Ärzte Zeitung, 26.06.2014

Otmar Wiestler

Individualisierte Krebsmedizin hat große Chancen

Für jeden Patienten genau die Behandlung anzubieten, die er - und nur er - auch wirklich braucht: ein völlig unrealistisches Ziel? Die Realität zeigt, die Fortschritte in der Krebsmedizin scheinen unaufhaltsam voranzuschreiten.

Von Christoph Fuhr

BERLIN. "Das Feld der Krebsmedizin befindet sich in einer ungeheuren Bewegung." Mit dieser positiven Botschaft brachte Professor Otmar D. Wiestler bei der Eröffnung des Hauptstadtkongresses am Mittwoch den Kern seines Referats auf den Punkt.

Wiestler ist Vorsitzender und wissenschaftliches Mitglied des Stiftungsvorstands des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg (DKFZ). Thema seines Vortrags: "Chancen und Möglichkeiten einer individualisieren Krebsmedizin."

"Ärzte wissen seit langem, dass Krankheiten bei Patienten individuell sehr unterschiedlich verlaufen können und deshalb auch individuell behandelt werden müssen", sagte er.

Allerdings seien Krankheitsprozesse lange nicht ausreichend verstanden worden, um diese Herausforderungen anzugehen. Mittlerweile aber sei die Forschung so weit, dass sie Gründe finde für die individuell sehr unterschiedlichen Verläufe bei derselben Krankheit.

Maßgeschneiderte Verfahren

In Zukunft werde es möglich sein, maßgeschneiderte Behandlungsverfahren zu entwickeln. Der Traum der Medizin, der seit Jahrhunderten besteht, könnte aus Sicht von Wiestler wahr werden: "Für jeden Patienten genau die Behandlung anzubieten, die er - und nur er - auch wirklich braucht."

Wiestler lieferte eine präzise Erklärung dafür, warum gerade die Krebsmedizin bei der Umsetzung des Gedankens einer maßgeschneiderten und personalisierten Diagnostik im Vergleich zu allen anderen Bereichen der Medizin am weitesten fortgeschritten ist: Durch die Krebsforschung sei in den letzten Jahrzehnten enorm viel über die individuellen Unterschiede in den Entstehungswegen derselben Krebserkrankung bei zwei unterschiedlichen Patienten gelernt worden.

Außerdem sei es der Krebsforschung wie kaum einem anderen Forschungsgebiet gelungen, durch Erkenntnisse der Grundlagenforschung völlig neue, zielgerichtet ansetzende Behandlungsverfahren zu entwickeln.

Die Herausforderungen für die Zukunft sind groß, und ein Schlüssel ist aus Sicht von Wiestler Kooperation. Unterschiedlichste Partner sollen gemeinsam an einem Strang ziehen, und die Industrie müsse unbedingt einbezogen werden.

Wie erfolgreiche Zusammenarbeit funktionieren kann, erläuterte Wiestler an einem konkreten Beispiel. Das DKFZ, das Uniklinikum und die Medizinische Fakultät Heidelberg sowie die Deutsche Krebshilfe haben mit dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in den letzten zehn Jahren das führende Comprehensive Cancer Center in Deutschland etabliert.

Therapien intelligent kombinieren

"Vor allem im Bereich der Genomforschung haben Wissenschaftler aus dem DKFZ und NCT entscheidende Impulse für die Entwicklung einer individualisierten Krebsmedizin gesetzt", sagte Wiestler. Ab 2015 soll jedem Patienten im NCT eine Erbgutanalyse und darauf aufbauend eine individuelle Therapieempfehlung angeboten werden.

Wiestler geht davon aus, dass künftig sehr viel mehr Informationen über die Tumorerkrankung benötigt werden als heute. Seine Prognose: Es wird nicht mehr lange dauern, bis man nicht nur ausgewählten Patienten, sondern auch standardmäßig die Analyse des gesamten Erbgutes der Krebszellen anbieten wird .

Das größte Zukunftspotenzial liegt aus seiner Sicht in der intelligenten Kombination herkömmlicher und neuer Therapieverfahren.

Dieser Ansatz könne es ermöglichen, bösartige und erst in einem späten Tumorstadium diagnostizierte Krebserkrankungen über längere Phasen zu kontrollieren - sie könnten in ein chronisches, beherrschbares Stadium der Erkrankung überführen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »