Ärzte Zeitung online, 19.08.2019

Diskussionsrunde

Spahn setzt bei Darmkrebsvorsorge auch aufs Digitale

Eine Erinnerung, die sich automatisch auf dem Smartphone öffnet und den Nutzer ans Impfen oder die Darmkrebsvorsorge erinnert? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kann sich das gut vorstellen.

Von Thomas Hommel

BERLIN. Um künftig mehr Menschen zur Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge zu bewegen, setzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auch auf digitale Medien. „Wo ich hin möchte ist, dass jeder auf seinem Smartphone seine Patientenakte hat, und dass sich dort auch ein Fenster öffnet, das an das Impfen oder an die Darmkrebsvorsorge erinnert – sofern der Nutzer das möchte“, sagte Spahn bei einer Diskussionsveranstaltung seines Ministeriums am Sonntag in Berlin.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des von der Bundesregierung ausgerichteten „Tags der offenen Tür“ statt. An der Aktion am vergangenen Wochenende beteiligten sich auch Kanzleramt, Bundespresseamt und 14 Ministerien.

Seit Juli dieses Jahres werden gesetzlich versicherte Männer ab 50 und gesetzlich versicherte Frauen ab 55 Jahren von den Krankenkassen angeschrieben und zur Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge eingeladen. Weitere Einladungen erfolgen mit dem Erreichen des 55., 60. und 65. Lebensjahres – vorausgesetzt, der Versicherte widerspricht dem nicht.

Lieber digital statt Brief?

Bis jetzt erfolgten die Einladungen per Brief, sagte Spahn. „Und der ist im Moment nicht nur so aufbereitet, dass er Lust macht, ihn zu lesen.“ Digitale Medien könnten helfen, hier „leichter zu informieren, aufzuklären und zu ermuntern“. Mithilfe von künstlicher Intelligenz wiederum ließen sich Daten der Krebsforschung besser zusammenführen und auswerten, um mehr Erkenntnisse im Kampf gegen den Krebs zu gewinnen.

Spahn warb für die Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge. „Darmkrebs ist im positiven Sinne ein klassisches Beispiel dafür, dass Früherkennung einen Unterschied machen kann.“ Ein rechtzeitig erkannter Darmkrebs oder eine Vorstufe davon seien gut zu behandeln. Werde der Krebs zu spät diagnostiziert, könnten Ärzte in der Regel kaum noch etwas tun.

Dr. Michael Hoffmeister vom Tumorzentrum Heidelberg betonte, Darmkrebs sei nach Brustkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Aktuellen Erhebungen zufolge erkrankten jedes Jahr mehr als 60.000 Menschen daran, rund 25.000 Patienten verstürben.

Vor allem ab dem 50. Lebensjahr steige das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Zu den Risikofaktoren gehörten familiäre Vorgeschichte, Rauchen, hoher Alkoholkonsum, Übergewicht, Bewegungsmangel sowie fettreiche Ernährung gepaart mit dem Verzehr von viel rotem Fleisch.

Auf familiäre Vorgeschichte achten

Lägen Vorerkrankungen in der Familie vor, sei das Erkrankungsrisiko bei Angehörigen um ein zweifaches erhöht, so Hoffmeister. In diesem Fall sei eine Untersuchung auf Darmkrebs auch weit vor dem 50. Lebensjahr ratsam. „Wenn ein Familienmitglied mit 45 Jahren erkrankt ist, empfiehlt sich eine Untersuchung ab 35 Jahren.“

Künftig sei stärker „regelhaft“ danach zu schauen, bei wem es familiäre Vorerkrankungen gebe, betonte Spahn. Jüngere Angehörige könnten dann „gesondert“ über die Notwendigkeit einer Darmkrebsvorsorge informiert werden, so der Minister.

Handlungsbedarf machte auch der Berliner Gastroenterologe Dr. Jens Aschenbeck aus. „Zur Darmkrebsvorsorge kommen noch immer zu wenige.“ In den vergangenen Jahren hätte sich die Zahl der anspruchsberechtigten Versicherten, die sich hätten untersuchen lassen, bei „30, 35 Prozent“ eingependelt. Dabei erwiesen sich Männer als größere „Vorsorgemuffel“.

Ausdrücklich lobte Aschenbeck das Engagement der Felix Burda Stiftung. „Ohne die Aufklärungsarbeit der Stiftung wären die 30, 35 Prozent niemals zustande gekommen.“

Dr. Christa Maar, Mitbegründerin und Vorstand der Felix Burda Stiftung, erinnerte daran, dass das Thema Darmkrebsvorsorge zum Zeitpunkt der Gründung der Stiftung im Jahr 2001 noch „nicht existent“ gewesen sei. „Da die Stiftung zu einem Medienkonzern gehörte, haben wir als erstes gesagt, wir müssen das bekannt machen.“

120.000 Todesfälle verhindert

Der Einsatz habe sich gelohnt, so Maar. Bereits zwei Jahre nach Stiftungsgründung sei der „Darmkrebsmonat März“ ins Leben gerufen worden. Mit Einführung der Darmkrebskoloskopie vor 18 Jahren seien prognostiziert 250.000 Neuerkrankungen und 120.000 Todesfälle infolge von Darmkrebs verhindert worden.

Sorge bereite ihr, so Maar, dass bereits Menschen im Alter von 20 bis 25 Jahren an Darmkrebs erkrankten. Etwa die Hälfte dieser Patienten stamme aus vorbelasteten Familien. „Leider wissen viele junge Menschen gar nicht, dass sie ein solches Risiko haben.“ Aber auch junge Menschen ohne familiäre Vorgeschichte erkrankten inzwischen an Darmkrebs. Dabei sei teilweise noch unklar, warum.

Gefordert seien mit Blick auf bessere Vorsorge auch die Hausärzte, so Maar. Komme ein junger Mensch, der über Blut im Stuhl klage, in die Praxis, sei unbedingt abzuklären, ob es sich dabei um ein Vorzeichen auf Darmkrebs handele.

Lesen Sie dazu auch:
Tag der offenen Tür im BMG: Impf-Check im Hause Spahn

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Wenn der "Chef" bei Darmkrebsvorsorge auch aufs Digitale setzt, sollte er nicht vergessen, dass die digitale Untersuchung des Enddarms zum Goldstandard der Darmkrebsvorsorge mit dazugehört.

Und die Deutschen Krebsvorsorge-Richtlinien sind und bleiben unverständlich:
• "Im Alter von 50 bis 54 Jahren können Frauen und Männer jährlich einen [präventiven] iFOB-Test vornehmen lassen."
Wenn jetzt bei Männern ab 50 Jahren der Zeitpunkt der 1. Koloskopie vorverlegt wurde, wieso gibt es dann keinen entsprechenden iFOBT-Vorlauf ab dem 45. Lebensjahr?

• "Ab einem Alter von 55 Jahren haben Frauen und Männer [nur noch] alle zwei Jahre Anspruch auf einen [präventiven] iFOB-Test, solange noch keine Koloskopie in Anspruch genommen wurde."

Das bedeutet m.a.W.: In den Altersgruppen ab 55 bis 65 Jahren, wo Darmkrebs-Prävalenz und -Inzidenz am h ö c h s t e n sind, sollen die Untersuchungs-Abstände entscheidend a u s g e d ü n n t werden. Soll man das als Strafaktion bei nicht erfolgten Früherkennungs-Koloskopien im Mindestabstand von zehn Jahren verstehen?

Logische Konsequenz bei diesem besonders gefährdeten Patienten-Klientel wäre doch erst recht, 1 Mal jährlich einen präventiven iFOB-Test vorzunehmen und n i c h t nur alle 2 Jahre. Vgl. meinen Kommentar zu https://www.aerztezeitung.de/panorama/article/958380/interview-darmkrebs-screening-hohen-huerden.html

"Results - Of 1750 CRC [Colorectal Cancer] deaths, 75.9% (n = 1328) occurred in patients who were not up to date in screening and 24.1% (n = 422) occurred in patients who were up to date" in "Modifiable Failures in the Colorectal Cancer Screening Process and Their Association With Risk of Death"
von Chyke A. Doubeni et al.
https://www.gastrojournal.org/article/S0016-5085(18)35034-0/fulltext
bedeuten zwar, dass auch ein leitliniengerechtes Darmkrebs-Früherkennungs-System in 24,1% der von Darmkrebs Betroffenen nicht vor Todesfällen durch diese Erkrankung schützen kann. Aber die mit 75,9% wesentlich höhere Sterblichkeit in der Gruppe ohne adäquates Darmkrebs-Screening gibt zu größter Besorgnis Anlass.

Das Präventionschaos muss beendet werden:

- Noch im letzten Jahrtausend wurden jahrzehntelang Krebsvorsorge-Dokumentationen als Muster 40a für Männer ausgefüllt, bei den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) archiviert, aber zuletzt verworfen. Denn sie konnten mangels intelligenter Erhebungsmethodik nie evaluiert werden.

- Die zuletzt abgeschafften Berichtsvordrucke Muster 30 ("Check-Up-35") als "Gesundheits-Untersuchung" sahen nicht mal die Rubrik 'Krebserkrankung' vor! Von irgendeiner Auswertung karzinogener Risikofaktoren ganz zu schweigen.

- Implementierungen von Adipositas-Beratung, Prävention von Nikotinabusus, Alkohol- und anderen Abhängigkeitserkrankungen, Fehlernährung als karzinogene Co-Faktoren stehen weder auf der KV-, KBV-, G-BA- oder GKV-Agenda.

- Krebsvorsorge beim Mann findet kaum Akzeptanz: Während bei Frauen ab 20, 30 und 50 Jahren differenzierter Früherkennungsumfang gynäkologischerseits gefordert und gefördert wird.

- Beim Mann dagegen Leitlinienchaos! Ab 45 Jahren digitale Genital- und Prostata-Untersuchungen (?); digitale Darmuntersuchungen aber erst ab 50, wo jetzt gleichzeitig die erste Präventivkoloskopie mit 50 Jahren einsetzen soll? Keine verbindlich evaluierte PSA-Testung.

Genau dieses KBV- und G-BA-Wirrwarr, im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) für Männer festgeschrieben, fördert Frustration, Demotivation und Entmutigung in der Krebs-Prävention und -Früherkennung, bei Vertragsärzten wie Patienten gleichermaßen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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