Ärzte Zeitung, 25.01.2011

Krankenkassen drängen auf bessere Klinikhygiene

Jetzt schalten sich auch die Kassen in die Debatte um ein besseres Hygienemanagement in Kliniken und Praxen ein. Die TK präsentiert gleich ein ganzes Bündel an Ideen vor. Im Zentrum: Strengere Verhaltensregeln für Ärzte und Pflegende.

Von Sunna Gieseke

Krankenkassen drängen auf bessere Krankenhaushygiene

Bundesweit einheitliche Hygienestandards sollen künftig Infektionen mit multiresistenten Erregern in Kliniken vermeiden.

© Nadege Petrucci / fotolia.com

BERLIN. In die anhaltende Diskussion um einen effektiveren Schutz vor nosokomialen Infektionen schalten sich jetzt auch verstärkt die Krankenkassen ein. Die Techniker Krankenkasse (TK) legte dazu einen eigenen "Zehn-Punkte-Katalog" vor.

Dieser setzt auf einen konsequenteren Umgang mit dem Thema Hygiene: Strikte Verhaltensregeln wie etwa bei der Kittelpflege, dem Mundschutz oder der Händedesinfektion seien "anzustreben", heißt es in dem der "Ärzte Zeitung" vorliegenden Positionspapier.

Aus Sicht der TK kann die Bekämpfung multiresistenter Erreger nur erfolgreich sein, wenn parallel Prävention, Diagnostik und Therapie konsequent umgesetzt werden.

Dazu gehöre - neben dem Screening auf mögliche Erreger und der Abfrage einer Antibiotika-Einnahme - auch die Isolierung und Dekontamination betroffener Patienten.

Praxen, Kliniken und Heime müssten sich zudem besser austauschen - auch über bestimmte Regionen hinaus. Die Bekämpfung von Erregern müsse eine Gemeinschaftsaufgabe werden - schon deshalb, weil Erreger nicht vor "Ländergrenzen halt machen".

Eine eigene Gebührenposition im EBM - wie von der Koalition geplant - lehnt die TK ab. "Denn durch eine vorsorgliche Sanierung wird die Bildung von Resistenzen gefördert, sollten die Patienten in ihre Umgebung wie zum Beispiel ein Pflegeheim zurückkehren", so die Kasse.

Daher müsse auch die Herkunft der Erreger festgestellt werden. Die TK schlägt vor, dass nicht nur MRSA-Keime, sondern auch die Verordnung von Reserveantibiotika gemeldet werden müsse.

Die Daten sollten den Kostenträgern zur Verfügung stehen. Auch die Informationspolitik der Kliniken, wo sie beim Thema Hygiene stehen, müsse weiter verbessert werden.

Zuvor hatten Union und FDP ein Maßnahmenpaket für eine verbesserte Krankenhaushygiene vorgelegt. Ziel ist es, den Hygienestandard für Kliniken und Arztpraxen bundesweit verbindlich zu regeln.

Außerdem will die Koalition erreichen, dass spezielle Hygienebeauftragte in den mehr als 2000 Kliniken eingesetzt werden müssen. Diese sollen darüber wachen, dass Ärzte und Pfleger regelmäßig ihre Hände desinfizieren.

Das Infektionsgeschehen in Kliniken soll künftig transparenter werden. Dies soll in Form eines Hygienesiegels für Kliniken geschehen. Die Union hatte sich für eine Sterne-System ausgesprochen.

Bei der Opposition und Experten stoßen die vergangene Woche vorgelegten Eckpunkte für ein Krankenhaushygienegesetz derweil auf ein geteiltes Echo.

"Das ist oberflächliche Wischerei", sagte SPD-Gesundheitsexpertin Carola Reimann der Nachrichtenagentur dpa.

Der Chef der Deutschen Hospiz Stiftung, Eugen Brysch warnte: "Wenn die Politik glaubt, allein mit mehr Vorschriften das Problem lösen zu können, wird sie Schiffbruch erleiden".

[26.01.2011, 10:06:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Bessere Klinik- und Praxishygiene zum Nulltarif?
Auch spezielle "Sieben-", "Zehn-" oder "Vierzehn-Punkte Programme" zur Hygieneverbesserung und Infektionsverhütung können nicht darüber hinwegtäuschen, dass in fast allen Gesundheits- und GKV-Verwaltungen nur Dilettanten agieren.

"Spezielle Hygienebeauftragte" müssen "in den mehr als 2000 Kliniken eingesetzt werden". "Diese sollen darüber wachen, dass Ärzte und Pfleger regelmäßig ihre Hände desinfizieren". So schlau ist die Techniker Krankenkasse (TK), die dazu einen eigenen "Zehn-Punkte-Katalog" vorlegte.

Hygienebeauftragte sind auch ohne "bundeseinheitliche Hygieneverordnung" vom Klinikparkplatz bis zum Schornstein für a l l e Belange der Krankenhaushygiene bei Patienten, Gebäude, Personal, Arbeitsabläufen und Logistik zuständig. Da gibt es viel zu wenig ausgebildetes Fachpersonal und schon gar keine Sachkunde bei den Entscheidern in Politik und GKV! Und Motivation, Ausbildung und Institutionalisierung gibt es eben n i c h t zum Nulltarif.

Naiv ist auch, mehr Hygieneanstrengungen in den Praxen zu fordern, gleichzeitig sich um die Bezahlung im EBM zu drücken. Was soll denn sonst noch Alles in das Regelleistungsvolumen (RLV) pauschal hineingeprügelt werden?

Mit freundlichen, kollegialen Grüßen, T. G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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