Ärzte Zeitung, 25.09.2015

Netzwerkbildung

Psychosoziale Hilfe für junge Krebskranke

Psychosoziale Unterstützung von Kassen setzt bei jungen Erwachsenen mit Krebs erst an, wenn eine psychische Diagnose vorliegt, kritisieren Experten.

MÜNCHEN. Junge Erwachsene mit Krebs haben andere Bedürfnisse als Kinder oder ältere Erwachsene: Die Diagnose Krebs trifft sie zu einem Zeitpunkt, an dem sie gerade dabei sind, sich ein eigenes Leben aufzubauen, erinnerte Professor Wolfgang Hiddemann, Direktor der Medizinischen Klinik III am Uni-Klinikum München-Großhadern, vor der Presse in München.

Je nach Alter und persönlicher Entwicklung spielen vor allem Themen wie die Ablösung vom Elternhaus, Unabhängigkeit, Ausbildung und Karriereplanung, Freunde und Partner, Sexualität oder die Gründung einer Familie eine wichtige Rolle, erklärte Hiddemann, der auch Vorsitzender des Vereins "Lebensmut" ist. "Gedanken an Krankheit oder Tod sind da ganz weit weg", so Hiddemann.

Junge Krebskranke müssen sich mit einer existenziell bedrohlichen Erkrankung auseinandersetzen, die nicht vorhersehbare Langzeitfolgen einer Chemo- und Strahlentherapie wie Unfruchtbarkeit, Zweit-Neoplasien oder andere Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann, sagte Professor Günter Schlimok, Präsident der Bayerischen Krebsgesellschaft und ehemaliger Chefarzt der II. Medizinischen Klinik am Klinikum Augsburg.

Psychosoziale Beratung möglichst früh

Für junge Erwachsene mit Krebs sei es daher sehr wichtig, möglichst früh psychosoziale Beratung durch Psychoonkologen zu bekommen, forderte Dr. Pia Heußner, Leiterin des interdisziplinären Zentrums für Psycho-Onkologie (IZPO) am Klinikum der Uni München.

Leider gebe es für diese Patienten eine von den Krankenkassen finanzierte Unterstützung erst dann, wenn die Betroffenen eine psychische Diagnose haben. Wünschenswert seien jedoch auch begleitende psychosoziale Beratungs- und Betreuungsangebote.

Weil es derzeit in Bayern nur wenige spezialisierte Angebote für junge Erwachsene gibt, wollen der Verein "Lebensmut" und die Bayerische Krebsgesellschaft am 20. Oktober in München ein eigenes Netzwerk gründen, um jungen Erwachsenen bei der Krankheitsbewältigung zu helfen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, kündigte Markus Besseler, Geschäftsführer der Bayerischen Krebsgesellschaft, an. (sto)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Weg frei für GroKo-Gespräche – Schulz verspricht Nachverhandlungen

Es war eine Zitterpartie: Weniger als 60 Prozent der SPD-Delegierten auf dem Parteitag stimmten Gesprächen zur Bildung einer große Koalition zu. Nun soll weiterverhandelt werden – auch in Sachen Gesundheit. mehr »

Neuropathie-Test 2.0 – Handy-Vibration ersetzt Stimmgabel

Es genügt ein Handy mit Vibrationsfunktion: An den Fuß eines Diabetespatienten gehalten, zeigt es Forschern zuverlässig an, ob dieser an einer peripheren Neuropathie leidet. mehr »

Pflegerat fordert 50.000 Stellen für die Krankenhäuser

Was hat die Pflegepolitik bewirkt? Die Meinungen sind gespalten: Gesundheitsminister Gröhe lobt die Erfolge der Koalition in der Pflegepolitik. Der Pflegerat hält dagegen. mehr »