Ärzte Zeitung, 24.02.2016
 

Ebola

Nicht aus allen Fehlern wurde gelernt

Auch wenn betroffene Länder in Westafrika für ebolafrei erklärt werden, die Infektionsgefahr ist noch nicht gebannt. Entscheidend ist, dass Neu-Infizierte rasch isoliert werden. Oft bleiben aber die Erkenntnisse aus der Epidemie noch unbeachtet.

Ein Leitartikel von Pete Smith

Nicht aus allen Fehlern wurde gelernt

Dr. Maximilian Gertler beim Ebola-Einsatz von "Ärzte ohne Grenzen" in Guinea.

© MSF

Gerade erst hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Westafrika für ebolafrei erklärt, da meldeten die Behörden in Sierra Leone zwei neue Erkrankungen. Für Dr. Maximilian Gertler, Epidemiologe aus Berlin und Vize-Vorsitzender der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF), ist das einerseits nicht überraschend, da es vereinzelt immer wieder zu Ebola-Infektionen kommen könne.

Alarmiert hat ihn jedoch, dass die erste Patientin in einem Gesundheitszentrum behandelt wurde, ohne dass man die Ursache ihrer Symptome erkannte. "Statt sie zu isolieren, hat man sie mit Fiebermedikamenten nach Hause geschickt", so Gertler. Wenige Tage später war sie tot. "Genauso schlimm wie ihr Tod ist, dass sie möglicherweise noch viele Menschen angesteckt hat."

Gut zwei Jahre nach Beginn der verheerendsten Ebola-Epidemie in der Geschichte der Menschheit ist die Gefahr eines erneuten Ausbruchs längst nicht gebannt.Sierra Leone galt seit dem 7. November 2015 offiziell als ebolafrei. Die beiden neuen Erkrankungen sorgen nun wieder für Verunsicherung in der Bevölkerung. Unmittelbar nach dem Tod der ersten Patientin, einer 22-jährigen Studentin aus dem Distrikt Tonkolili, erkrankte deren Tante an Ebola.

Die 38-Jährige liegt derzeit auf einer Quarantäne-Station in Magburaka. Vorsorglich ließ die Regierung mehr als 100 weitere Personen isolieren.

Formal erklärt die WHO ein Land für ebolafrei, wenn alle bekannten Übertragungsketten unterbrochen, also 42 Tage lang keine neuen Fälle registriert worden sind. Seither kam es mehrfach zu sogenannten flare-ups, Neu-Infektionen, für die sich nicht gleich eine bereits bekannte Infektionsquelle, etwa der Kontakt mit Blut oder Stuhl eines Erkrankten, identifizieren ließ. Aus Westafrika wurden im vergangenen Jahr zehn solcher Fälle gemeldet.

"Wir lernen immer noch dazu"

Die internationalen Helfer klären sowohl die örtlichen Mitarbeiter als auch die als geheilt entlassenen Ebola-Patienten über flare-ups, deren wahrscheinliche Ursachen und möglichen Folgen auf. "Wir wissen, dass das Virus lange in der Samenflüssigkeit überdauert", sagt Gertler. Nach aktuellen Studiendaten finden sich die Erreger dort zehn Monate. Auch im Augapfel oder in den Nervenzellen eines Menschen können die Viren längere Zeit überleben.

"Was Ebola anbelangt, lernen wir durch den Ausbruch in Westafrika immer noch dazu und müssen vor weiteren Überraschungen gefeit sein." Trotz intensiver Schulungsmaßnahmen durch MSF und anderer Organisationen mangelt es in den von Ebola betroffenen Ländern noch immer an der Nachverfolgung von Fällen, gut ausgestatteten Ambulanzen und Aufklärungsinitiativen.

Seit Beginn der Ebola-Epidemie in Westafrika im Dezember 2013 sind in Guinea, Liberia und Sierra Leone laut WHO insgesamt 28.602 Menschen an Ebola erkrankt und 11.301 Patienten gestorben. Das ungeheure Ausmaß der Epidemie ist letztlich auf ein totales Versagen der politischen Entscheidungsträger zurückzuführen.

Warnungen von Hilfsorganisationen wurden lange Zeit ignoriert - von der WHO ebenso wie von den Regierungen der wichtigsten Industrienationen. Hätte man die völlig unzureichenden Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern beizeiten gestärkt, wären sie nach Ausbruch der Epidemie nicht binnen kürzester Zeit kollabiert.

Experten sind skeptisch, ob die Weltgemeinschaft aus der Katastrophe von Westafrika tatsächlich gelernt hat. "Erinnern Sie sich noch an die weltweit größte Cholera-Epidemie in Haiti im Oktober 2010?", fragt Maximilian Gertler. "Was wollte man damals nicht alles verbessern? Und dann bricht dreieinhalb Jahre später in Westafrika Ebola aus, und die Welt sieht erneut hilflos zu."

Hoher Verlust an Ärzten und Pflegepersonal

Ebola hat die Gesundheitssysteme in Liberia, Sierra Leone und Guinea weiter geschwächt. 800 Ärzte, Schwestern und Pfleger sind in den drei Ländern an Ebola erkrankt, 500 gestorben. "Ein unglaublicher Verlust", sagt Gertler, der auf dem Höhepunkt der Epidemie im Juli 2014 selbst in Guinea im Einsatz war. "Das wieder auszugleichen, wird lange dauern und erfordert einen großen politischen Willen."

Darauf wollen Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" jedoch nicht vertrauen. Nach wie vor klären Teams von MSF die Bevölkerung über Ebola auf und bilden Mitarbeiter lokaler Gesundheitseinrichtungen in Infektionskontrolle und -prävention aus. Darüber hinaus hat die Organisation in Sierra Leone mehrere Mutter-Kind-Projekte initiiert, in Liberia ein Kinderkrankenhaus eröffnet und in Guinea ein HIV-Projekt ins Leben gerufen.

Auch in punkto Forschung geht die Hilfsorganisation voran. Gerade erst hat MSF in einer eigenen retrospektiven Studie festgestellt, dass Ebola-Patienten in Liberia, die mit dem Malaria-Präparat Artesunat-Amodiaquin (ASAQ) behandelt wurden, eine signifikant geringere Sterbewahrscheinlichkeit hatten als Patienten, die das Standardmedikament Artmether-Lumefantrin (AL) erhielten (NEJM 2016, 374: 23).

Bisher liegen jedoch noch keine eindeutigen Belege durch klinische Tests vor. "Außerdem wurde 2015 ein Impfstoff getestet, dessen Ergebnisse sehr hoffnungsvoll sind und der auch gegenwärtig eingesetzt wird", so Gertler. "Aber die bisherige Datenlage ist zu gering, um eine Zulassung zu erreichen."

Vor dem Hintergrund der SARS-Infektion 2003 und der Gefahr der Entstehung eines hochpathogenen Influenzaerregers hat die WHO 2005 eine Revision der aus dem Jahr 1969 stammenden Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) forciert. Die Vorschriften, die das Ziel haben, "die grenzüberschreitende Ausbreitung von Krankheiten zu verhüten und zu bekämpfen, davor zu schützen und dagegen Gesundheitsschutzmaßnahmen einzuleiten", sind seit dem 15. Juni völkerrechtlich verbindlich.

Umgesetzt wurden sie nach Ausbruch der Ebola-Epidemie jedoch viel zu zögerlich. Ob die Menschheit aus der Tragödie von Westafrika tatsächlich gelernt hat, wird wohl erst der nächste Ausbruch einer Infektionskrankheit erweisen - nicht in Berlin, Paris oder London, sondern in Ländern wie Uganda, Äthiopien, Malawi oder Mosambik.

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