Ärzte Zeitung online, 06.02.2015

Palliativmedizin

Zugang ist nicht für alle gleich gut

Wissenschaftler mahnen: Um die palliativmedizinische Versorgung in Deutschland ist es nicht besonders gut bestellt. Sie sehen Hausärzte in der Schlüsselrolle - und fordern, sie entsprechend zu stärken.

Von Anno Fricke

Zugang ist nicht für alle gleich gut

Wissenschaftler beklagen Defizite in der Palliativversorgung in Deutschland.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

BERLIN. Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Die Pflegebedürftigkeit steigt. Das Angebot an medizinischer Versorgung am Lebensende jedoch scheint mit der demografischen Entwicklung nicht Schritt zu halten.

Darauf haben jetzt Wissenschaftler reagiert. "Der Zugang zur Palliativversorgung ist nicht gleich und gerecht", mahnte Professor Hans-Peter Zenner bei der Vorstellung der Stellungnahme "Palliativversorgung in Deutschland" am Freitag vor der Bundespressekonferenz.

Weiße Flecken auf der Versorgungslandkarte gibt es demnach sowohl bei der Hospizversorgung als auch in der Verbreitung der Palliative Care Teams.

Nicht mal die Hälfte angemessen versorgt

Nicht einmal die Hälfte der geschätzt 80.000 Menschen im Jahr, die Palliativversorgung benötigten, würden angemessen versorgt, sagte Professor Friedemann Nauck vom Universitätsklinikum Göttingen.

Eine herausragende Rolle in der Palliativversorgung spielen die Hausärzte. Sie seien die "ersten und niedrigschwelligsten Ansprechpartner", so Professor Nils Schneider von der Medizinischen Hochschule Hannover.

"Wenn es uns nicht gelingt, die flächendeckende hausärztliche Primärversorgung zu sichern, dann würde uns ein zentraler Baustein der allgemeinen Palliativversorgung wegbrechen", sagte Schneider.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften fordern daher die Entwicklung einer eigenständigen nationalen Palliativstrategie.

Dazu zähle auch eine für ganz Deutschland verpflichtende lückenlose Finanzierung der tatsächlichen Kosten einer wissenschaftsbasierten Palliativversorgung in Krankenhäusern, Pflegeheimen und zu Hause.

Im internationalen Vergleich biete Deutschland in der Palliativversorgung höchstens Mittelmaß, konstatierten die Wissenschaftler.

Um mit den USA, Großbritannien und Schweden gleichziehen zu können, bedürfe es Anstrengungen in der Forschung und in der Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal.

Die Bundesregierung hat den Bedarf erkannt und bereitet ein Gesetz zur Verbesserung der Hospiz und Palliativversorgung in Deutschland vor.

Ziel sei eine flächendeckende Hospiz- und Palliativversorgung sagte Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) der "Ärzte Zeitung".

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[11.02.2015, 20:54:56]
Dr. Christoph Luyken 
Die Spezialisierung wirkt sich zum Nachteil für die Patienten aus
Die Probleme in der Palliativversorgung sind in dem Artikel richtig angesprochen. Leider sind sie durch unser neues System hausgemacht.
Früher war die palliative Begleitung seiner Patienten bis zum Ende eine der vornehmsten Aufgaben des Hausarztes.
Jetzt ist diese Aufgabe dem Hausarzt successive weggenommen worden. Selbst wenn er es noch macht, bekommt er es nicht mehr bezahlt.
EIn weiteres Beispiel für die Auswirkungen des bewußten Einschrumpfens der ärztlichen Versorgung in Deutschland.
Ich habe natürlich nichts gehen die neue Gruppe der "Palliativmediziner". Ihr Tun ist fachlich hervorragend, aber es sind zu wenige, sie können eben nicht flächendeckend versorgen. Somit hat sich die Etablierung einer neuen Subspezies paradoxerweise zunächst als Bärendienst für die Betroffenen erwiesen - nicht zum ersten Mal. Es wäre besser (gewesen), die Hausärzte palliativmedizinisch aufzurüsten (Honorar, Fortbildung) anstatt sie ausbluten zu lassen bzw. zu vergraulen! Ganz ähnlich ist ja es mit dem Notdienst gelaufen - aber das ist ein Thema für sich.... zum Beitrag »

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