Ärzte Zeitung online, 29.12.2018

Brexit-Blog

Ärztemangel im NHS? Ein Stück aus dem Tollhaus

Im National Health Service fehlen Ärzte, doch ein Visum erhalten ausländische Mediziner trotz Job-Zusage schon jetzt, drei Monate vor dem Brexit, nicht mehr. Schlechte Aussichten auf ein Happy New Year, meint unser Mann in London.

Von Arndt Striegler

Ärztemangel im NHS? Ein Stück aus dem Tollhaus

Berichtet seit über 30 Jahren von der Insel zu Gesundheitsthemen: Arndt Striegler, Korrespondent der Ärzte Zeitung.

© privat

LONDON. Der Jahreswechsel und der Beginn eines neuen Jahres verleiten oft dazu, Bilanzen zu ziehen. Man blickt zurück auf das Gewesene und auf das Erreichte. Und man schaut nach vorne. Was wird es bringen, das neue Jahr?

Bezieht man das obige auf den Bexit, so fällt die Bilanz dessen, was in den vergangenen zwölf Monaten erreicht wurde, ernüchternd – nein: schockierend ernüchternd – aus. Nach wie vor ist völlig unklar, wie Großbritannien in weniger als drei Monaten nach mehr als 40 Jahren EU-Mitgliedschaft den europäischen Staatenbund verlassen wird.

Die wahrscheinlichste Variante: No Deal

Oder ob der Brexit nun überhaupt noch stattfindet – gibt es doch im Königreich eine zusehends stärker werdende Gruppe von Politikern und Lobbyisten, die dafür plädieren, doch lieber in der EU zu bleiben. Wohlgemerkt, die nach wie vor wahrscheinlichere Version des Brexit lautet: No Deal. Also das Ausscheiden der Briten am 29. März 2019, ohne dass irgendwas geregelt ist.

Das will zwar auf der Insel kaum jemand. Doch weder die Regierung noch die Opposition scheinen derzeit fähig zu sein, dieses ultimative Horror-Szenario doch noch abzuwenden.

Was mich zum zweiten Punkt meiner Jahresbilanz bringt: den Blick in die Zukunft zu richten und damit zuerst auf das Jahr 2019. Die ersten drei Monate werden sowohl für Großbritannien als auch für die EU kritisch sein, wenn es darum geht, eine neue Basis des freundschaftlichen Miteinanders auszubalancieren.

Showdown am 22. Januar?

Irgendwann im Januar – derzeit angeblich am 22. Januar– soll das Londoner Unterhaus endlich und final über den zwischen London und Brüssel ausgehandelten Austrittsvertrag abstimmen dürfen. Eine bereits für Dezember geplante Abstimmung war von der angeschlagenen britischen Regierungschefin Theresa May im letzten Moment abgesagt worden, weil May eine vernichtende Niederlage drohte.

Wenn ich eine Prognose wagen sollte, würde ich sagen;: nothing has changed. Soll heißen: May wird auch im Januar mit ihrem Deal voll auf die Nase fallen, denn die Mehrheitsverhältnisse in Westminster haben sich seit ihrem Rückzieher im Dezember nicht verändert. Und neue Angebote aus Brüssel liegen auch nicht auf dem Tisch.

Vielleicht hat das Londoner Gesundheitsministerium deshalb gerade jetzt bekannt gegeben, man werde den staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) nun „mit aller Kraft und entschlossen auf einen No-Deal-Brexit vorbereiten“, so verlautet aus dem Ministerium.

Zehn Beamte zur Vorbereitung des Brexit neu eingestellt

Freilich: mickrige zehn (!) Beamte wurden kürzlich zusätzlich eingestellt, um den Giganten NHS mit mehr als eine Million Beschäftigten auf einen No Deal vorzubereiten. Zehn Beamte! „Das ist wie ein sich anbahnender Autounfall in Zeitlupe“, stellte ein mit mir befreundeter Londoner Klinikarzt trocken fest, als wir uns kürzlich im Pub für unseren schon traditionellen Jahresend-Trunk trafen….

1500 Ärzten mit Job-Zusage wurde das Visum verweigert

Wie es der Zufall so wollte, lag am selben Abend, als wir uns im Pub unser pint of lager – also unser Bier – genehmigten, die Londoner Abendzeitung auf dem Bartresen. Und darin wurde gemeldet, dass das britische Innenministerium in den vergangenen zwölf Monaten insgesamt rund 1500 qualifizierten Ärztinnen und Ärzten ein Visum verweigerte, obwohl die Mediziner laut Bericht alle bereits eine Job-Zusage im NHS in der Tasche hatten. Auch das ein Stück aus dem Tollhaus! Und in Zeiten von Ärztemangel im NHS so kurz vor dem Brexit nicht nachvollziehbar…

Weniger als 100 Tage bleiben dem Vereinigten Königreich also nun noch, um doch noch ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern und einen einigermaßen geordneten Brexit hinzulegen. Die Chancen dafür und darauf, dass 2019 für das Königreich ein Happy New Year wird, stehen schlecht. Äußerst schlecht.

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