Ärzte Zeitung, 08.09.2018

Giftinfozentrum Nord

Zur Pilzzeit klingelt's besonders oft

Das Kleinkind trinkt vom Allesreiniger, der Aquarienbesitzer vergiftet sich, weil er im Wasser eine prachtvolle Krustenanemone berührt hat: Das Giftinformationszentrum Nord in Göttingen kann sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen. Auch Ärzte rufen häufig an.

Von Heidi Niemann

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Krustenanemonen sorgten im vergangenen Jahr häufig für Vergiftungen bei unvorsichtigen Besitzern von Aquarien.

© picture alliance / David Ebener

GÖTTINGEN. Immer mehr Menschen suchen Rat bei den Experten des Giftinformationszentrums Nord (GIZ-Nord) in Göttingen.

Das geht aus dem Jahresbericht 2017 hervor, den die zentrale Beratungsstelle für die Bundesländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen jetzt veröffentlicht hat.

Die Kernkompetenz der Institution umfasst die Diagnostik, Therapie und qualitätsgesicherte Dokumentation von Vergiftungen.

Insgesamt beantworteten die ärztlichen Beraterinnen und Berater 41.161 Anfragen zu Vergiftungen, im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine Steigerung um rund 6,5 Prozent. Mit dieser Rekordzahl hat die länderübergreifende Einrichtung zugleich erstmals die 40.000-er Marke "geknackt".

"Die steigende Zahl von Anfragen zeigt, wie groß der Bedarf an qualifizierter Beratung im Vergiftungsnotfall ist", sagen die beiden Leiter des GIZ-Nord, Dr. Martin Ebbecke und Professor Andreas Schaper.

Auch viele Mediziner suchen Rat bei den Göttinger Giftexperten, knapp 15.000 Anfragen kamen von Ärztinnen und Ärzten. Die meisten Anfragen gab es in den Sommer- und Herbstmonaten, in denen erfahrungsgemäß Informationen nach Pilzvergiftungen dringend gefragt sind.

22 Menschen starben nach Vergiftung

Das Zentrum besitzt einen eigenen Etat. Die Mittel wurden 2017 zu 50 Prozent von den Vertragsländern bereitgestellt, 50 Prozent wurden durch Kooperationsvereinbarung mit Unternehmen und Kostenerhebung bei institutionellen Anfragenden erwirtschaftet.

Hauptaufgabe des Giftinformationszentrums ist die Beratung im akuten Vergiftungsfall. Insgesamt registrierte das GIZ-Nord im vergangenen Jahr mehr als 36.500 menschliche Vergiftungsfälle, darunter 22 Todesfälle. Mehr als 800 Menschen erlitten eine schwere Vergiftung, in mehr als 5000 Fällen wurde eine stationäre Überwachung empfohlen.

Der Jahresbericht zeigt, dass vor allem Kinder besonders gefährdet sind. Mehr als 17 000 Verdachtsfälle betrafen Kinder bis zum Alter von vier Jahren. Eltern machen sich oft kaum bewusst, dass viele Dinge, die sie regelmäßig benutzen, giftig und bei unsachgemäßem Gebrauch äußerst gefährlich sein können.

Das gilt für alltägliche Reinigungs- und Pflegemittel, aber auch für Medikamente. Sie stellen zusammen mit anderen chemischen Produkten die mit Abstand größten Gefahrenquellen dar.

In mehr als 6000 Fällen hatten Babies und Kleinkinder Reinigungsmittel und andere Chemikalien verschluckt. Mehr als 4000 Vergiftungen in dieser Altersklasse waren auf Arzneimittel zurückzuführen.

Bei Erwachsenen überwogen Vergiftungen mit Medikamenten. Die meisten Vergiftungen (33.763) ereigneten sich im Haushalt.

Palytoxin aus dem Aquarium

Dabei fiel den Göttinger Gift-Experten auf, dass in jüngster Zeit häufiger Aquarien-Besitzer von schweren Vergiftungen betroffen waren. Ursache waren Krustenanemonen.

Das sind Nesseltiere, die wie Blumen aussehen und derzeit bei Aquarianern offenbar sehr angesagt sind. Einige Arten der Krustenanemonen sondern ein sehr starkes Gift ab, das Palytoxin.

Da das Gift sowohl bei Berührungen über die Haut als auch über die Atemwege aufgenommen wird, kann es vor allem beim Reinigen des Aquariums zu schweren Vergiftungen kommen.

Das GIZ-Nord registrierte in den Jahren 2000 bis 2017 insgesamt 46 Fälle, die auf das Gift der Krustenanemonen zurückzuführen waren. Die Hälfte der Betroffenen musste im Krankenhaus behandelt werden. Vergiftungssymptome sind unter anderem Fieber, Schüttelfrost, Kurzatmigkeit und Muskelschwäche.

Das Zentrum ist nicht direkt an der Verteilung von Antidoten beteiligt, arbeitet jedoch eng mit der Apotheke des Universitätsklinikums Göttingen zusammen. Überregional unterstützt das GIZ-Nord durch aktuelle Verweise auf Antidotdepots. Auf der Website des GIZ-Nord sind Listen von Antidota hinterlegt.

28 wissenschaftliche Publikationen

Das Zentrum war 2017 an 28 wissenschaftlichen Publikationen beteiligt. Außerdem berichteten die Göttinger Experten in Kliniken und auf wissenschaftlichen Kongressen über Themen wie Vergiftungen bei Flüchtlingen, neue psychoaktive Substanzen, Vergiftungen in Alten- und Pflegeheimen und die Toxizität von Pestiziden.

Rund um die Uhr ist das Giftinformationszentrum-Nord unter der Notrufnummer 05 51 / 1 92 40 erreichbar. Vorsorgliche Anfragen können auch per E-Mail (anfragen@giz-nord.de) gestellt werden. Weitere Informationen über aktuelle Vergiftungsgefahren sind abrufbar unter www.giz-nord.de.

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