Ärzte Zeitung, 25.08.2015

Flüchtlingsversorgung

Ohne Ärzte geht gar nichts

Tausende Flüchtlinge strömen derzeit in die deutschen Erstaufnahmestellen. Das stellt alle Helfer, darunter auch viele Ärzte, vor große Herausforderungen. Ein Einblick in die Flüchtlingsversorgung am Beispiel Schleswig-Holstein.

Von Dirk Schnack

Ohne Ärzte geht gar nichts

Warten auf medizinische Untersuchung: Flüchtlinge in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster.

© Dirk Schnack

RENDSBURG. Ein großes weißes Laken mit der Aufschrift "Welcome" ist am Zaun aufgehängt. Dahinter eine Container-Reihe, ein Polizeibus, ein massives Aufgebot an DRK-Helfern und viel medizinisches Personal.

Dies sind die ersten Eindrücke für rund 200 Flüchtlinge, die in einer quasi über Nacht eingerichteten Unterkunft im schleswig-holsteinischen Rendsburg ankommen. Sie sind die ersten von rund 800 Menschen, die hier für kurze Zeit nicht nur wohnen, sondern auch medizinisch untersucht werden sollen.

Nadelöhr medizinische Erstuntersuchungen: Im Regelfall werden diese in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung im 40 Kilometer entfernten Neumünster vorgenommen. Doch deren Kapazitäten sind mehr als erschöpft - statt der eigentlich 700 Menschen leben hier derzeit 2000.

Der leitende Arzt Dr. Hilmar Keppler und seine Kollegen arbeiten seit Monaten im Dienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an der Belastungsgrenze, die Zahl der noch nicht untersuchten Menschen steigt täglich.

Private Notarztbörse hilft aus

In Rendsburg und in einer weiteren neu geschaffenen Unterkunft in Albersdorf soll nun der Stau abgearbeitet werden. "Das ist der Befreiungsschlag", glaubt Schleswig-Holsteins Innen-Staatssekretär Ralph Müller-Beck.

Er setzt auf die Helfer des landeseigenen Universitätskrankenhauses (UKSH), die an einem Wochenende der Aufruf ihres Arbeitgebers erreichte. Drei Tage später standen mehr als 60 freiwillige medizinische Helfer bereit, unterstützt von Kräften des örtlichen Krankenhauses.

Ob das reicht, um den stetigen Zustrom an Flüchtlingen abzuarbeiten, weiß derzeit aber niemand. Die nach oben korrigierte Prognose von bundesweit 800.000 Flüchtlingen, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen werden, hat auch im Norden die Aktivitäten noch einmal erhöht. "Wir scannen landesweit Liegenschaften und suchen Standorte", sagt Müller-Beck. Und für jeden Standort muss es eine medizinische Versorgung geben.

Neben den Erstuntersuchungen ist auch eine laufende Betreuung erforderlich. An fünf Standorten übernimmt dies im Norden die private Notarztbörse von Dr. André Kröncke. Er hat Verbindungen zu zahlreichen Ärzten, die auf Honorarbasis arbeiten und schnell verfügbar sind.

Dennoch muss auch er nun die Werbetrommel für neue Kräfte rühren - denn sein Unternehmen soll die Betreuung an mehreren Standorten bis zum Jahr 2020 übernehmen. Und es wird erwartet, dass er kurzfristig reagiert.

Ein Beispiel aus Neumünster: Dort wurde in den Sommerferien kurzfristig eine Schulsporthalle als Unterkunft benötigt - zunächst für ein Wochenende. Kröncke und sein Team übernahmen die ärztliche Versorgung. Aus dem Wochenende wurden vier Wochen.

Hausärzte könnten entlasten

In der Politik ist längst angekommen, dass der Flüchtlingsstrom nicht ohne massive Unterstützung der Ärzte gemeistert werden kann. Dies gilt auch für die Zeit nach der Erstuntersuchung. Müller-Beck kann sich vorstellen, dass Hausärzte, die freiwillig Sprechstunden in den Unterkünften anbieten, für eine deutliche Entlastung sorgen könnten. Allerdings besteht für jeden ärztlichen Kontakt das Sprachproblem - neben Ärzten werden Dolmetscher gebraucht.

Dies gilt für die zentralen Unterkünfte genauso wie in den Krankenhäusern.Weil nicht jeder Patient zu jeder Tageszeit in den Unterkünften behandelt werden kann, gehen die Flüchtlinge in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Auch dort spürt man die stark ansteigenden Zahlen. In Neumünster ist deshalb jetzt eine Flüchtlingsambulanz im Gespräch.

Andere Probleme entstehen, wenn die Flüchtlinge aus den landeseigenen Unterkünften auf die Kommunen und Kreise verteilt werden. Dann ist zwar das Land aus der Pflicht, doch die Kreise kommen kaum mit der Unterbringung nach. Zum Teil werden deshalb wieder neue zentrale Unterkünfte geschaffen, als Puffer zwischen Landes-Unterkunft und Kommunen.

Während die Flüchtlinge in Bremen und Hamburg mit einer Gesundheitskarte Zugang in die Arztpraxen haben, brauchen sie in anderen Bundesländern noch die Zustimmung durch kommunale Angestellte, die eine Bescheinigung, vergleichbar mit dem früheren Krankenschein, ausstellen.

In kreiseigenen Gemeinschaftsunterkünften wie etwa Plön gibt das Betreuungspersonal solche Bescheinigungen aus. Für Praxisbesuche wird dann eine Begleitung durch Dolmetscher und beim ersten Besuch auch durch Betreuungspersonal gewährleistet. Das Kreisgesundheitsamt wird vor einer weitergehenden Behandlung bei einem Facharzt und vor umfangreicheren Untersuchungen eingeschaltet, etwa vor einem MRT.

Aufsuchende Betreuungen können die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes nicht leisten. In vielen Kommunen gibt es inzwischen zahlreiche ehrenamtliche Helfer, die Flüchtlinge bei ihren Arztbesuchen begleiten und damit die Verständigung zwischen Praxispersonal und Flüchtlingen erleichtern.

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