Ärzte Zeitung, 03.12.2014

Palliativversorgung

Hindernisse für Menschen mit fremden Wurzeln abbauen

Gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung werden Patienten mit Migrationshintergrund eher selten palliativmedizinisch versorgt. Laut Ergebnissen der Pflegeforschung kommen ihre Bedürfnisse in Hospizen und auf Palliativstationen oft zu kurz.

Von Robert Bublak

Hindernisse für Menschen mit fremden Wurzeln abbauen

Der Umgang mit Menschen aus anderen Ländern erfordert Fingerspitzengefühl.

© Halfpoint / fotolia.com

MÜNCHEN. Nicht nur aus alten Indianergeschichten lässt sich etwas lernen. Auch neuere Geschichten sind lehrreich, wie jene von dem Stammesältesten der Navajo in den USA, der unheilbar an Krebs erkrankt ist.

Die Schmerzmittel, die man ihm im Krankenhaus verordnet, will er nicht nehmen. Seine Familie möchte darum einen Medizinmann kommen lassen, der am Bett des Kranken eine Heilungszeremonie vornehmen soll.

Früher hatte die Klinikleitung das genehmigt. Aber andere Patienten beschwerten sich über die rituellen Gesänge, und nun sind keine Medizinmänner mehr erlaubt. Der Stammesälteste zieht sich daraufhin noch mehr in sich zurück.

Die Geschichte spielt zwar in Amerika (Curr Opin Support Palliat Care 2012; 6: 247). Doch gerade weil sie unseren Verhältnissen fern scheint, hilft sie verstehen: Der alte Indianer leidet, weil er keine Hilfe aus seinen kulturellen Quellen schöpfen darf. Was am fremden Beispiel klar zu erkennen ist, wird an Schicksalen, die näher und vertrauter scheinen, oft übersehen.

Denn auch hierzulande sind viele Menschen kraft ihrer Herkunft in anderen Kulturen verwurzelt. Menschen, die eines Tages sterbenskrank werden können und dann ihren Bedürfnissen gemäß versorgt werden möchten. Das Amtsdeutsch bezeichnet sie mit dem sperrigen Ausdruck "Menschen mit Migrationshintergrund".

Laut aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland 16,3 Millionen Menschen, die einen Migrationshintergrund haben. Das sind knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Rund 1,6 Millionen von ihnen sind 65 Jahre oder älter. Das ist etwa jeder Zehnte, der einen Migrationshintergrund hat.

Sperrig sind auch die Hindernisse, die einer patientengerechten Palliativversorgung von Menschen mit fremden Wurzeln entgegenstehen können. Um Medizinmänner geht es dabei nicht. Die Probleme sind viel alltäglicher. Verstörend kann etwa der unterschiedliche Umgang mit Schmerzen sein.

Vom Mamma-Mia-Syndrom oder vom Morbus Bosporus ist dann bisweilen abfällig die Rede, wenn ein Italiener oder ein Türke vielleicht etwas lauter über Schmerzen klagt, als Pfleger es von Deutschen gewohnt sind.

Skepsis gegenüber den Institutionen

Die Pflegewissenschaftlerin Professor Andrea Zielke-Nadkarni hat für das Deutsche Rote Kreuz, Landesverband Westfalen-Lippe, untersucht, wie Migranten palliativ versorgt werden (Forschungsbericht zu den "Empfehlungen zur Hospiz- und Palliativbetreuung von Menschen mit Migrationshintergrund").

Außer der einschlägigen Literatur hat sie dafür Fragebögen ausgewertet, die an Leitungspersonen, Mitarbeiter und Ärzte aller stationären Hospize und Palliativstationen in Nordrhein-Westfalen verschickt worden waren.

Die Ergebnisse zeigen, dass Erwachsene mit Migrationshintergrund zumindest in den nordrhein-westfälischen Hospizen und Palliativstationen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, schwach repräsentiert sind.

Als Gründe dafür nennt der Bericht Sprachbarrieren, fehlende Verankerung der Bedürfnisse von Migranten, das benötigte Pflegegeld und Skepsis gegenüber den Institutionen.

Ein etwas anderes Bild ergibt sich bei den Kinderhospizen, wo die Inanspruchnahme überproportional ausfällt.

Auffällig war zudem die Dokumentationspraxis der Einrichtungen. So wurden einige Punkte generell nicht ausreichend dokumentiert, etwa die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, Gebetszeiten und Kontaktdaten der Gemeinde oder der religiösen Gemeinschaft.

Speziell auf Palliativstationen gab es Lücken in der Dokumentation etwa der Wünsche zur Pflege durch Angehörige, der sprachlichen Verständigung, der Bedeutung von Nähe und Distanz für den Kranken und religiöser Wünsche.

Spezielle Fragebögen für die Pflegeanamnese

Lücken in der Dokumentation sind nicht einfach Leerstellen. "In jenen Feldern, in denen nicht, kaum oder nur manchmal dokumentiert wird, kann gefolgert werden, dass diesen Bereichen nur geringe Bedeutung zugesprochen wird, oder aber, dass kein Bewusstsein dafür besteht, dass sie eine Relevanz haben können", weiß Andreas Stähli, Leiter der Akademie am Johannes-Hospiz in Münster.

Stähli hat deshalb an der Entwicklung von zwei Fragebögen für die Pflegeanamnese in der Palliativversorgung mitgearbeitet, die eigens um migrationsspezifische Themen erweitert worden sind. Einer davon ist auf erwachsene, der andere auf pädiatrische Patienten zugeschnitten (Hier gehts zum Download).

Die Bögen sollen die Dokumentation um kultursensible Bereiche erweitern. Denn die Betreuung von Menschen mit fremden Wurzeln kann in der Palliativversorgung kann nur gelingen, wenn die kulturellen Quellen der Patienten nicht trockenfallen.

 

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