Ärzte Zeitung App, 17.12.2013
 

Vernachlässigung

Frühe Hilfen kommen nicht an

Frühe Hilfen heißt die Antwort auf Vernachlässigungsfälle wie Kevin und Co. Doch es hakt bei der koordinierten Hilfe für Kinder aus belasteten Familien. Experten haben Forderungen formuliert.

Von Raimund Schmid

Frühe Hilfen erreichen Familien und Kinder oft nicht

Das System der Frühen Hilfen ist eine Antwort auf Vernachlässigungs- und Misshandlungsfälle - doch kommt die Hilfe für Kinder rechtzeitig?

© Patrick Pleul / dpa

NEU-ISENBURG. Fast ein Fünftel der Kinder in Deutschland könnte nach aktuellen Schätzungen von sogenannten Frühen Hilfen profitieren. Doch von den rund 30 Milliarden Euro, die pro Jahr in die Kinder- und Jugendhilfe fließen, kommt nur ein geringer Teil den Frühen Hilfen zugute.

Frühe Hilfen, so erläutert es die gleichnamige Internetplattform, "zielen darauf ab, Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern in Familie und Gesellschaft frühzeitig zu verbessern.

Neben alltagspraktischer Unterstützung wollen "Frühe Hilfen" insbesondere einen Beitrag zur Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern leisten".

Zentral für die praktische Umsetzung Früher Hilfen sei die "enge Vernetzung und Kooperation von Institutionen und Angeboten aus den Bereichen der Schwangerschaftsberatung, des Gesundheitswesens, der interdisziplinären Frühförderung, der Kinder- und Jugendhilfe und weiterer sozialer Dienste".

Mögliche Zielgruppe für Frühe Hilfen sind insbesondere sozial benachteiligte Familien, in denen die Kinder überdurchschnittlich häufig gesundheitliche Defizite haben.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) könnten auch Kinder aus prekären Lebensverhältnissen früher erreicht werden. Hierfür müssten nur alle Beteiligten enger an einem Strang ziehen, wie das fiktive Beispiel von Sven belegt.

Der achtjährige Sven ist eines der 70.000 Kinder pro Jahr, die eines Tages die Schule ohne Abschluss verlassen könnten. Er zählt zu den Kindern, die in sozial belasteten und bildungsfernen Familien aufwachsen.

Sprachliche Anregung erhält Sven fast ausschließlich über Medien. Die daraus resultierenden Entwicklungsdefizite bleiben häufig lange unentdeckt, weil die Eltern von Frühen Hilfen oder Früherkennungsuntersuchungen nichts wissen - oder wissen wollen.

Dem Arzt fehlen Zeit und Ressourcen

Und selbst wenn bei der Vorsorge Entwicklungsauffälligkeiten festgestellt werden, deren Ursachen auch im sozialen Umfeld liegen, fehlen dem Kinder- und Jugendarzt oft Zeit und die nötige Infrastruktur an Hilfen, um gegensteuern zu können.

Da Kinder früh und regelmäßig in den Praxen vorgestellt werden, komme es in den ersten Lebensjahren darauf an, dass Kinder- und Jugendärzte auch das Lebensumfeld ihrer jungen Patienten im Blick haben, sagt der Sozialpädiater Professor Volker Mall, Ärztlicher Direktor im Kinderzentrum München. Nur so könne Entwicklungsstörungen oder Kindesvernachlässigungen begegnet werden.

Doch bei Sven wird erst im Alter von fast fünf Jahren in der kinderärztlichen Praxis eine Sprechstörung festgestellt. Diese wäre auch noch leicht zu beheben gewesen, wenn die Eltern und die Kita das Kind bei der Sprachanregung unterstützen würden.

Doch die Eltern sind dazu nicht in der Lage und in der Kita fehlen in den meisten Bundesländern die personellen Ressourcen und die Förderkompetenzen.

Zunächst wird Sven einer Logopädin vorgestellt, der Erfolg ist begrenzt. Bald müssen Medikamente verabreicht werden, um erste aggressive Auswüchse des Jungen einzudämmen. Dennoch zeigen sich bei Sven in den ersten beiden Schuljahren Konzentrationsmängel, Wahrnehmungsstörungen und Sprachdefizite. Frühe Weichenstellungen hätten das verhindern können.

Das Deutsche Kinderbulletin, das auf eine Initiative von Wissenschaftlern, von Kinder- und Jugendärzten, Politikern und Publizisten zurückgeht und im November vorgestellt wurde, zeigt Alternativen auf, um Lebensläufe wie den von Sven zu verhindern.

Entscheidend ist für Volker Mall, dass Kinder- und Jugendärzte künftig eng mit pädagogischen Einrichtungen, Sozial- und Jugendämtern, Frühförderstellen, Familienhebammen und Familienkinderkrankenpflegerinnen zusammenarbeiten.

Dies ist das Ziel der "Bundesinitiative Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen" im Rahmen des 2012 in Kraft getretenen Kinderschutzgesetzes. Dessen Intention ist es, lokale Netze zu initiieren, um die Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen rund um die Familie zu verbessern.

Dafür werden bis Ende 2015 rund 177 Millionen Euro bereitgestellt. Damit sollen regionale Netze auf- oder ausgebaut, ehrenamtliche Mitarbeiter qualifiziert und Familienhebammen eingesetzt werden.

Warum Frühe Hilfen nicht greifen

Erhebungen von Professor Manfred Cierpka von der Universität Heidelberg belegen, dass die regelmäßigen Hausbesuche der Familienhebammen die Entwicklungsperspektiven von Kindern aus sozial schwachen Familien verbessern. Doch die Frühen Hilfen greifen oft noch nicht richtig. Dies liegt laut Mall vor allem an drei Gründen:

Der Austausch zwischen Jugendhilfe und Gesundheitswesen funktioniert nicht optimal. Barrieren wie Schweigepflicht oder einseitige Informationspflichten verhindern dies.

Die Rolle der Kinder- und Jugendärzte ist bei den Frühen Hilfen häufig nicht klar definiert.

Die Kostenübernahme für Kooperationsstrukturen ist bisher bundesweit nicht verbindlich geregelt.

Als Sven ganz jung war, steckte das System "Frühe Hilfen" noch in den Anfängen. Die neuen, hoffentlich verbesserten Frühen Hilfen könnten dazu beitragen, Lebensläufe wie den von Sven positiver zu gestalten.

Deutsches Kinderbulletin

Um Kinder aus bildungsfernen und prekären Familienverhältnissen besser zu erreichen und in ihrer gesundheitlichen und sozialen Entwicklung zielgerichtet zu fördern, ist in Berlin das "Deutsche Kinderbulletin" veröffentlicht worden. Einige Thesen aus dem Papier:

Wir erleben gegenwärtig einen epochalen Umbruch der kindlichen Lebenswelten. Viele Eltern sind verunsichert, weil die traditionellen Werte bei der Erziehung heute kaum mehr Gültigkeit haben.

Wir begrüßen es, dass der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz nun endlich durchgesetzt ist. Hier wurde in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung ein substanzieller Fortschritt erreicht.

Wir fordern neue Kooperationsstrukturen für die bislang eher nebeneinander arbeitenden großen gesellschaftlichen Hilfesysteme (Pädagogik; Sozialwesen, Gesundheitswesen, Medizin).

Wir fordern, künftig einen Teil der Erzieherinnen - wie in anderen Ländern längst üblich - akademisch auszubilden.

Wir fordern, qualifizierte Fachkräfte in Kindertagesstätten bei deutlich geringeren Gruppengrößen, damit diese den an sie gestellten hohen Anforderungen auch gerecht werden können.

Wir fordern, eine zwischen Bund, Ländern und Kommunen abgestimmte zusätzliche finanzielle Kraftanstrengung in Milliardenhöhe, ohne die die Kinderbetreuung qualitativ und personell nicht verbessert werden kann.

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