Ärzte Zeitung, 04.06.2009

Amerikaner schleppen sich zur Arbeit, solange es geht

Die USA kennen keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, deshalb bleiben viele auch mit Verdacht auf Grippe nicht zu Hause

WASHINGTON(cp). Wer Grippesymptome hat, soll zu Hause bleiben. Das bleuen die amerikanischen Gesundheitsbehörden ihren Mitbürgern ein, um die Verbreitung der Schweinegrippe einzudämmen. Das stürzt viele in ein Dilemma.

Mit ihrer Abwesenheit riskieren sie ihren Arbeitsplatz oder zumindest den Lohn für die versäumte Arbeitszeit. Grund: Die USA sind das einzige hochentwickelte Industrieland, in dem es keinen Anspruch auf Weiterbezahlung bei Krankheit gibt.

Wie weit die USA im Mitarbeiterschutz bei Krankheit hinterherhinken, hat jetzt eine Studie des Centers for Economic Policy and Research belegt. Der Bericht zur Studie - mit dem treffenden Titel "Contagion Nation" (Ansteckungs-Nation) - vergleicht 22 Industrienationen und ihre gesetzlichen Regelungen bei Krankheit von Arbeitnehmern.

Verlierer sind oft die Niedrigverdiener

Ob bei kurzfristiger Krankheit, wie einer fünftägigen Grippe, oder einer langfristigen Abwesenheit, wie bei einer Krebsbehandlung: In allen Ländern können sich die Betroffenen in zumindest einem Szenario auf eine vollständige oder teilweise Weiterbezahlung ihres Gehalts verlassen - außer in den USA. Hier ist es größtenteils den Arbeitgebern überlassen, ob sie ihren Mitarbeitern "Sick Days" finanzieren. Niedrigverdiener, Teilzeitangestellte und Mitarbeiter von Kleinunternehmen haben laut CEPR oft keinerlei bezahlten Schutz, wenn sie selbst oder Familienmitglieder krank werden. Die Folge: Betroffene gehen nicht selten arbeiten, obwohl sie sich krank fühlen, und schicken ihre kranken Kinder in die Schule oder den Kindergarten, weil sie sie nicht allein zu Hause lassen können - ein Szenario, das der Verbreitung gefährlicher Virenerkrankungen Tür und Tor öffnet.

Die Gesetzgeber in Washington wollen dieser Situation jetzt ein Ende bereiten. Sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus haben demokratische Parteiführer einen Gesetzentwurf vorgestellt, der den meisten Arbeitnehmern bezahlte Krankheitstage garantieren würde - bis zu sieben Tage im Jahr. Präsident Obama hatte schon im Wahlkampf für eine solche Regelung geworben.

Aus den Reihen der Republikaner sowie der Arbeitgebervereinigungen regt sich aber Widerstand: Unternehmensvertreter argumentieren, dass die derzeitige Rezession kein guter Zeitpunkt sei, ein solches Gesetz zu verabschieden. Viele Firmen kämpften ohnehin um ihr Überleben.

Schweinegrippe als Warnzeichen

Für die Befürworter des Gesetzes ist der Ausbruch der Schweinegrippe dagegen ein Warnzeichen, dass die USA eine Regelung zur Lohnfortzahlung bei Krankheit brauchen - und zwar so schnell wie möglich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »