Ärzte Zeitung, 07.10.2011

Arzneihersteller sollen Infolücken bei Patienten schließen

Pharmaindustrie und Patienteninformation - ein Widerspruch? Experten meinen: Nein, künftig müsse die Industrie sogar vermehrt im Sinne der Patienten in die Bresche springen. Allerdings nur nach bestimmten Regeln.

Von Sunna Gieseke

Arzneihersteller sollen Infolücken füllen

Gesundheitscoaching von Firmen für Patienten? Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

© nyul / fotolia.com

BERLIN. Die Klagen der Ärzteschaft werden immer lauter: Es bleibt kaum noch Zeit für das individuelle Gespräch mit dem Patienten. "Kostendruck und überbordende Bürokratie haben die ärztliche Tätigkeit im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert - und beides geht zu Lasten der Zeit", sagte die Fachärztin für Innere Medizin Dr. Martina Henrich bei der UCB-Pharma-Veranstaltung "Gesundheitscoaching durch die Industrie - Nutzen für den Patienten?".

Unprofessionelle Patienteforen im Internet

Patienten fühlten sich oft nach der Diagnose und der Therapieverordnung allein gelassen. "Nicht selten suchen sie dann im Internet in unprofessionellen Patientenforen Hilfe", warnte Henrich. Oder sie nähmen die verordneten Medikamente gar nicht erst ein. Das wiederum verursache massive Schäden im Gesundheitssystem: Jedes Jahr entstünden Kosten von bis zu zehn Milliarden Euro.

"Informationen aus erster Hand wären also wünschenswert", betonte Henrich. Sie sieht die Pharmafirmen in der Pflicht, diese zu liefern. Doch die Spielregeln müssten klar definiert sein: Der Arzt bleibt der Lotse im System. Informationen für die Patienten durch die Industrie könnten nur eine Ergänzung sein.

Schließlich habe der Patient Vertrauen zu seinen Ärzten. Darüber hinaus dürfe es keine Werbung geben. "Der Patient würde ein Produktmarketing eh schnell durchschauen", so Henrich.

Patienteninformationen nicht nur für Arzneimittel

Aus Sicht des GKV-Experten Rolf Stuppardt sollte sich die Patienteninformation durch die Pharmaindustrie nicht nur auf die klassischen Produkte, also Arzneimittel, beschränken. "Verlangt werden vielmehr zugleich Informationen über Krankheiten, ihre Vermeidung und auch über die nicht medikamentösen Behandlungsalternativen", so Stuppardt.

Für die Pharmafirmen geht es jedoch um weit mehr, als lediglich Informationsmaterial für die Patienten zur Verfügung zu stellen: "Wir wollen ein ganzheitliches Versorgungsmanagement für die Patienten erreichen, das den Patientennutzen in den Vordergrund stellt", betonte UCB Pharma-Sprecher Steffen Fritzsche.

Mit anderen Worten: Das Unternehmen will nicht ausschließlich Medikamente herstellen, sondern auch Versorgungsdienstleister werden. Bereits jetzt gebe es aber beispielsweise eine Internetplattform für Epileptiker (www.epilepsie-im-griff.de).

Compliance-Programm für Patienten

Dabei handle es sich um ein individualisiertes Compliance-Programm für Patienten. Mit regelmäßigen E-Mails und Checklisten für das Arztgespräch hat der Pharmahersteller nach eigenen Angaben die Therapietreue der Patienten um bis zu 38 Prozent erhöht.

Die Anfälle der Epileptiker hätten sich sogar um 46 Prozent reduziert. Das habe eine Patientenbefragung vor und am Ende des Programms ergeben, so Fritzsche.

Das Angebot des Pharmaunternehmens soll langfristig um Gesundheitscoaching für Patienten ergänzt werden. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg, so Fritzsche. Das Programm für Epileptiker sei ein erster Schritt in diese Richtung.

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Patienten lechzen nach Informationen

[07.10.2011, 09:44:59]
Almut Rosebrock 
Arzt und Apotheker
Die Unterstützung der Hersteller durch Patientenbroschüren oder auch Websites zu unterschiedlichen Themen, auch zu den Arzneimitteln selbst, ist eine hilfreiche Handhabe sowohl für den Arzt als auch den Apotheker. Würde einem in der Apotheke die freie Entscheidung für Auswahl eines Herstellers bei Präparaten gelassen (aktuell durch die Rabattverträge größtenteils vorgegeben, nach rein "preislichen" Gesichtspunkten, von den Krankenkassen bestimmt), würde ich als Apothekerin klar Firmen bevorzugen, die gute, sachliche und umfassende Informationsmedien bieten. Denn das unterstützt sowohl meine und Ihre Arbeit am Patienten als auch die Patientencompliance und somit den Erfolg der Therapie.
Als Fachleute sind wir für die Patienten Lotsen durch den "Dschungel" ihrer Erkrankungen - und Unterstützer hin zu einem erfolgreichen Leben in möglichst guter Gesundheit!
Wir müssen dafür die angebotenen Informationen filtern und gezielt das Beste für unsere Arbeit heraussuchen (Auslage guter Broschüren in Apotheke bzw. Praxis) bzw. den Patienten bei Bedarf an die Hand geben.
Da ist Hellhörigkeit, genaues Hinhören und Beobachten der Patienten gefragt. Dadurch haben wir die Chance, für den Patienten zum "Gesundheitscoach" zu werden, dem er / sie vertraut. Und die Aufgabe wird spannender und herausfordernder - so Zeit und Kraft dafür übrigbleiben!
Meine aktuellen Erfahrungen beim Kinderarzt (starke Bronchitis der ganzen Familie) waren nicht gut: Nur auf Nachfrage Hinweis auf Einnahmemodalität des Antibiotikums, die war dann auch noch falsch (2 mal statt 3 mal täglich!), kein Hinweis auf die Notwendigkeit der Einnahme bis zum Schluss.
Auch bei der 10-jährigen Tochter keine Verschreibung eines Schleimlösers, sondern nur der Hinweis, viel trinken reiche, und man könne ja auch mit heißem Wasser inhalieren.
Mucosolvan und ACC würden eh nichts bringen.
In der aktuellen letzten Phase muss jedoch der Schleim raus -
und er sitzt fest!
Die (vermeintliche) Ersparnis von ca. 6 Euro führt zu "Qualen" beim Patienten (aktuell bei mir, ich nehme Gelomyrtol, mit bisher beschränkter Wirkung, sonst gut; für kleine Kinder Katastrophe, vor allem ärmere Eltern haben keine 6 Euro für einen Hustensaft über, da geht der Betrag vom eh schon knappen Ernährungsbudget ab!).
Die als "Ersatz" verschriebenen Salbu-Tropfen haben keinen spürbaren Effekt - obwohl der Arzt sagt, die Wirkung sei belegt... .

Das Vertrauen der Patienten bzw. Kunden muss für uns das oberste Leitmotiv des Handelns sein. Meine momentanen Praxiserfahrungen beim Arzt sind leider nicht so gut.
Engagierte Apotheken fangen da glücklicherweise manches auf.
 zum Beitrag »
[07.10.2011, 09:01:52]
Dr. Peter M. Schweikert-Wehner 
Nicht die Butter vom Brot nehmen lassen
Wenn wir Freiberufler bleiben wollen und das wohl der Patienten oberster Leitgedanke ist dann: Finger weg von dem Teufelszeug.

Ärzte und Apotheker sollten ein Konzept zur Patienteninformation durch beide Heilberufe entwickeln, dieses soll von der Industrie, der Wissenschaft und anderen unterstützt werden.

Ansonsten werden wir und unsere Patienten Marionetten in den Händen der Pharmaindustrie. zum Beitrag »

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