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Ärzte Zeitung, 31.01.2012

Sechsjährigen verschlägt es die Sprache

Neue Kinderkrankheiten sind auf dem Vormarsch - vor allem Sprachstörungen. Nach neuen Zahlen der Barmer GEK kann jedes dritte sechsjährige Kind nicht richtig sprechen. Immer häufiger sind auch ADHS und Neurodermitis. Die Kinderärzte fordern verpflichtende U-Untersuchungen.

Von Sunna Gieseke

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Kind beim Logopäden: Immer mehr Sechsjährie haben Sprachstörungen.

© Klaro

BERLIN. Bei etwa jedem dritten Kind im Vorschulalter ist die Sprachentwicklung gestört. Bundesweit sind das 1,1 Millionen Kinder. Zwischen Mädchen und Jungen gibt es dabei Unterschiede.

Im sechsten Lebensjahr haben rund 38 Prozent der Jungen eine Sprechstörung. Bei den gleichaltrigen Mädchen sind es dagegen nur 30 Prozent.

Das geht aus dem Arztreport der Barmer GEK hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

"Neue Kinderkrankheiten sind auf dem Vormarsch", sagte Barmer GEK-Vize Rolf Schlenker. Insbesondere seien die vielen logopädischen Behandlungen vor der Einschulung auffällig.

Eltern und Erzieher müssten sich früher und gezielter um die Sprachfähigkeit der Kinder kümmern. "So könnten ihnen viele der logopädischen Anwendungen sicherlich erspart bleiben", so Schlenker.

Mehr Arztkontakte im Nordosten

Nicht jedes Kind sieht zudem jedes Jahr einen Kinderarzt - hier gibt es in der Versorgung deutliche regionale Unterschiede. In Mecklenburg-Vorpommern hatten 16 Prozent der Kinder im vergangenen Jahr keinen Kontakt zu einem Kinderarzt.

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Zum Vergleich: In den Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg sind es bis zu fünf Prozent der Kinder, die keinen Kinderarzt gesehen haben.

Versorgungslücken sieht der Barmer GEK-Vize dennoch nicht: "Auf dem Land übernehmen andere ärztliche Fachdisziplinen die Behandlung der Kleinsten."

Diese regionalen Unterschiede seien auf ein uneinheitliches Einladesystem der Kassen zurückzuführen, betonte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Wolfram Hartmann. Die U-Untersuchungen für Kinder müssten in jedem Fall verpflichtend werden.

Auch eine Zunahme sprachgestörter Kinder erkennt der Facharzt nicht: "Da werden pädagogische Probleme in Kindergärten auf die Medizin verlagert", so Hartmann.

Neurodermitis-Diagnosen regional unterschiedlich

Die Zahlen der Barmer GEK zeigen ergeben allerdings noch weit mehr Befunde: Dem Arztreport zufolge haben mehr als elf Prozent aller Kinder bis 14 Jahre Neurodermitis. Bei den Kindern bis zu drei Jahren sind es sogar rund 16 Prozent.

Auffallend sind dabei jedoch vor allem die regionalen Unterschiede. Alle ostdeutschen Bundesländer erreichen deutliche höhere Diagnoseraten. Spitzenreiter ist Thüringen (17,1 Prozent), gefolgt von Sachsen-Anhalt (16,4 Prozent) und Sachsen (15,6 Prozent).

Eine Erklärung dieses Phänomens bleibt der Arztreport schuldig: Die merklich höheren Diagnoseraten in den neuen Bundesländern seien auffällig und "an dieser Stelle nicht erklärbar", heißt es in dem Bericht.

Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass diese Zunahme mit der unterschiedlichen Erfassung der Krankheit durch die Ärzte zu tun habe.

Doch die Kasse hatte auch gute Nachrichten im Gepäck: Die klassischen Kinderkrankheiten wie Windpocken, Scharlach oder Röteln hätten die Ärzte "im Griff". "Alles in allem dürfen wir von einem ausgezeichneten Versorgungsniveau ausgehen", so Kassenvize Schlenker.

Hohe Sensibilität für ADHS

Gleichzeitig nehmen jedoch Krankheitsbilder wie etwa ADHS zu. Dem Arztreport zufolge geht mittlerweile jeder zehnte neunjährige Junge zu einem Neurologen oder Psychiater (9,6 Prozent). 60 Prozent davon mit der Diagnose ADHS.

Sechsjährigen verschlägt es die Sprache

Zum Vergleich: Bei den neunjährigen Mädchen sind es sechs Prozent, davon rund 40 Prozent mit einer ADHS-Diagnose.

Aus Sicht der Kasse sollten Eltern und Erzieher sich früher und gezielter - auch geschlechtsspezifischer - im die psychische Verfassung und Motorik der Kinder kümmern.

"Sicherlich haben die hohen Diagnoseraten auch mit erhöhter Sensibilität seitens der Eltern, Erzieher und Ärzte zu tun", so Schlenker.

Die Anzahl der Arztkontakte sei insgesamt nach wie vor sehr hoch: 91 Prozent der Versicherten gingen mindestens einmal im Jahr zum Arzt.

"Damit ist unsere medizinische Versorgung immer noch hervorragend", so Schlenker. Das dauerende Gerede von der Unterversorgung sei "Panikmache".

Abenteuerlicher Mehrbedarf

Einer "mikroskopischen" Bedarfsplanung - wie von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vorgeschlagen - erteilt die Barmer GEK eine Absage. Es sei zwar unstrittig, dass eine flexiblere Bedarfsplanung notwendig sei.

Das von der KBV vorgelegte Konzept setzt auf eine stärkere Differenzierung von Hausärzten, allgemeinen und spezialisierten Fachärzten. Bei den Hausärzten schaffe das KBV-Konzept jedoch "abenteuerliche Mehrbedarfe", so Schlenker.

Künftig sollten nicht mehr 412 Stadt- und Landkreise Orientierungsgrundlage sein, sondern rund 4600 "Gemeindeverbünde" - diese Verzehnfachung sei nicht akzeptabel.

Die KBV zeigt sich gelassen. Die Versorgungssituation sei auf dem Dorf nun einmal anders als in der Kleinstadt. Daher sei es sinnvoll, die hausärztliche Versorgung regional gesondert zu betrachten.

"Schließlich müssen wir einem drohenden Ärztemangel entgegen wirken", so KBV-Sprecher Roland Stahl.

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