Ärzte Zeitung online, 02.08.2017
 

Darmkrebs

Patienten als Multiplikatoren bei der Vorsorge

Wer an Darmkrebs leidet, dem wird viel daran liegen, dass Angehörige alle Vorsorgeoptionen wahrnehmen. Darauf setzt der Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen und schult MFA darin, Patienten direkt auf das Thema anzusprechen.

Von Ilse Schlingensiepen

Patienten als Multiplikatoren bei der Vorsorge

Patienten sollen von MFA auf Vorsorgeoptionen für ihre Angehörige angesprochen werden.

© contrastwerkstatt / Fotolia

KÖLN. Über die gezielte Beratung in den Praxen der niedergelassenen Gastroenterologen sollen Patienten mit Darmkrebs dazu motiviert werden, nahe Verwandte für die Bedeutung der Vorsorge zu sensibilisieren.

Der Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands (bng) hat dafür eine spezielle Schulung für die medizinischen Fachangestellten (MFA) erarbeitet. Die "Stiftung Lebensblicke" hat die Schirmherrschaft über die "Initiative Familiärer Darmkrebs" übernommen.

"Ziel der Initiative ist es, das erhöhte Erkrankungsrisiko der Verwandten von Darmkrebspatienten zu reduzieren", sagt Dr. Christoph Schmidt, Leiter des Projekts in der Fachgruppe "Kolorektales Karzinom" des bng. Für diese Aufgabe seien die Praxen der niedergelassenen Gastroenterologen prädestiniert.

Starker Effekt durch Beratung vorab

Die FAMKOL-Studie war nach seinen Angaben die Vorlage für das Projekt. Bei der Studie der Universität Halle-Wittenberg war es gelungen, durch die Beratung von Darmkrebspatienten und ihren Verwandten ersten Grades die Teilnahmerate an der Vorsorge-Koloskopie deutlich zu erhöhen.

"Es hat sich gezeigt, dass die persönliche Beratung durch qualifizierte Assistentinnen einen signifikanten Effekt hat", sagt Schmidt. Ein Grund sei, dass die Praxismitarbeiterinnen mit den Patienten auf Augenhöhe kommunizieren können und im Gespräch Zeit haben, auf Bedenken, Fragen und Zweifel einzugehen.

Deshalb hat der bng ein Schulungskonzept für MFA mit Erfahrungen in der gastroenterologischen Endoskopie entwickelt. Die Schulung umfasst vier Module, die einzeln oder en bloc absolviert werden können.

Dort sollen die Mitarbeiterinnen das nötige Fachwissen erhalten und in Beratungsstrategien, Gesprächsführung und Kommunikationstechniken ausgebildet werden, erläutert der Bonner Gastroeenterologe. Der bng stellt den MFA nach dem Abschluss für die Beratungstätigkeit Materialien wie Flyer, einen Musterbrief für die Patienten, Fragenkataloge oder Checklisten zur Verfügung.

Der Berufsverband trägt die kompletten Kosten der Initiative. "Wir gehen in Vorleistung", betont Schmidt. Man werde aber das Gespräch mit den Krankenkassen suchen. Wenn es über die gezielte Beratung gelingt, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, profitierten davon auch die Kostenträger, sagt er.

130 Praxen wollen teilnehmen

130 Praxen aus dem bng haben bereits die Teilnahmebereitschaft an dem Projekt signalisiert. In einer jetzt beginnenden Pilotphase werden erste Schulungen angeboten, die Schmidt selbst übernimmt. Langfristig sollen bundesweit flächendeckend qualifizierte Beraterinnen zur Verfügung stehen.

Das Beratungskonzept: Die Patienten erhalten die Einladung zu einem strukturierten Gespräch, das rund vier Wochen nach der Ersttherapie stattfinden soll. Die geschulten MFA in den gastroenterologischen Praxen klären die Patienten ausführlich auf und stellen ihnen Informationsmaterialien zur Verfügung.

Teil der Beratung ist eine Familienanamnese, um Hochrisikopatienten zu identifizieren. Die Patienten sollen in einem nächsten Schritt das ihnen vermittelte Wissen an ihre Verwandten weitergeben. Nach einigen Wochen nehmen die Praxen erneut Kontakt mit den Patienten auf und bieten eine weitere Beratung an.

Verwandte, die sich melden, werden ausführlich über die für sie sinnvollen Vorsorgemaßnahmen informiert. Nach drei Monaten erfassen die MFA die Ergebnisse der Beratung.

Dafür wird in Zusammenarbeit mit dem Krebsforschungszentrum Heidelberg eine Online-Datenbank aufgebaut, berichtet Schmidt. "Das soll uns die Möglichkeit geben, die Ergebnisse der Beratungsgespräche auszuwerten und das gesamte Konzept zu evaluieren."

Außerdem erhofft sich der Gastroenterologe langfristig weitere Erkenntnisse über das tatsächliche Erkrankungsrisiko naher Verwandter von Patienten mit Darmkrebs.

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