Ärzte Zeitung, 08.11.2016
 

Metastasierter Brustkrebs

Strategien gegen das Verdrängen

Die Diskussion über Frauen mit metastasiertem Brustkrebs hat viele Facetten. Eines der Kernprobleme: die erschreckende Unkenntnis der Bevölkerung.

Von Christoph Fuhr

STUTTGART. Wenn prominente Frauen an Brustkrebs sterben, dann bekommt Professor Wolfgang Janni, Direktor der Universitätsfrauenklinik Ulm, nicht selten Anfragen von Boulevard- und anderen Zeitungen. "Wie ist das möglich, was ist da schiefgelaufen?" Das sei er etwa nach dem Tod der Schauspielerin Maja Maranow oder der Moderatorin Miriam Pielhau in diesem Jahr gefragt worden, berichtete Janni vor kurzem bei der Dialogrunde Brustkrebs Stuttgart.

Janni hatte eine präzise Erklärung für diese Anfragen: Es gibt zu wenig Hintergrundwissen. Zwar werden die allermeisten betroffenen Frauen von Brustkrebs geheilt und die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei über 80 Prozent.

Doch diese positive Botschaft könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine Kehrseite gibt, die in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt ist. Bei jeder dritten Brustkrebspatientin tritt die Erkrankung nach einigen Jahren wieder auf, schreitet fort und es bilden sich Metastasen. In einem fortgeschrittenen Stadium ist eine Heilung in der Regel nicht mehr möglich.

Völlig andere Probleme

Die Tatsache, dass Frauen mit metastasiertem Brustkrebs völlig andere Probleme haben als Frauen im frühen Stadium der Erkrankung, sei ihr erst in der Vorbereitung für die Stuttgarter Dialog-Veranstaltung richtig klar geworden, sagte Petra Krebs, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg.

In ihrer Fraktion will die gelernte Krankenschwester jetzt nicht nur das Thema ansprechen, sondern auch die psychoonkologischen Versorgungsstrukturen im Ländle prüfen. Die Grünen-Politikerin reagierte damit spontan auf Kritik: Der ehrenamtliche Geschäftsführer des Krebsverbandes Baden-Württemberg, Hubert Seiter, hatte als Besucher der Dialogrunde seine Sorge um die Zukunft der acht Krebsberatungsstellen in Baden-Württemberg zum Ausdruck gebracht. Die Finanzierungszusage der alten Landesregierung laufe Ende 2016 aus. Im aktuellen Haushaltsplan findet sich keine Bereitstellung entsprechender neuer Mittel. Der Bestand dieser wichtigen Beratungseinrichtungen sei deshalb massiv bedroht, warnte Seiter.

Ein Kernproblem der Patientinnen ist die Tatsache, dass es in ihrem Alltag keine Frauen mit Brustkrebs gibt, die sich im gleichen fortgeschrittenen Stadium befinden. "Es gibt bisher kaum Vernetzung, und darunter leiden diese Frauen sehr", bedauerte Eva Schumacher-Wulf, Chefredakteurin des Krebsmagazins "Mamma Mia". Im Ausland, vor allem in den USA, sei die Situation hingegen ganz anders, sagte Renate Haidinger, Gründerin der Organisation Brustkrebs Deutschland e.V.. Dort würden viel stärker die Möglichkeiten des Internets genutzt. Die Journalistin will in Zukunft online ein entsprechendes Netz für betroffene Frauen in Deutschland aufbauen.

Der zurückhaltende öffentliche Umgang mit dem sensiblen Thema metastasierter Brustkrebs sei in den skandinavischen Ländern oder in den Niederlanden kaum anders als in Deutschland, berichtete aus eigener Erfahrung Carl Janssen, Leiter von Pfizer Oncology Deutschland und einer der Geschäftsführer der Pfizer Pharma GmbH.

Landfrauen erweitern Fokus

Bewusste Zurückhaltung sei nicht das Motiv gewesen, dass die Landfrauen in Baden-Württemberg sich bisher kaum mit den Problemen von metastastasierten Frauen auseinandergesetzt hätten, erläuterte die Präsidentin des LandFrauenverbandes Württemberg-Baden e.V., Marie-Luise Linckh. Der Fokus des Vereins sei vielmehr von Anfang an auf Prävention und Probleme von Frauen mit frühem Brustkrebs gerichtet worden. Verstärkt wollen sich die Landfrauen jetzt auch Patientinnen mit fortgeschrittener Erkrankung zuwenden.

Viele Frauen, die die Krankheit besiegt haben, ziehen keinen Schlussstrich. Davon zeigte sich Doris C. Schmitt von der Stiftung Path überzeugt. PATH – Patient's Tumor Bank of Hope – ist die einzige Brustkrebs-Biobank, die von einem ehrenamtlichen Vorstand aus drei ehemaligen Brustkrebspatientinnen geleitet wird.

[08.11.2016, 13:51:26]
Rudolf Hege 
Bewusste Fehlinformation?
Jeder, der sich mit dem Thema Krebs beschäftigt, weiß, dass die 5-Jahre-80%-Aussage so nicht stimmen kann. Trotzdem wird gegenüber der Öffentlichkeit immer noch so getan, als wären 5 Jahre die magische Grenze, nach der frau als geheilt gilt - und dann nie wieder etwas mit Krebs zu tun haben wird. So jedenfalls kommen derartige Darstellungen in der Öffentlichkeit an. Die Realität sieht anders aus. zum Beitrag »

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