Ärzte Zeitung online, 15.11.2017
 

May-day in London

Würde mit einem neuen Premier alles besser?

Mahnungen von Wirtschaftsverbänden oder neuen Zahlen abwandernder Pflegekräfte zum Trotz: Premier Theresa May hält an ihrem Kurs fest. Wenn sie von ihrer Partei politisch abserviert werden sollte – was würde dann besser werden, fragt unser Blogger Arndt Striegler in London.

Von Arndt Striegler

Würde mit einem neuen Premier alles besser?

Bloggt für die "Ärzte Zeitung" aus London: Arndt Striegler.

© privat

May-day in London: Würde mit einem neuen Premier alles besser?

LONDON. Während sich die britische Regierung und besonders die regierende konservative Partei von Premierministerin Theresa May in diesen Tagen über alles Mögliche streitet – Sexskandale, Bettenmangel im Gesundheitswesen und die Zukunft der königlichen Marine – wird man auf der anderen Seite des Ärmelkanals zusehends nervös angesichts mangelnder Fortschritte in Sachen Brexit.

Gerade warnte MedTech Europe, eine Organisation, die die Interessen der Herstellern von medizinalen Produkte und Medizintechnik europaweit vertritt, vor den möglichen Auswirkungen eines Brexit. Sowohl London als auch Brüssel stünden in der Verantwortung, bei ihrem Poker in erster Linie das Wohl von Millionen von Patienten im Auge zu behalten.

"Medizintechnik trägt wesentlich dazu bei, das Leben von vielen Patienten in ganz Europa zu retten oder zu verbessern. Deshalb sollte bei den Verhandlungen darauf geachtet werden, dass der Zugang der Patienten zu diesen Produkten und Diagnostika auch nach dem Brexit sichergestellt ist", mahnt der Verband.

Liest man sich die Mitteilung der Organisation genauer durch, so ergibt sich der Eindruck, dass die Medizintechniker langsam kalte Füße bekommen angesichts der fest gefahrenen Verhandlungen in Brüssel. Schließlich tickt die Uhr – und wenn es nicht zu einem chaotischen Ausscheiden Großbritanniens aus der EU im März 2019 kommen soll, dann wird es langsam Zeit, um "Butter bei die Fische" zu bringen, wie ich als gebürtiger Bremer zu sagen pflege.

Mays Rückhalt schwindet

Davon freilich scheint Großbritanniens Regierungschefin weiter entfernt zu sein, als je zuvor. Selbst konservative Kommentatoren hier im Königreich äußern inzwischen ernsthafte Zweifel, ob Theresa May noch lange im Amt bleiben wird. Zu gering ihr Rückhalt in der eigenen Partei. Zu gering ist auch die Zustimmung der Wählerschaft zu dem, was sie in den vergangenen Wochen und Monaten politisch angepackt hat.

Eine Mehrheit im Parlament hat Mrs. May ohnehin nicht, sie braucht die Unterstützung einer radikalen nordirischen Splitterpartei, die die Gleichberechtigung von Frau und Mann lieber heute als morgen wieder rückgängig machen würde.

Keine guten Zeichen also in London, was die Zukunft der britisch-europäischen Beziehungen angeht. Und zu allem Überfluss spukt im Hintergrund der britische Außenminister und Brexit-Radikale Boris Johnson. Nein, Theresa May ist derzeit nicht zu beneiden.

Was freilich weder den Kontinental-Europäern, noch den Briten hilft. Ganz zu schweigen von Branchen wie der Medizintechnik, die von London verlangt, dass nach dem EU-Austritt die britischen Zulassungsbestimmungen und -verfahren weiterhin mit denen der in den restlichen 27 EU-Ländern gültigen Bestimmungen konform sind. Nur so lasse sich eine reibungslose Patientenversorgung sicherstellen. Nur so lasse sich wirtschaftlicher Schaden für diese und viele andere Wirtschaftsbranchen in Großbritannien und in Kontinentaleuropa abwenden. Denn bereits heute, also rund 17 Monate vor der europäisch-britischen Scheidung, haben viele britische Unternehmen damit begonnen, Arbeitsplätze von Großbritannien auf das Festland zu verlegen.

Pflegekräfte ergreifen die Flucht

Und auf das europäische Festland zieht es laut neuen Zahlen aus London inzwischen auch immer mehr qualifizierte Pflegekräfte aus dem staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS). Man braucht sich in diesen Tagen nur mit Klinikärzten auf der Insel zu unterhalten und früher oder später hört man Klagen, wie schwierig es sei, qualifiziertes Pflegepersonal für die Arbeit auf den Stationen zu gewinnen.

Nun muss man fairerweise sagen, dass krankenpflegerische Berufe in Großbritannien noch nie der Traumjob schlechthin waren, für den es mehr Stellenbewerber als freie Stellen gibt. Doch seit Juni 2016 haben viele Pflegekräfte aus der EU das Land verlassen.

Gerade stellte das britische "Nursing and Midwifery Council" (NMC) aktuelle Zahlen vor, die belegen, dass der Brexit die ohnehin nicht üppige Versorgung des NHS mit Pflegekräften weiter verschlimmert. Laut NMC waren im September 2017 insgesamt 36.2000 in der EU-ausgebildete Krankenschwestern und -pfleger in Großbritannien registriert. Im Vergleich zum September 2016 entspricht das einem Rückgang von 2700 Pflegekräften. Und solange nicht klar ist, was der Brexit für die mehr als drei Millionen EU-Bürger auf der Insel bedeutet, solange dürfte sich dieser Negativtrend fortsetzen.

Das Frustrierende daran ist, dass sich trotz aller Hiobsbotschaften aus Wirtschaft, Gesundheitswesen und anderen Bereichen nichts an der lahmen und inkompetenten Gangart der Regierung May zu ändern scheint. Aber wer weiß: Vielleicht wird May ja tatsächlich bald politisch abserviert. Fragt sich bloß: Wer kommt dann – und macht er oder sie die Sache besser?

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »