Ärzte Zeitung online, 18.01.2018

Antreiber gesucht

Neue Regierung soll der Digitalisierung auf die Sprünge helfen

Gesetzliche Regelungen müssen zügig geschaffen, Standards gesetzt und Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das fordern bei der Digitalisierung übereinstimmend alle Experten im Gesundheitswesen.

Von Dirk Schnack

Digitalisierung: Neue Regierung soll der Antreiber sein

Digitalisierung im Gesundheitswesen – Experten fordern erheblichen Nachbesserungsbedarf.

© MG/stock.adobe.com

KIEL. Die Gesundheitsbranche wartet auf den Gesetzgeber: Um der Digitalisierung Schub zu verleihen, sind klare gesetzliche Vorgaben, Standards und Geld erforderlich.

Ohne diese drei Bedingungen befürchten Experten, dass das deutsche Gesundheitswesen die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen für die Gesundheitsversorgung verpasst. Dies wurde zum Auftakt der zweitägigen Konferenz "Vernetzte Gesundheit" in Kiel deutlich.

Bemerkenswert ist, dass sich Landespolitik, Vertreter der Ärzteschaft, Krankenkassen und Industrie einig waren – nicht nur in der Einschätzung der bislang zu schleppend genutzten Chancen, sondern auch in ihren Erwartungen an die Bundespolitik.

"Leuchtturm" auf Bundesebene?

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP) kann sich sogar vorstellen, dass eine mögliche Große Koalition dieses Thema zu einem "Leuchtturm" ihrer Politik auf Bundesebene machen könnte – bei richtiger Förderung der digitalen Gesundheitsversorgung. Garg warb zum Kongressauftakt dafür, mit Hilfe der Digitalisierung die Sektorentrennung im Gesundheitswesen zu überwinden.

An die Adresse der Bedenkenträger sagte Garg: "Ich würde lieber mitgestalten, als das zu machen, was uns große Player wie Google oder Apple präsentieren."

Garg und Schleswig-Holsteins Ärztekammer-Präsident Dr. Franz Bartmann sehen eine von mehreren Ursachen für die schleppende Umsetzung in der Honorierung digital unterstützter Leistungen. Bartmann, Telematik-Experte der Bundesärztekammer, sprach angesichts der Abbildung telemedizinischer Leistungen im EBM von einem "Trauerspiel".

Enger Rahmen

Garg nannte den Rahmen der Honorierung "sehr eng". Als Beispiel führten sie die elektronische Visite von Patienten an, die ohne zusätzlichen finanziellen Aufwand von Vertragspartnern für die Ärzte nicht wirtschaftlich zu erbringen wäre. Wie berichtet wird die elektronische Visite in diesem Jahr in einer Modellregion im Norden von der AOK Nordwest extrabudgetär ermöglicht.

Geld muss aber auch in die Bereitstellung der Infrastruktur etwa für Glasfaser investiert werden, forderte Barmer-Chef Professor Christoph Straub. Er hält es außerdem für notwendig, dass der Gesetzgeber Standards definiert, die eine Interoperabilität ermöglichen.

Die Krankenhäuser würden lieber heute als morgen ihre Prozesse weiter digitalisieren, wie die Vorstandschefs des 6 K-Klinikverbunds, Dr. Roland Ventzke, und des UKSH, Professor Jens Scholz, deutlich machten. Ventzke hält wenig davon, nach "Schuldigen" für das Versäumte in Deutschland zu suchen, fest steht für ihn aber: "Die Selbstverwaltung hatte keinen Erfolg." Andere Länder seien weiter, weil sie auf staatliche Direktive gesetzt hätten.

Zwar wurden in Kiel immer wieder Beispielländer wie Estland und Dänemark, die mit der Digitalisierung erheblich weiter sind als Deutschland, genannt. Deutlich wurde aber auch: Diese Länder befanden sich in anderen Ausgangssituationen.

Großes Vertrauen in die Technik

Dabei ist das Vertrauen in die technische Machbarkeit groß. Alle Beteiligten erwarten, dass die technische Umsetzung im Vergleich zum Bewusstseinswandel, der beim Gesetzgeber erforderlich ist, eine vergleichsweise geringe Hürde sein wird.

In einem Punkt gab es dann aber doch noch unterschiedliche Einschätzungen. Während Ventzke sich nicht sicher ist, ob die Erwartungen der Branche in der Bundespolitik überhaupt wahrgenommen werden, gab sich Garg in diesem Punkt optimistisch.

 Er traut seiner Jamaika-Koalition aus dem Norden mit Unterstützung der Vertreter des Gesundheitswesens zu, einen entsprechenden Impuls in Berlin setzen zu können. Dann könnte gelingen, was Michael Franz von der CGM Clinical Deutschland als Wunsch formulierte: "Endlich pflegen statt faxen."

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