswesen besser auszuschöpfen. Einen Fachkräftemangel in der Pflege sehen sie noch nicht, wohl aber Engpässe.

Von Helmut Laschet

Wirtschaftsweise blicken in die Zukunft

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erhält gleich von Christoph Schmidt (r) das Gutachten der "Wirtschaftsweisen".

© Silas Stein / dpa

BERLIN. Stärkung der ambulanten Medizin, sektorübergreifende Kooperation , bessere Patientensteuerung und Digitalisierung empfehlen die Wirtschaftsweisen als wichtigste Instrumente, um zwei Herausforderungen im Gesundheitswesen der Zukunft zu begegnen: der demografischen Entwicklung und dem zunehmenden Fachkräftemangel.

In dem am Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überreichten Gutachtung des Sachverständigenrats heißt es: "Neben dem Erhalt angemessener Anreize zum medizinisch-technischen Fortschritt" gehe es darum, Effizienzpotenziale zu heben.

Spätestens ab Mitte der 2020er Jahre, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre das Rentenalter erreichten, würden diese Themen an Bedeutung gewinnen. Bei einer steigenden Zahl von Patienten könnten vor allem die die personellen Ressourcen zum Engpass bei der künftigen Versorgung werden.

Noch keinen flächendeckenden Fachkräftemangel

Entgegen verbreiteten Klagen sieht der Rat zwar noch keinen flächendeckenden Fachkräftemangel. Aber es gebe inzwischen zahlreiche Engpassberufe. Diese sind so definiert, dass auf 33 Arbeitslose 100 offene Stellen kommen.

"Die am deutlichsten ausgeprägten Engpassberufe für Spezialisten waren mit der Fachkrankenpflege und der Aufsicht der Krankenpflege im Gesundheitswesen zu finden", konstatieren die Wirtschaftsweisen.

Neben einer besseren Ausschöpfung ungenutzter Arbeitspotenziale, etwa durch Ausbau der Kinderbetreuung, und einer gesteuerten Zuwanderung für Fachkräfte mahnen die Wirtschaftswissenschaftler zu einer effizienteren Gestaltung der Leistungsprozesse in Medizin und Pflege.

Aufgrund hoher Regulationsdichte konzentriere sich die Effizienzverbesserung bislang primär innerhalb der jeweiligen Leistungssektoren. Sektorübergreifenden Ansätzen stünden sektorspezifische Vergütungssysteme entgegen. Daher sollten Anreize für Leistungserbringer zur sektorübergreifenden Versorgung sowie zu Stärkung der ambulanten Medizin ausgebaut werden.

Große Potenziale im Kliniksektor

Erhebliche Effizienzpotenziale sieht der Rat im Krankenhaussektor. Nach Einführung des Strukturfonds sollten weitere Schritte folgen. Außerdem würden Investitionen benötigt, um die Substanz der Krankenhäuser zu erhalten.

Dieser Verpflichtung kämen die Länder seit geraumer Zeit nicht ausreichend nach. Mittelfristig habe dies negative Auswirkungen auf die Qualität der Patientenversorgung. Ein möglicher Ausweg sei der Übergang zu einer monistischen Finanzierung.

Notwendig sei ferner eine effektive Steuerung der Patienten im komplexen und für den einzelnen oft undurchschaubaren Gesundheitswesen. Dies könne verhindern, dass Patienten die Notfallambulanzen der Krankenhäuser ohne akuten Notfall aufsuchen und so teure Krankenhauskapazitäten binden. Der Sachverständigenrat verweist auf Dänemark, wo Notfallpatienten über ein Telefonleitsystem gesteuert werden.

Ferner müsse der Rückstand Deutschlands bei der Digitalisierung abgebaut werden. Vor allem müsse die elektronische Patientenakte auf Basis einer standardisierten Telematik-Infrastruktur in Gang gebracht werden.

Das könne Doppeluntersuchungen reduzieren, die Medikation transparent machen und einen Beitrag zur Versorgungsforschung ermöglichen. Notwendig sei dazu Innovationsoffenheit, insbesondere im Bereich digitaler Angebote, der Telemedizin, der Robotik und der Sensorik.

[09.11.2017, 06:54:26]
Dr. Johannes Eckard Sträßner 
Belastungen anders als betriebswirtschaftlich steuern
Die Alten- und Krankenpflege ist - inbesondere bei steigender Taktung - körperlich so belastend, dass es nicht sehr wahrscheinlich ist, bis zum Eintritt des Regelrentenalters am Patienten tätig bleiben zu können. Die verschiedenen denkbaren Lösungen - technische Hilfen samt des Platzes dafür und der nötigen Anwenderfreundlichkeit, Änderung der Tagesarbeit so, dass weniger körperlich belastende Anteile pro Zeiteinheit gefordert werden, Personalschlüssel, und Berufswege, welche es erlauben, verlustfrei bei nachlassender körperlicher Leistungsfähigkeit umzuschwenken in andere Beschäftigungsbereiche - diese Lösungen sind allesamt so, dass sie nicht betriebswirtschaftlich umgesetzt werden können, sondern dass es der deutschlandweiten Regulierung überlassen werden muss, dafür zu sorgen, dass die Betriebe sie verlustfrei umsetzen können. Die Menschen, die wollen, sind nach meiner Beobachtung in ausreichender Zahl da, auch in Jahrzehnten - nicht so die Menschen, die zu den aktuellen oder gar zu verschärften Bedingungen können.  zum Beitrag »

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