Ärzte Zeitung, 07.07.2010

Personalnotstand in der ambulanten Versorgung Sterbenskranker

Barmer-Chefin fordert SAPV-Partnerschaften zwischen Ärzten und Pflegekräften

FRANKFURT/MAIN (ine). Bei der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) zeichnet sich ein Engpass an qualifiziertem Personal ab. Als Rezept gegen die Personalnot empfiehlt Birgit Fischer, Chefin der Barmer GEK, Gesundheitspartnerschaften, bei denen Ärzte und Pflegekräfte "auf Augenhöhe" zusammen arbeiten könnten.

Für die ambulante Versorgung Sterbenskranker fehlt Fachpersonal

Ausreichend qualifiziertes Personal mit angemessener Praxiserfahrung - diese Kriterien für Birgit Fischer die conditio sine qua non für eine SAPV.

© Klaro

Paragraf 37 b SGB V zielt darauf ab, die Betreuung von Schwerstkranken in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung bis zum Tod zu ermöglichen. Betreut werden die Kranken von hochspezialisierten Palliative-Care-Teams, bei denen Ärzte und Pfleger mit Therapeuten, Sozialarbeitern, Seelsorgern und Psychologen kooperieren. In Hessen müssen beispielsweise noch etwa zehn bis 15 Teams gebildet werden, um flächendeckend eine solche Versorgung anbieten zu können. Es gibt viele Stellenangebote, aber nur wenig Bewerber.

In einigen Regionen, so die Krankenkassen-Chefin im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", behinderten "Hartleibigkeiten" auf Seiten der Leistungserbringer und der Krankenkassen zügige Vertragsabschlüsse. Oft gebe es überzogene Vergütungsvorstellungen und zu geringe Angebote. Trotz alledem bekennt sich Fischer zu den Verträgen

Sie warnt aber davor, dass sich unter der Prämisse der Flächendeckung zum Teil nur "anqualifizierte Akteure" an der SAPV beteiligen wollen. "Faktisch kann es dort keine SAPV geben, wo kein ausreichend qualifiziertes Personal mit einer angemessenen Praxiserfahrung vorhanden ist", sagt Fischer. Für Einzelkämpfer sei in der SAPV kein Platz - unabhängig vom jeweiligen Engagement und dem Weiterbildungsstand.

Fischer plädiert für Gesundheitspartnerschaften. Darunter versteht sie die gesetzlich vorgesehene Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen in den Palliativ-Care-Teams. Eine solche Zusammenarbeit ist nach Meinung der Kassen-Chefin nicht die Regel. "Mitunter weigern sich Ärzte, mit den teilweise hochqualifizierten Pflegekräften partnerschaftlich zusammen zu arbeiten." Das gefährde die zwingend erforderliche Teamarbeit oder verhindere gar die Teambildung.

"Zwingende Grundlagen für die Ergebnisqualität der SAPV", so Birgit Fischer, seien das Zusammenführen der Akteure sowie Vereinbarungen zur Abstimmung und Koordination der Hilfen. Anzustreben seien zudem kassenübergreifende Einigungen, um SAPV-Verträge geeigneten Leistungserbringern anzubieten. "Die heutigen Finanzierungstechniken im Gesundheitsfonds lassen dies aber nur begrenzt und verknüpft mit zahlreichen Risiken zu."

[08.07.2010, 07:46:20]
Dr. Peter Holtappels 
Zur SAPV
Die Krankenkassen übersehen geflissentlich, dass sie es sind, die ihren Versicherten die Leistung SAPV zu erbringen haben und dass sie sich dazu in frei auszuhandelnden Verträgen der Mitwirkung der Ärzteschaft versichern müssen. SAPV ist keine vertragsärztliche Leistung! Die bisher von den Kassen vorgelegten Vertragsentwürfe begegnen erheblichen rechtlichen Bedenken und sind zudem in der Fläche aus objektiven Gründen nicht durchführbar. Zu ernsthaften Diskussionen waren die Kassen bisher aber nur in einem Kassenbezirk bereit: In Westfalen Lippe. Dort sind die rechtlichen Bedenken ausgeräumt worden und es arbeiten dort flächendeckend inzwischen 27 Palliativteams, die im ersten Jahr ihrer Existenz (3/2009 bis 3/2010) bereits 6000 Patienten versorgt haben. Prompt wird behauptet, dieser atypische aber erfolgreiche Vertrag sei kein SAPV Vertrag! Recht hat Frau Fischeer wenn sie bemerkt, es fehle an genügend hochqualifizierten Pflegekräften. Kommt man diesem Problem wirklich bei, wenn man vorschlägt, diese sollten nun in "Gesundheitspartnerschaften" tätig werden? Pflegekräfte - und wenn garnicht anders möglich mit geringerer Eingangsqualifikation - werden gesucht,keine neuen Begriffe! Wenn die Kassen sich in all diesen Punkten nun nicht bald bewegen, kann es sie sehr teuer kommen, denn nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichtes haften sie den anderen Beteiligten für jeden Schaden, der diesen durch ihre Verletzung des Beschleunigungsgebotes entsteht und zudem betrachten die Sozialagerichte des Fehlen eines rechtswirksamen Versorgungsvertrages als Systemversagen mit der Konsequenz, dass der Versicherte sich die Leistung anderweitig beschaffen und der Kasse die Kosten gemäß § 13/III SGB V belasten kann.
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