Ärzte Zeitung online, 14.02.2018

Pflegepersonallücke

GroKo nimmt einen neuen Anlauf

Pflegepersonalmangel ist heute schon Dauerbrenner in der politischen Diskussion. In wenigen Jahren könnten hunderttausende Pflegekräfte fehlen.

Von Anno Fricke

GroKo nimmt einen neuen Anlauf

Arbeiten mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Arbeitsverdichtung in der Pflege lässt das nicht immer zu.

© Seeger / dpa

BERLIN. In den Pflege- und Gesundheitsberufen wird das Personal knapp. Die Prognosen der einschlägigen Institute unterscheiden sich, der Trend ist jedoch eindeutig: Der Mangel an Pflegekräften wächst. Ob Ausgleichsmechanismen bei gleichzeitig steigendem Bedarf an Pflege- und Gesundheitsleistungen rechtzeitig greifen, steht in den Sternen.

Im Jahr 2035, so rechnet das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) vor, dürfte der Arbeitskräftebedarf das Angebot um rund 270.000 Menschen übersteigen. Dies gelte, wenn sich die Trends am Arbeitsmarkt – Stand 2017 – fortsetzten.

Das Statistische Bundesamt und das Bundesinstitut für Berufsbildung schauen nicht so weit in die Zukunft. Vorausgesetzt, dass die Pflegefallwahrscheinlichkeiten und der Personalbedarf für Pflegebedürftige unverändert bleiben, fehlten bereits im Jahr 2025 rund 200.000 ausgebildete Pflegekräfte. Verschiebe sich die Pflegefallwahrscheinlichkeit mit steigender Lebenserwartung nach hinten, sei mit einer Lücke von immer noch 140.000 Pflegekräften zu rechnen.

Derzeit liegt die Zahl der offenen Stellen in der Altenpflege nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bei rund 24.000. Durchschnittlich 170 Tage dauert es, bis eine frei werdende Stelle in der Altenpflege wieder besetzt werden kann. Das ist ein Rekrodwert unter allen Branchen. In den Krankenhäusern geht die Gewerkschaft verdi von 70.000 fehlenden Pflegekräften aus.

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Die Politik strahlt Optimismus aus, dass der Pflegenotstand perspektivisch in den Griff zu bekommen ist. Schon in der abgelaufenen Legislatur hat die Koalition von Union und SPD die Nachfrage nach Pflegekräften angeheizt. Die über mehr als zehn Jahre vorbereitete Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs ab Januar 2017 sorgt für Nachfrage auf dem leergefegten Arbeitsmarkt. "Für höhere Pflegegrade benötigt man mehr Personal und damit andere Personalschlüssel", sagte der damalige Pflegebeauftragte der Bundesregierung und heutige Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen Karl-Josef Laumann (CDU) kurz nach Inkrafttreten der Pflegereform im Interview mit der "Ärzte Zeitung".

Sieben Länder haben die Vorgaben zur Personalausstattung bereits nachprüfbar angepasst. Das sind ausweislich der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Zusammen haben sie 10.380 neue Stellen geschaffen. Ob und wenn ja wie viele dieser zusätzlichen Stellen bereits besetzt sind, ist Stand Mittwoch auch im Gesundheitsministerium nicht bekannt.

Zwei Politikstrategien hält das Bundesinstitut für Berufsbildung für zielführend, um Pflegepersonal zu gewinnen und im Beruf zu halten: die Lohnentwicklung und die berufliche Mobilität. Beides versucht die GroKo in spe anzugehen. Flächendeckende Tarifverträge sollen das nach wie vor bestehende Lohngefälle ausgleichen helfen, haben Union und SPD im aktuellen Koalitionsvertrag vereinbart. In einigen der neuen Länder wird die Altenpflege dramatisch schlechter bezahlt als im Rest der Republik.

Auch die Mobilität will die künftige Regierung, so sie denn an den Start gehen darf, angehen. Eine bessere Gesundheitsvorsorge für die Beschäftigten, Weiterqualifizierungsprogramme und Möglichkeiten von Teilzeit in Vollzeit zu wechseln, sollen die Berufe attraktiver machen. Die Ausbildungsreform und der Wegfall des Schulgelds sollen den Zugang zum Beruf erleichtern. Ohnehin boomt die Ausbildung in der Altenpflege, wofür auch berufsqualifizierende Maßnahmen der Jobcnter sorgen. Von 2010 auf 2015 ist die Zahl der Berufsanfänger um 31 Prozent auf 68.000 gestiegen.

Was das Schließen der Lücke letztendlich kostet, will niemand beantworten. Nach derzeitigem Kenntnisstand könne der Beitragssatz bis in das Jahr 2022 hinein stabil gehalten werden, meldet das Gesundheitsministerium auf seiner Webseite.

Pflegebedarf in Zahlen

  • 1,1 Millionen Menschen sind aktuell in der Pflege beschäftigt.
  • 24.000 Stellen in der Pflege sind als offen gemeldet.
  • 8000 Fachkraftstellen wollen Union und SPD in einem Sofortprogamm schaffen und finanzieren.
  • 200.000 zusätzliche Pflegekräfte könnten bis 2025 gebraucht werden – oder mehr.

Quellen: Destatis, BiBB, BMG, BA

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