Ärzte Zeitung online, 26.03.2018

Darmkrebs-Früherkennung

MFA soll Hausärzte entlasten

Die Darmkrebs-Früherkennung ist im Wandel: Professor Jürgen F. Riemann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung LebensBlicke, spricht im Interview über die Verbesserungen und erzählt, warum auf die Hausärzte eine Flut von Anfragen zukommen werden.

Von Beate Schumacher

MFA soll Hausärzte entlasten

Professor Jürgen F. Riemann von der Stiftung LebensBlick.

© Sabine Kast

Ärzte Zeitung: Die Stiftung LebensBlicke hat ein Positionspapier zur Rolle des Hausarztes bei der Darmkrebsvorsorge formuliert. Was war der Anlass dafür?

"Darmkrebsmonat März"

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Professor Jürgen F. Riemann: Wir bemühen uns als Stiftung schon lange, mit den Hausärzten in Kontakt zu kommen, weil wir überzeugt sind, dass die Hausärzte für die Prävention entscheidend sind.

Der aktuelle Anlass ist, dass in Kürze das Krebsfrüherkennungs- und Registergesetz fertiggestellt sein soll und dann jeder Bürger mit 50 Jahren eine Einladung zur Darmkrebsvorsorge bekommt.

Das bedeutet, dass die Information über den Vorsorgeanspruch viel mehr Menschen erreicht. Die Aufklärung über das Faltblatt, das der Einladung beiliegt, wird vermutlich nicht ausreichen. Hier wird eine Flut von Anfragen auf die Hausärzte zukommen.

In dem Positionspapier heißt es, dass es "Kommunikationsprobleme zwischen Arzt und Patient gibt". Wo sehen Sie die Probleme?

Jürgen F. Riemann

» Medizinstudium von 1963 bis 1969 an den Universitäten Tübingen und Innsbruck

» Promotion zum Dr. med. im Jahr 1969

» Fachärztliche Ausbildung zum Internisten und Gastroenterologen am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, später an der Medizinischen Universitätsklinik Erlangen, wo er sich 1979 habilitierte

» Seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Stiftung LebensBlicke Früherkennung Darmkrebs

Riemann: Ich sehe die Probleme darin, dass die Hausärzte überlastet sind, weil es schon aus Zeitgründen schwierig ist, eine gründliche Anamnese zu erheben. Und oft gibt es Missverständnisse dahingehend, dass der Patient etwas will und der Arzt etwas anbieten will – man in der Kürze der Zeit aber nicht immer auf einen gemeinsamen Nenner kommt.

Da muss es Entlastung für den Hausarzt geben. Das war eine der wichtigsten Folgerungen bei unserem Workshop: Der Hausarzt braucht Unterstützung bei der Information über die Darmkrebsvorsorge.

Sie haben dazu einen konkreten Vorschlag gemacht …

Riemann: Die Stiftung LebensBlicke hat im Rahmen des Nationalen Krebsplans eine Studie initiiert, die FAMKOL-Studie. In der Studie hat man versucht, Pflegepersonal an Kliniken so zu qualifizieren, dass es die Indexpatienten mit Kolonkarzinom darüber informieren kann, dass ihre leiblichen Verwandten stärker gefährdet sind als die Normalbevölkerung, und auch mit den Angehörigen Gespräche führt. Das ist an mehr als 60 Zentren ausprobiert worden und hat sehr gut geklappt.

Wir haben daher bei dem Workshop diskutiert, ob nicht auch Medizinische Fachangestellte (MFA) im Hausarztbereich so qualifiziert werden sollten, dass sie über Prävention informieren können. Das fand die Zustimmung von Hausärzten, DEGAM, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und den teilnehmenden Krankenkassen. Für eine solche Tätigkeit müsste es natürlich eine Gebührenziffer geben – auch das war Konsens.

Wir werden jetzt zusammen mit dem Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen und weiteren Partnern und Unterstützern beim Innovationsfonds ein Modellprojekt beantragen.

Das Positionspapier ist bereits dem Gesundheitsausschuss des Bundestages vorgelegt worden. Mit welchem Ziel?

Riemann: Die neue schwarz-rote Bundesregierung möchte sich das Thema Prävention auf die Fahnen schreiben. Hier kommen wir genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn wir etwas anstoßen wollen. Prävention ist ja nicht Sache des Einzelnen oder der Krankenkassen, sondern hier müssen alle mitspielen.

Und wir möchten darüber hinaus erreichen, dass die Idee der Qualifikation von MFA gründlich geprüft und, wenn sie sich bewährt, auch in die Regelversorgung eingeführt wird.

Die zehn Kernthesen der Stiftung LebensBlicke zur Darmkrebsvorsorge

  1. Prävention, insbesondere die Primärprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
  2. Prävention soll Lebensqualität fördern und Leben verlängern.
  3. Hausärzte sind die entscheidenden Weichensteller der Prävention (Familienanamnese, individuelle Beratung und Begleitung).
  4. Darmkrebsvorsorge ist primär eine Darmgesundheitsuntersuchung und trägt zur Reduktion von Darmkrebs bei.
  5. Das einheitliche, genderspezifische Einladungsschreiben zur Darmkrebsvorsorge ist ein wichtiger Schritt zur Förderung der informierten Entscheidung des Versicherten.
  6. Die Vorsorge von Risikogruppen bedarf besonderer Aufmerksamkeit.
  7. Der Indexpatient mit Darmkrebs soll eine standardisierte Information für die ganze Familie erhalten.
  8. Die betriebliche Vorsorge soll ausgeweitet werden.
  9. Eine qualifizierte Schulung für Medizinische Fachangestellte fördert die Aufklärungs- und Informationsmöglichkeiten der Versicherten. Eine Honorierung dieser Tätigkeit ist erforderlich und eigentlich selbstverständlich.
  10. Die Finanzierung von Vorsorgeprogrammen sollte nicht nur über Krankenkassen und Ärzte, sondern auch mit Unterstützung der Politik erfolgen.
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[26.03.2018, 13:03:09]
Christine Becker 
MFA als Präventionspartnerinnen - nicht nur für Darmkrebs
Der Ansatz ist schon recht gut, geht mir aber noch nicht weit genug, ist nicht konsequent genug, trotz der positiven Stellungnahmen einiger einschlägiger Fachgesellschaften. Mir fehlt die Stellungnahme des Verbandes medizinischer Fachberufe, in dem MFA organisiert sind und der ihre Interessen vertritt (https://www.vmf-online.de/). Der vmf kümmert sich neben der Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung seiner Mitglieder auch um die Gehälter, die Honorierung von neuen und qualifizierten Tätigkeiten im Berufsbild. Denn ich habe den Eindruck, dass einige Hausärzte zwar gerne das Mehr an Honorar für z.B. Präventionsleistungen und Beratung nehmen, es aber nicht oder nicht umfassend an ihre MFA weiterleiten. Die Arbeit der Mitarbeiterinnen entlastet den Arzt, hilft den Patienten ganz wesentlich und wertet die Arbeit der MFA auch auf, aber der monetäre Mehrwert muss für die Frauen ebenfalls spürbar sein.
Darüber hinaus würde ich mich freuen, wenn zukünftig aus der Rollenteilung hier Arzt, da MFA, ein wirkliches Team mit klarer Aufgabenteilung und der Anerkennung der unterschiedlichen Kompetenzen würde, ählich wie im Familiy Health Team (South East Toronto / Canada).
Christine Becker zum Beitrag »

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