Ärzte Zeitung online, 13.10.2018

Welthospiztag

Katholische Kirche trommelt für Palliativmedizin

Die wichtigsten Schmerzmittel für jeden Menschen zugänglich, das Leben bis zuletzt lebenswert machen und. die Palliativversorgung weltweit weiter ausbauen – das sind Ziele, für die sich jetzt auch der Vatikan engagieren will.

Von Christoph Fuhr

Katholische Kirche trommelt für Palliativmedizin

Die wichtigsten Schmerzmittel für jeden Menschen zugänglich und das Leben bis zuletzt lebenswert machen sowie die Palliativversorgung weltweit weiter ausbauen – das sind Kernziele der Initiative "PAL-Life" von der Päpstlichen Akademie für Leben.

© Oliver Berg / dpa

VATIKANSTADT. Mehr als 40 Millionen Menschen benötigen jährlich weltweit eine Palliativversorgung, doch nur die wenigsten Sterbenskranken bekommen sie tatsächlich. Auch nur halbwegs funktionierende palliativmedizinische Versorgungsstrukturen sind in den allermeisten Ländern nicht vorhanden.

Wer sieht, wie schwierig sich die Umsetzung dieses Ziels allein in Deutschland darstellt, der bekommt eine Idee davon, um wie viel komplizierter der Aufbau diese Versorgung sich etwa in Ländern der Dritten Welt realisieren lässt. Die Unwissenheit in den meisten Regionen ist groß, der Versorgungsbedarf wird weiter steigen.

Der Vatikan will zu diesem Thema nicht länger schweigen und sieht dringend Handlungsbedarf. Er wirbt mit einer neuen Initiative, die von der Päpstlichen Akademie für das Leben initiiert wurde. Der Name: "PAL-Life".

Die wichtigsten Schmerzmittel für jeden Menschen zugänglich und das Leben bis zuletzt lebenswert machen sowie die Palliativversorgung weltweit weiter ausbauen – das sind Kernziele, die sich die Initiatoren des Projekts auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Thomas Sitte, Präsident der Deutschen Palliativstiftung, hat schon lange in Rom für die Palliativmedizin getrommelt. 2011 richtete die Stiftung mehrere Schreiben an Papst Benedikt mit der Bitte, die Versorgung weltweit zu unterstützen.

Im Februar 2014 war Sitte bei einer Audienz von Papst Franziskus, führte erste Gespräche mit der Päpstlichen Akademie für das Leben. Er begleitete 2016 den damaligen Gesundheitsminister Hermann Gröhe in den Vatikan, das Kernthema: Palliativmedizinische Versorgung.

Verunsicherung auch in den Reihen der Kirche

Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass Sitte zusammen mit 12 weiteren Experten aus allen Teilen der Welt in ein Gremium berufen wurde, das jetzt Forderungen für eine bessere Versorgung klar formuliert hat.

Ziel ist es, das gesellschaftliche und kulturelle Bewusstsein für die Existenz der Palliativversorgung zu schärfen und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen an diesem Prozess beteiligten Akteuren zu fördern.

Sitte ist überzeugt vom PAL-Live-Konzept: "Eine gute Palliativversorgung muss überall und für jeden verfügbar sein" – das, sagt er, sei eine mögliche Antwort auf den zunehmenden Trend zur Beihilfe zur Selbsttötung und Tötung auf Verlangen.

Der Vatikan hat mit seinem Vorstoß nicht zuletzt auch seine eigenen Einrichtungen im Blick: In kirchlichen Institutionen wie etwa Bischofskonferenzen, religiösen Orden oder katholischen Universitäten ist die Unwissenheit groß und die Sensibilisierung für Palliativversorgung praktisch nicht vorhanden.

Die päpstliche Akademie legt dabei Wert auf eine differenzierte Unterscheidung zwischen Maßnahmen der Palliativmedizin und der Euthanasie.

Ziel ist bestmögliche Lebensqualität für Sterbende

Die Botschaft: Ziel der Palliativmedizin ist nicht mehr Heilung, sondern bestmögliche Lebensqualität für sterbenskranke Menschen. Wünsche und Befinden des Patienten sollen in den Fokus rücken, etwa die Linderung von Schmerzen, Trockenheit im Mund oder Atemnot. Euthanasie dürfe in dieser Wertewelt keine Chance haben.

"Palliativmedizin begleitet, Euthanasie unterbricht. Das ist etwas ganz anderes", stellte der Präsident der Akademie, Bischof Vincenzo Paglia, bei einem Experten-Symposium im Vatikan Ende Februar klar. Er finde es unsäglich, dass Palliativmedizin und Euthanasie oft in einen Topf geworfen würden, sagte Paglia.

So könnten Patienten zwar "unheilbar krank" sein, aber "unbehandelbar" sei niemand. Deshalb könne die Medizin an diesem Punkt "ihre humanistische", also auf die ganzheitliche Pflege des Menschen ausgerichtete, "Berufung" wiederentdecken.

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erinnerte in einem Brief an die Symposiums-Teilnehmer daran, dass bereits Papst Pius XII. (1939-1958) Schmerztherapie von Euthanasie unterschieden habe. Seither hätten Medizin und Pharmazie große Fortschritte gemacht. Die ethische Aufgabe aber bestehe nach wie vor, bei den einzelnen Maßnahmen aufmerksam und klug zu unterscheiden.

Am Ende des Lebens, "wenn alle Möglichkeiten des ‚Machens‘ erschöpft sind, geht es um den wohl wichtigsten Aspekt menschlicher Beziehungen, den des ‚Seins‘: da zu sein, nahe zu sein, gastfreundlich zu sein", schreibt Parolin.

Dann werde der Tod nicht als Ende empfunden, unter dem das Leben zusammenbricht, sondern "als Vollendung einer Existenz, die umsonst geschenkt und liebevoll geteilt wurde".

Empfehlungen zur Palliativversorgung erarbeitet

Die PAL-Life-Expertengruppe hat jetzt nach langer Vorarbeit Empfehlungen an Akteure vorgestellt, die auf der ganzen Welt an der Entwicklung der Palliativversorgung beteiligt sind. Ein Auszug aus dem Forderungskatalog:

» Politische Entscheidungsträger müssen den gesellschaftlichen und ethischen Wert der Palliativversorgung anerkennen und bestehende Strukturen modifizieren.

» Apotheker sollten effiziente Mechanismen auch für die Herstellung von nicht standardisierten Darreichungsformen bereitstellen. Pharmazeutische Behörden sollten Entscheidungen fokussieren auf die Erkenntnis, dass Morphium das bevorzugte Medikament zur Behandlung von mittelschweren und starken Schmerzen bei Krebserkrankungen ist. Es steht auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO und sollte verfügbar gemacht werden, insbesondere die schnell freisetzende orale Darreichungsform.

» Jedes Krankenhaus und jedes Gesundheitszentrum sollte einen erschwinglichen Zugang zur palliativmedizinischen Grundversorgung mit Medikamenten gewährleisten, insbesondere zu Opioiden wie Morphium.

» Alle in der Palliativversorgung Tätigen sollten eine dem Beruf und dem Grad ihrer Beteiligung an der Palliativmedizin entsprechende Zertifizierung erhalten und zugleich aktiv an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, um entsprechende Kompetenzen zu entwickeln.

Die Herausforderungen sind groß. In Afrika etwa ist der Aufbau von palliativen Versorgungsstrukturen in keinem einzigen Gesundheitssystem festgeschrieben, sondern eine echte Aufgabe für Pioniere. Es gibt kein geschultes Personal und keinen Zugang zu Opioiden, zugleich sind die finanziellen Ressourcen begrenzt.

Für Emmanuel Luyirika vom Afrikanischen Palliative Care Verband ist das kein Grund zur Entmutigung. "Wir arbeiten unermüdlich weiter", sagte er beim Symposium in Rom und ließ keinen Zweifel: "Die Initiative der Katholischen Kirche wird uns bei diesem Prozess unterstützen."

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