Ärzte Zeitung online, 27.09.2019

Europäischer Gesundheitskongress

Digitalisierung geht Experten nicht schnell genug

Deutschland ist bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen deutlich zurückgefallen – so lautet die einhellige Meinung beim Europäischen Gesundheitskongress in München.

Von Cornelius Heyer

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Dr. Gottfried Ludewig, Bloggerin Jana Aulenkamp, Moderator Dr. Dominik Pförringer, Lorena Jaume-Palasí und Dr. Clemens Martin Auer diskutierten auf dem Europäischen Gesundheitskongress München.

© Klaus D. Wolf

MÜNCHEN. Die Digitalisierung ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit, ein Teil des Alltags auch und gerade in der medizinischen Versorgung – und wenn man den Experten auf dem 18. Europäischen Gesundheitskongress in München folgt, so sollten wir sie umarmen und aktiv gestalten. „Die Digitalisierung wird oft auf dystopische Weise gesehen“, monierte etwa Lorena Jaume-Palasí bei der Eröffnungsveranstaltung.

Die Gründerin der Organisation The Ethical Tech Society betonte, dass die Schaffung von Hilfsmitteln in der menschlichen Natur läge. Menschen seien stark in der Interpretation von Daten, in deduktivem Denken. Schwächen hingegen hätten sie in eben jenen Bereichen, in denen Maschinen-Algorithmen ihnen helfen könnten: Konsistenz, Mustererkennung, Wahrscheinlichkeitskalkül.

Einig war man sich, dass Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen inzwischen deutlich zurückgefallen ist. „Die Revolution ist da, und sie kommt vor allem über die Sensorik“, erklärte Dr. Gottfried Ludewig, zuständiger Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium (BMG). Wegen unklarer Zuständigkeiten sei aber viel Zeit verschlafen worden.

US-Digitalkonzerne geben Takt vor

Eine Fülle von Daten würde inzwischen angehäuft, die einerseits dabei helfen, den einzelnen Patienten optimal zu versorgen – andererseits aber auch zu großen Datenbanken zusammengefasst werden müssten, um künftige Therapien zu entwickeln. All dies müsse in geordnete Bahnen gelenkt werden. Ludewig mahnte dabei zur Eile, da die Digitalisierung sowieso von außen komme, etwa durch neuartige Angebote großer Digitalkonzerne aus den USA. Die Entwicklung lasse sich nicht aufhalten – um das deutsche Gesundheitswesen zu erhalten und zu gestalten, müsse man also selbst aktiv werden.

Die Regierung will sich daran auch selbst halten und technische Innovation schneller in die Versorgung bringen. Ludewig nannte den Konnektor, der inzwischen in fast jeder Arztpraxis steht, als Beispiel für ein zu langsames Handeln; er sei 2019 im Grunde schon nicht mehr zeitgemäß. Dieser Verzug liege am falschen Ansatz: „Man will in Deutschland gern die perfekte Lösung am Tag 1, doch die wird es niemals geben!“ Stattdessen sollten sich neue Projekte in Form von „agilen, kleinen Schritten“ entwickeln. Beispiel E-Rezept: Zuerst werden aktuell viele Projekte in der Versorgung zugelassen, danach erst will man einen Standard schaffen.

Datenschützer als Bremser?

Das Thema Datenschutz spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. „Wir müssen ein anderes Verhältnis zu Daten aufbauen“, plädierte BMG-Mann Ludewig. Die Datenschutzbeauftragen der Länder beschrieb er als Bremser. In dieselbe Kerbe hieb Dr. Clemens Martin Auer, Sonderbeauftragter für Gesundheit der österreichischen Bundesregierung.

Der Datenaustausch zwischen Praxen, Kliniken, Apotheken etc. müsse endlich optimiert werden. Es gebe zu viele nicht-kompatible IT-Systeme. „Interoperabilität ist das Zauberwort“, meinte er. Die Regierungen müssten die Anbieter künftig dazu verdonnern, sich an – noch zu entwickelnde – Schnittstellen-Standards zu halten. „Das ist öffentliches Interesse, Punkt, aus!“, postulierte Auer.

Digital aufgewerteter Arztberuf

Letztlich könnte die intelligente Unterstützung der Ärzte durch Maschinen und Algorithmen auch einen Teil des Ärztemangels beheben. Das hofft zumindest Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Die Lösung dürfe aber nicht plump sein: „Kann Technik uns den einen oder anderen Menschen ersetzen? Ich meine: Nein.“ Vielmehr könnten junge Menschen sich für einen digital aufgewerteten Arztberuf begeistern – und sich dann auch auf Dauer wohlfühlen.

Diese Hoffnung hat auch die Medizinstudentin und Bloggerin Jana Aulenkamp. Mit einer Verbesserung der Abläufe durch die Digitalisierung rechnet sie fest. Doch sie sprach auch aus, was die meisten Ärzte bewegt: „Wir müssen darauf achten, dass sich im Gegenzug nicht die Arzt-Patienten-Kommunikation und das Vertrauensverhältnis verschlechtern.“

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