Ärzte Zeitung online, 09.08.2018

Rund-um-die-Uhr-Betreuung

Pflegemarkt in der Grauzone

Mehr als 200.000 Familien nehmen inzwischen die Dienste polnischer, rumänischer oder bulgarischer Hilfskräfte für die Dauerbetreuung Angehöriger in Anspruch. Der Markt jedoch kennt keine Gesetze – die Gesundheitspolitik hat dieses Feld bislang vernachlässigt.

Von Helmut Laschet

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Nur wenige Pflegebedürftige möchten ins Heim: Eine 24-Stunden-Hilfe ist dann oft ein Ausweg.

© filipefrazao / stock.adobe.com

Die Nachfrage auf dem Pflegemarkt boomt, längst ist der Personalnotstand in der Altenpflege ausgebrochen. Besonders prekär wird es, wenn betagte Menschen rund um die Uhr betreuungsbedürftig werden, nicht in ein Heim wollen, die Angehörigen mit dem Ausmaß an Pflege und Versorgung aber überfordert sind.

Der Ausweg führt oft in die Grauzone eines Versorgungsmarktes ohne jede Regulation: die Betreuung durch eine polnische, bulgarische oder rumänische Arbeitskraft.

Keine Seltenheit: Inzwischen nehmen über 200.000 Haushalte in Deutschland Rund-um-die-Uhr-Dienstleistungen dieser Betreuungskräfte in Anspruch. Ob sie dabei gegen Gesetze verstoßen, wissen sie meist selbst nicht. "Die Entwicklung dieses prosperierenden Dienstleistungsmarktes wird von der deutschen Politik seit Jahren konsequent ignoriert", kritisiert der Jurist Professor Lothar Knopp von der TU Cottbus-Senftenberg.

Es regiert das Gesetz der Not

Zusammen mit der Universität Breslau hat Knopp den Versuch unternommen, die Vorgehensweise bei der Vermittlung osteuropäischer Betreuungskräfte, die Qualität der Dienstleistungen, Arbeitsbedingungen und ökonomische Aspekte zu eruieren. Ein schwieriges Projekt, weil der Markt, dessen Volumen auf über eine Milliarde Euro geschätzt wird, überwiegend von regional tätigen kleineren Dienstleistern geprägt ist.

Die Ergebnisse einer Umfrage bleiben unvollständig, neun von zehn angefragten Dienstleistern versagten jegliche Auskunft – man möchte gern unsichtbar bleiben. Die Auswertungen sollen dennoch im Herbst als eine Art Faktenbuch veröffentlicht werden – eine wissenschaftliche Studie, so schränkt Knopp ein, sei das aber nicht

Erste Teilergebnisse hat Knopp am Dienstag in Berlin bei einer Pressekonferenz des Pflegedienstleisters PromedicaPlus vorgestellt.

Tabus und fehlender Gesetzesrahmen

Die Rahmenbedingungen für die Vermittlung osteuropäischer Betreuungskräfte sind demnach von Tabuisierung, fehlenden rechtlichen Rahmenbedingungen und Kriminalisierung geprägt. Beschäftigungsverhältnisse seien oft illegal, so Knopp. Es ist das Gesetz der Not, das regiert: Irgendwann sind Angehörige mit der Betreuung ihrer pflegebedürftigen Eltern überfordert, der ambulante Pflegedienst leistet nur punktuelle Pflege, eine Rund-um-die Uhr-Betreuung kann zwischen 15.000 und 20.000 Euro kosten – unerschwinglich.

Aber: Nur gut ein Viertel der betreuungsbedürftigen Menschen entscheidet sich fürs Heim. Die Folge: Die Familie sucht sich ein Betreuungsmodell, bei dem sie selbst Arbeitgeber wird, oft ohne dies zu wissen. Ferner: Qualität und Qualifikation sowie Sprachkenntnisse der vermittelten polnischen, rumänischen oder bulgarischen Hilfskraft können sie nicht einschätzen.

Transparenz ist die Ausnahme

Eigentlich, so Knopp, müssten die Betroffenen vor einer Vertragsunterzeichnung eine Rechtsberatung in Anspruch nehmen. Pflegestützpunkte oder Sozialeinrichtungen der Kommunen seien damit überfordert. Meist werden die juristischen Fußangeln auch gar nicht erst bedacht.

Besonders schwer durchschaubar sei die große Zahl kleiner Anbieter, die sich nicht in die Karten schauen lassen und in einer Grauzone operieren. Allerdings gibt es auch größere Unternehmen, wie PromedicaPlus, die für Transparenz plädieren und ihr Geschäftsmodell offenlegen.

Das vor 14 Jahren mit Hauptsitz in Warschau gegründete Unternehmen ist nach eigenen Angaben europäischer Marktführer mit einem Umsatz von 110 Millionen Euro bzw. einem Marktanteil von rund zehn Prozent und vermittelt polnische, rumänische und bulgarische Betreuungskräfte nach Deutschland und England.

2017 wurden 4000 Kunden von 8000 Betreuungskräften betreut. Diese haben Arbeitsverträge in ihrem Heimatland, unterliegen dort der Steuer- und Sozialversicherungspflicht, werden aber nach deutschem Mindestlohn bezahlt, teilweise darüber.

Netto erzielen diese Betreuungskräfte damit Einkommen, die bei dem Doppelten bis Dreifachen der Verdienste in der Heimat liegen. 56 Rekrutierungsstandorte mit mehreren hundert Mitarbeitern führen ausführliche Bewerbungsgespräche und testen auch Deutschkenntnisse. Vertragspartner der Kunden in Deutschland sind Franchise-Nehmer von PromedicaPlus.

Inzwischen geht aber auch in Polen die Wohlstandsentwicklung weiter: Hätten früher die Bewerber bei den Rekrutierungsbüros Schlange gestanden, so müssten diese nun aktiv bei Arbeitsämtern auf Anwerbung gehen, sagt Daniel Haberkorn von Promedica – oder aber in Rumänien und Bulgarien suchen.

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