Ärzte Zeitung online, 24.11.2017
 

Rheumatoide Arthritis

Viel mehr Rheuma-Patienten als angenommen

In nur sechs Jahren ist die Zahl der Patienten, die von Vertragsärzten wegen einer RA behandelt wurden, stark gestiegen. Das geht aus einem Bericht des Versorgungsatlas' hervor.

Von Florian Staeck

BERLIN. Die Zahl der Patienten, die an rheumatoider Arthritis (RA) erkrankt sind, ist vermutlich deutlich höher als bisher angenommen. Darauf weisen Wissenschaftler des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) hin. Auf Basis älterer Studien ist man bisher davon ausgegangen, dass die Erkrankungshäufigkeit bei 0,8 bis 0,9 Prozent der Bevölkerung liegt.

Eine neue Untersuchung des ZI schätzt die epidemiologische RA-Prävalenz im Jahr 2014 auf 1,23 Prozent – 1,7 Prozent bei Frauen und 0,7 Prozent bei Männern. Die Forscher haben dafür bundesweite vertragsärztliche Abrechnungsdaten der Jahre 2009 bis 2016 untersucht.

Der Datenpool umfasst somit alle GKV-Patienten, die in diesem Zeitraum mindestens einen Kontakt mit einem Vertragsarzt hatten. Das entspricht 85 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland.

Absolute Zahl stark gestiegen

Demnach ist die absolute Zahl der RA-Patienten im Untersuchungszeitraum von 526.000 auf 666.000 gestiegen. Das entspricht rund 140.000 zusätzlich behandelten Patienten binnen sechs Jahren. Die Wissenschaftler haben nach eigenen Angaben bei der Klassifikation von RA-Patienten strenge Kriterien zugrunde gelegt. Erfüllt sein mussten die Diagnosecodes M05 (seropositive chronische Polyarthritis) oder M06 (sonstige chronische Polyarthritis) in einem Quartal und eine zweite Diagnose in einem der drei Folgequartale.

Zudem war mindestens eine Entzündungsdiagnostik (Bestimmung des C-reaktiven Proteins und/oder Messung der Blutsenkungsgeschwindigkeit) erforderlich. Diese hohe Spezifikation der Falldefinition sollte sicherstellen, dass nur "epidemiologisch sichere" RA-Patienten erfasst werden. Vor diesem Hintergrund gehen die Studienautoren davon aus, dass die Inzidenz der RA "eher konservativ geschätzt wird".

Regional sind in der Studie deutlich unterschiedliche Diagnoseprävalenzen für RA festgestellt worden. Sie lag im Jahr 2015 in den ostdeutschen Bundesländern fast 20 Prozent höher als in Westdeutschland.

Regionale Abweichungen

Die Wissenschaftler haben dabei ein "markantes Gefälle" von Nord-Nordost nach Süd-Südwest erkannt: Mecklenburg-Vorpommern weist mit 1,35 Prozent die höchste Diagnoseprävalenz auf, Niedersachsen (1,26 Prozent) und die weiteren ostdeutschen Ländern folgen in diesem Ranking. Die niedrigsten Werte wurden in Baden-Württemberg (0,90 Prozent) und Bayern (0,94 Prozent) ermittelt.

Über die Gründe für die regionalen Variationen im Krankheitsgeschehen können die ZI-Wissenschaftler nur Vermutungen anstellen. Als eine mögliche Ursache gelten regionale Unterschiede in der Dichte vertragsärztlich tätiger Rheumatologen. So ist beispielsweise die Zahl internistisch tätiger Rheumatologen in Regionen mit einer Diagnoseprävalenz von unter einem Prozent ebenfalls niedrig – das Saarland und Rheinland-Pfalz erwähnen die ZI-Autoren als Beispiele hierfür.

Umgekehrt gehören Länder mit vergleichsweise hoher Rheumatologen-Dichte (1,6 bis 1,7 je 100.000 erwachsene Einwohner) wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder Berlin zu den Spitzenreitern bei der festgestellten RA-Prävalenz. Ausnahmen von dieser Beobachtung sind die Stadtstaaten Hamburg und Bremen, die trotz vergleichsweise hoher Rheumatologen-Dichte eher niedrige Prävalenzwerte aufweisen.

Bei der Suche nach weiteren relevanten Faktoren für regionale Unterschiede tappen die ZI-Forscher aber weitgehend im Nebel: Mögliche Ursachen könnten unterschiedliche Schweregrade bei RA verbunden mit höheren Hospitalisierungsraten sein, hieß es.

Ein möglicher Faktor könne auch der regional unterschiedliche Anteil von PKV-Patienten oder aber je nach Region variierende Einschreibungsraten von Patienten in Selektivverträge oder Verträge der hausarztzentrierten Versorgung sein. Doch derartige Ableitungen lassen sich anhand von GKV-Abrechnungsdaten nicht treffen.

Die Krankheitsfolgekosten von RA sind erheblich. In der Gesundheitsberichterstattung des Bundes wurden im Jahr 2010 die direkten Kosten auf 4700 Euro pro Jahr beziffert. Auch angesichts von seitdem neu eingeführten Medikamentengruppen kann von inzwischen stark gestiegenen Kosten ausgegangen werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Ebola-Überlebende auch 40 Jahre später noch immun

Eine Forscherin machte sich auf die Suche nach den Überlebenden des ersten Ebola-Ausbruchs – und verspricht sich davon wichtige Erkenntnisse. mehr »

Inhalatives Steroid bei Kindern – Keine falsche Zurückhaltung!

Die Angst vor Frakturen sollte bei asthmakranken Kindern kein Grund gegen die Kortisoninhalation sein. Zurückhaltung könnte sogar den gegenteiligen Effekt haben. mehr »

Ibuprofen plus Paracetamol so effektiv wie Opioide

Es müssen keine Opioide sein: OTC-Analgetika wirken bei Schmerzen in den Gliedmaßen ähnlich gut wie Opioide, so eine US-Studie. mehr »