Ärzte Zeitung online, 13.10.2017

E-Health

Nicht nur Ärzte bremsen Digitalisierung aus

Befindet sich das deutsche Gesundheitswesen noch in der "digitalen Steinzeit"? Kontroverse Debatte bei einer Barmer-Veranstaltung in Lübeck.

Von Dirk Schnack

LÜBECK. Ärzte, Krankenkassen, Wissenschaftler – sie alle sehen das deutsche Gesundheitswesen noch in der "digitalen Steinzeit". Auf dem Norddeutschen Dialog der Barmer in Lübeck mussten Ärzte dafür massiv Kritik einstecken.

Professor Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am RWI-Leibniz-Institut etwa zitierte aus Ärztetagsbeschlüssen, die die Vorbehalte des Berufsstandes deutlich machten. Er zog Vergleiche zu anderen Branchen und stellte fest: "Am liebsten würde man es im Gesundheitswesen so lassen, wie es ist." Ein Festhalten am Schneckentempo für die Digitalisierung im Gesundheitswesen kann sich Deutschland nach seiner Ansicht nicht leisten – auch weil die Personalressourcen immer knapper werden. Hoffnung, dass Ärzte bei der Digitalisierung künftig stärker aufs Tempo drücken, vermittelte Augurzky der jüngste Ärztetag mit dem Auftritt von Sascha Lobo.

Ob diese Hoffnung berechtigt ist, bleibt allerdings auch Monate nach dem Ärztetag für Schleswig-Holsteins Kammerpräsident Dr. Franz Bartmann offen. Der Telematikexperte der Bundesärztekammer ist sich nicht sicher, ob alle Kammern zu den richtungsweisenden Beschlüssen aus Freiburg stehen und tatsächlich ein Umdenken auf breiter Front erfolgt. Fest steht für ihn aber, dass dieses Umdenken kommen muss: "Die Gefahr, dass wir von anderen Playern überholt werden, ist groß", sagte Bartmann in Lübeck.

Er zeigte aber auch, dass Bremser nicht nur im Ärztelager zu finden sind. Das E-Health-Gesetz habe die Hoffnungen nicht erfüllt. Bartmann sieht den Staat in der Pflicht, stärker als in die technische Infrastruktur zu investieren. Hamburgs Barmer-Chef Frank Liedtke erkennt im Gesundheitswesen insgesamt "zu wenig Mut der Akteure." Wer aber sollte die Akteure treiben? Nach Ansicht von Ärztin Mascha Minou Lentz die Patienten. Sie prognostizierte, dass deren Erwartungen zu einer stärkeren digitalen Vernetzung führen.

Auch Augurzky sieht die Entwicklung künftig von den Patienten bestimmt – diese werden nach seiner Erwartung informierter und anspruchsvoller und ihre Gesundheitsdaten selbst in die Praxen bringen. In der Realität sind viele Patienten von dieser erwarteten Treiber-Rolle allerdings noch entfernt. HNO-Arzt Dr. Thiemo Kurzweg aus dem Hamburger Ärztenetz berichtete von bestehenden digitalen Angeboten in seiner Praxis - von vielen Patienten werden diese bislang nur verhalten genutzt.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Kleine Kinder sollten lieber mit Bauklötzen spielen als mit Smartphones, raten Augenärzte. Denn: Wenn die Kleinen häufig und lange auf Bildschirme starren, leiden nicht nur ihre Augen. mehr »

Quereinstieg zum Hausarzt – reicht ein Jahr Weiterbildung?

Der Deutsche Hausärzteverband warnt vor einer Verwässerung der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Ein Jahr Weiterbildung reiche nicht für Umsteiger aus der Klinik. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »