Ärzte Zeitung online, 13.03.2018

NRW-Gesundheitsminister

Politik hat Allgemeinmedizin ausbluten lassen

Das Gesundheitswesen steht heute vor großen Problemen - viele verursacht durch Versäumnisse in der Politik, gesteht NRW-Gesundheitsminister Laumann ein. Zum Auftakt des Gesundheitskongresses des Westens haben Experten diskutiert, wie die Sektorengrenzen fallen könnten.

Von Ilse Schlingensiepen

Politik hat Allgemeinmedizin ausbluten lassen

"Wir müssen mehr in die medizinische Ausbildung investieren", betonte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann auf dem Gesundheitskongress des Westens.

© WISO/Schmidt-Dominé

KÖLN. Die Politik hat in der Vergangenheit wichtige Entwicklungen verschlafen und damit zu einigen der aktuellen Versorgungsprobleme beigetragen.

Das hat der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) beim Gesundheitskongress des Westens in Köln eingeräumt.

Paradebeispiele sind für ihn das personelle Ausbluten der Allgemeinmedizin und die nicht ausreichende Krankenhaus-Investitionsfinanzierung durch die Länder.

In Nordrhein-Westfalen würden jedes Jahr 400 Allgemeinmediziner in den Ruhestand gehen, aber nur 200 neu ins System kommen, sagte er.

"Die Entwicklung ist nicht über Nacht gekommen. Sie deutet sich seit zehn Jahren an, aber man hat darauf nicht ausreichend reagiert." Laumann war bereits von 2005 bis 2010 Gesundheitsminister in NRW.

Personalmangel - eine große Herausforderung

"Wir müssen mehr in die medizinische Ausbildung investieren", betonte er. Der Personalmangel im Gesundheitswesen ist für ihn zurzeit eine deutlich größere Herausforderung als die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung.

Dringenden Handlungsbedarf sieht er deshalb bei der besseren Zusammenarbeit der Berufsgruppen im Gesundheitswesen und der sektorübergreifenden Versorgung.

Die von der großen Koalition geplante Bund-Länder-Kommission zur sektorübergreifenden Versorgung dürfe sich nicht auf Gleichheit bei der Vergütung beschränken, so der Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW. Jochen Brink: "Es müssen auch die dahinterliegenden Leistungen und Vorhaltungen identisch sein."

Grundsätzlich stünden die Kliniken einem Strukturwandel positiv gegenüber, sagte Brink. "Er muss aber mit Augenmaß und fair austariert erfolgen."

Schnelle Ergebnisse nicht zu erwarten

Die Kommission zur sektorübergreifenden Versorgung sei richtig und wichtig, sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Professor Christoph Straub. Er rechnet aber nicht mit schnellen Ergebnissen. "Man muss hoffen, dass es eine ständige Entwicklung wird, die über die Legislaturperiode hinausgeht."

Straub kann die Skepsis vieler niedergelassener Ärzte gegenüber politischen Vorgaben in diesem Bereich verstehen.

In der Vergangenheit seien alle Bestrebungen in Richtung einer sektorübergreifenden Zusammenarbeit wie die spezialfachärztliche Versorgung oder die psychiatrischen Institutsambulanzen zu Lasten der ambulanten Vergütung gegangen. "Es fand nie eine Bereinigung der Klinikbudgets statt."

Der Vorsitzende der KBV, Dr. Andreas Gassen, verwies auf ein aus seiner Sicht zentrales Problem: Die Patienten sollen unverändert ohne Steuerung einen niedrigschwelligen Zugang zu den Angeboten im Gesundheitssystem erhalten.

An ihrem Inanspruchnahmeverhalten wolle offensichtlich niemand etwas ändern. "Dann muss man auch die Rahmenbedingungen anpassen", so Gassen. Eine Aufrechterhaltung der Budgetierung sei damit nicht zu vereinbaren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Auf Abschottung getrimmt

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[16.03.2018, 12:37:22]
Dr. Jürgen Schmidt 
Ketzerische Anmerkungen
Wenn vom - im Blick auf die Rekrutierungsraten - nicht zu leugnenden Ausbluten der Allgemeinmedizin die Rede ist, hilft es nicht viel, über die Leistungen des Faches zu reden, man muss versuchen, die Ursachen des Phänomens zu erfassen. Dabei geht es nicht nur um die Allgemeinmedizin, sondern die Basismedizin schlechthin

Die jungen Kolleg(inn)en beobachten in Ihrer Aus- und Weiterbildung doch konkrete Berufsbilder, wenn sie Ihre Wahl treffen. Subjektiv besser kann eine Weiterbildungsentscheidung kaum sein. Ob sich diese dann objektiv als gut und richtig erweist, ist eine andere Frage.
Wäre die Entscheidung für ein Fach nicht endgültig, und könnten sich die jungen Kolleg(inn)en nach ein oder mehreren Jahren Allgemeinmedizin – beispielweise als angestellter Arzt in einem MVZ - für eine weitere Facharztausbildung entscheiden, würden sich Vorzüge und Nachteile der allgemeinärztlichen Profession schärfer abzeichnen. Ich wage zwar keine Prognose, aber ich vermute, dass ein gewisses Manko des allgemeinärztlichen Berufsbildes in der Weiterbildung und ihrer „Ordnung“ zu suchen ist und sich dies dabei erweisen würde.

Nach eigenen Erfahrungen mit der Weiterbildung des Nachwuchses in der Inneren Medizin kann man sich auf die Zuverlässigkeit eines klinischen Untersuchungsergebnisses nicht vor dem dritten Weiterbildungsjahr verlassen. Mit dem Fundus an theoretischen Kenntnissen und deren praktischer Anwendung sieht es je nach geistiger Begabung anders aus.

Im Ergebnis erwirbt der Allgemeinarzt einen mehr oder minder großen Teil seines Handwerkes erst in der Selbständigkeit. Darin sehen manche – in der Verwechslung von Selbständigkeit und Unkontrolliertsein - einen Vorteil, der überwiegend gewissenhafte Nachwuchs jedoch einen gravierenden Nachteil.
Wenn man dies ändern will, muss man die Aufsicht über die Berufsanfänger verlängern und wohl auch die Weiterbildungsordnung ändern.
Dabei könnte sich nebenbei ergeben, dass man mit der Abschaffung des Universalinternisten über die Kappung seines Leistungsspektrums und die Schaffung eines mehr oder minder allgemeinärztlichen Internisten einen Fehler begangen hat. Ich erlebe es immer wieder, dass sowohl Allgemeinärzten als auch den Gebietsinternisten die umfassenden Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen, wenn es um komplexe Krankheitsbilder geht und Epiphänomene von Leitsymptomen zu trennen sind.
Fazit: Die Weiterbildung zum Basisarzt muss grundsätzlich überdacht und durchlässig werden. Die keinesfalls wünschenswerte Alternative besteht darin, den Wirkungskreis der Allgemeinmedizin zu beschränken. Damit wäre diese dann wirklich am Ende. Auch die Weiterbildung des Internisten ist auf das frühere Niveau anzuheben, die Weiterbildungsbefugnisse je nach Spektrum der Klinik zu überprüfen.
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[14.03.2018, 15:25:25]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Hausarzt- und Familien-Medizin sind "coditio sine qua non"
Abgestufte, vernetzte Strukturen durch primärmedizinische Hausärzte/-innen auf der Basis von geschultem medizinischen Laienwissen, allgemeinärztlich-internistisch-pädiatrischer Grundversorgung, fachärztlicher-, spezialmedizinischer-, ambulanter bis stationärer Stufendiagnostik, Therapie und Versorgung vom Kreiskrankenhaus bis zur Universitätsklinik sind realisierbar.

Das Paradoxon von Versorgungsungleichheit im ländlichen und städtischen Raum, in Ballungszentren, sozialen Brennpunkten und Randbezirken, aber auch Massenabfertigung, Fließbandmedizin in Einzelpraxis und MVZ, Arbeitsverdichtung führt zu Aufmerksamkeitsfallen: Dadurch werden abwendbar gefährliche Verläufe provoziert oder Komplikationen, ultimative Warnzeichen („red flags“) und Lebensbedrohungen übersehen.

Gesetzliche (GKV) und Private Krankenversicherung (PKV) benötigen ein ausbalanciertes Spannungsverhältnis zwischen Solidarität und Selbstverantwortung. Derzeit können Krankenversicherte in „flatrate“ oder „all you can eat“ Manier personelle und technische Medizinbetriebsressourcen abgreifen – ohne Steuerung durch Gesundheitserziehung, Prävention, medizinische Fachberufe, Ärztinnen und Ärzte im primärmedizinischen Bereich.

Dabei bewahren gesunder Menschenverstand bzw. bewährte Haus- und Naturheilmittel bei Bagatellerkrankungen Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstbehauptung von unseren Patientinnen und Patienten.

Medizinalisierung und Medikalisierung greifen an und um sich: Bei Bronchitis Thorax-Röntgen und der (vorschnelle) Griff zum Antibiotikum. Bei Rückenschmerzen sofort NSAR und orthopädische Kortisonspritze. Bei Schnupfen und Sinusitis sofort Pharmakotherapie. Bei jedem Kopfschmerz komplexe Migränediagnostik, Schädel-MRT, Neurologe oder Neurochirurg. Jede Prellung zum Radiologen, jede Verletzung zum Chirurgen, jede Arthrose zum Rheumatologen, jede Schilddrüse zum Szintigramm, jede Befindlichkeitsstörung und bio-psycho-soziale Dysfunktion zum Psychotherapeuten.

Gegensätze zwischen universitärer/klinischer Hochleistungs- und Intensivmedizin und der "Feld-, Wald- und Wiesenmedizin" hausärztlicher Provenienz führt zu Verständnislosigkeit, Konflikten, Missachtungen und Schuldzuweisungen.

Widersprüche zwischen Intensivmedizin, Herz-Lungen-Transplantationen (HX, LX, HLX), interventioneller Kardiologie im Hybrid-OP, Onkologie, Nephrologie, interventioneller Radiologie, Neurochirurgie usw. und pharmakologisch mit "Antibiotika-ähnlichen" Pflanzenextrakten bzw. sinnlosen Lutschpastillen anbehandelten subfebrilen Atemwegserkrankungen mit Husten, Schnupfen, Bronchialkatarrh in der allgemeinmedizinisch-pädiatrisch-internistisch hausärztlichen Praxis könnten größer nicht sein.

Vgl. dazu "Lob der Hausarzt-Medizin beim DEGAM-Kongress: Sie limitiert Kosten und rettet mehr Leben als die Fachmedizin" von Sonja Böhm
https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4904095
zur Keynote Lecture von Dr. Richard Roberts, Professor für Familienmedizin an der Universität  Wisconsin beim 49. Kongress für Familien- und Allgemeinmedizin in Bozen, Südtirol.
 
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)  zum Beitrag »

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