Ärzte Zeitung, 27.01.2017

Europa

Versorgungssysteme auf dem Prüfstand

Angleichung ja, Harmonisierung nein: Vdek-Vize Christian Zahn skizziert die Zukunft der Versorgungssysteme in der Europäischen Union.

Von Luise Poschmann

Versorgungssysteme auf dem Prüfstand

Keine Harmonisierung der Gesundheitssysteme in Europa, wohl aber eine Angleichung – das könnte ein realistisches Ziel für die Zukunft sein.

© gertrudda / Fotolia

DRESDEN. Der stellvertretende vdek-Vorsitzende Christian Zahn hat dafür geworben, die Europäische Union nicht nur als Bedrohung für das deutsche Gesundheitssystem anzusehen. Europa sei auch eine "Chance im Wettbewerb der unterschiedlichen Lösungswege für eine optimale Versorgung der Bevölkerung in den jeweiligen Ländern und in Europa insgesamt", sagte der 68-Jährige beim Neujahrsforum des vdek Sachsen in Dresden.

Zahn ist auch Präsident der in Brüssel ansässigen Organisation "Association Internationale de la Mutualité" (AIM), einem Zusammenschluss von Verbänden von Krankenversicherungsträgern aus 27 Staaten. Seiner Ansicht nach sollte es zwar keine Harmonisierung der Gesundheitssysteme in Europa geben, wohl aber eine Angleichung.

Nie dürfe dies aber zu einer Senkung der Standards in einem Land führen – vielmehr solle "im Diskurs erarbeitet werden", welche europäischen Standards gemeinsam erreicht werden könnten. Als eine gelungene Regelung auf EU-Ebene bezeichnete Zahn etwa die Richtlinie über Medizinprodukte, die "zum Wohle der Versicherten" und gegen den Widerstand der eigenen Regierung durchgesetzt worden sei.

Industrie contra Patienten

Deutschland habe in diesem Fall mehr das Interesse seiner mittelständischen Industrie im Blick gehabt als das der Patienten, so der vdek-Verbandsvize.

Auch die Gesundheitsversorgung in Grenzregionen und die Arbeitsmöglichkeiten für medizinische Fachkräfte aus dem EU-Ausland sah er als Errungenschaft. Was sollte aus dem System werden, in dem Tausende Ärzte und Pfleger mit anerkannten Diplomen aus anderen EU-Staaten arbeiteten, "wenn dies alles wieder renationalisiert wird?", fragte Zahn.

Allerdings entwickele sich der soziale Fortschritt in der EU viel langsamer, als im Gegenzug freier Handel und Wettbewerb ausgebaut werde, bedauerte Zahn. Dies habe auch Einfluss auf das deutsche Gesundheitswesen. Über Regelungen zum freien Binnenmarkt könne unmittelbar in das System eingegriffen werden.

Dies zeige sich etwa in dem Urteil des EuGH zum grenzüberschreitenden Arzneimittelversand. Ein nun diskutiertes Verbot des Internethandels würde diejenigen Kranken treffen, die auf dem Land leben und keine Präsenzapotheke haben.

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