Ärzte Zeitung, 17.07.2018

Sektorenübergreifende Versorgung durchgespielt

Alternativszenario voller politischer Sprengkraft

Bei einem Modellprojekt in Baden-Württemberg ist die sektorenübergreifende Versorgung durchgespielt worden. Der Abschlussbericht enthält Empfehlungen, die es in sich haben - und das Konfliktpotenzial deutlich machen.

Von Florian Staeck

Alternativszenario voller politischer Sprengkraft

Wie eine sektorenübergreifende Versorgung funktionieren kann, ist in drei Landkreises in Baden-Württemberg durchgespielt worden. Die Erkenntnisse führen zu Empfehlungen, die nicht jedem gefallen.

© Gajus / Getty Images / iStock

STUTTGART. Baden-Württemberg hat in einem Modellprojekt in drei Landkreisen Möglichkeiten für eine sektorenübergreifende Versorgung ausgelotet. Die Handlungsempfehlungen der Studienautoren bleiben aber nicht unwidersprochen.

In einem aufwändigen Projekt, das von den Universitäten Frankfurt, Heidelberg und Stuttgart begleitet wurde, ist anhand der Krankheitsbilder Anorexie, chronischer Kreuzschmerz, Darmkrebs, Demenz, Depressionen, Diabetes Typ 1 und Typ 2 sowie Schlaganfall die Versorgungssituation in den Kreisen Reutlingen, Ravensburg und Biberach untersucht worden. Anhand von 212 Indikatoren ist der künftige Versorgungsbedarf abgeschätzt worden.

Am Ende des Verfahrens haben die Autoren Bausteine und Handlungsempfehlungen für eine sektorenübergreifende Versorgung präsentiert, die Landesgesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) am Montag vorgestellt hat. Dazu gehören:

»Die Einrichtung von Primärversorgungszentren, die auch mit der Umwidmung oder Schließung von Kliniken verbunden sein kann.

»Eine Gesundheitsplanung auf Ebene der Land- und Stadtkreise, die durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst koordiniert wird.

»Auf- und Ausbau von Kompetenzzentren für Patienten mit schweren und komplexen Erkrankungen. In diesen landkreisübergreifenden Zentren sollen Patienten von einem interprofessionellen Team versorgt werden.

Lucha: Ergebnisse gut übertragbar

Vorteile des kostenlosen LogIns

Auf unserer Webseite finden Sie tagesaktuelle Informationen aus den Themenbereichen Gesundheitspolitik, Medizin und Wirtschaft.

Über ein kostenloses LogIn erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile:

  • Mehr Analysen, Hintergründe und Infografiken
  • Exklusive Interviews
  • Praxis-Tipps zur Abrechnung und Organisation
  • Alle medizinischen Berichte lesen
  • Kommentare lesen und schreiben

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt. Weitere Infos und zum Login.

Geht es nach Lucha, soll es nicht bei der Modellregion bleiben. Die Ergebnisse seien "gut auf andere Stadt- und Landkreise übertragbar", sagt Markus Jox, Sprecher des Sozialministeriums, auf Anfrage der "Ärzte Zeitung".

Bei dem Projekt seien die Morbidität und der künftige Versorgungsbedarf für alle Regionen Baden-Württembergs ermittelt worden. Daher könnten auf dieser Basis auch andernorts sektorenübergreifenden Versorgungskonzepte entwickelt werden, so Jox.

Nach seinen Angaben werden im Ministerium jetzt die Umsetzungschancen der Vorschläge geprüft. "Die Vernetzung unter den Gesundheitsprofessionen muss ausgebaut werden", sagt der Sprecher.

Er mahnt ein Gesamtkonzept an, das über Modellprojekte hinausgeht. "Die Bund-Länder-AG zur sektorenübergreifenden Versorgung ist nun in der Pflicht zu liefern."

MEDI-Chef übt Kritik

Ganz anders fällt die Einschätzung des Modellprojekts bei Dr. Werner Baumgärtner aus, Vorsitzender des MEDI-Verbunds Baden-Württemberg. Die ambulante Gesundheitsversorgung sei "nach wie vor eine Domäne freiberuflicher Ärzte", erinnert er.

Baumgärtner warnte, diese Struktur durch "lokale Gesundheitszentren zu ersetzen, in denen Fachärzte erst gar nicht vorkommen". "Tragen dann die Kommunen auch das finanzielle Risiko für diese Einrichtungen?", fragt der MEDI-Chef.

Konzepte, um die Versorgung von morgen zu sichern, gebe es im Südwesten. Baumgärtner erinnerte an Haus- und Facharztverträge sowie von Freiberuflern getragene Medizinische Versorgungszentren, deren Gründung MEDI unterstütze.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Blaupause zur rechten Zeit?

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Die Zukunft gehört der sensorischen Blutzuckermessung

Die Zeiten, in denen sich Diabetiker zur Blutzuckermessung in den Finger stechen, sind bald vorbei. Sensor-Messsysteme bringen neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. mehr »

Mehr ASS für schwere Patienten?

Allen Patienten dieselbe ASS-Dosis zu verordnen, scheint in der kardiovaskulären Prävention keine optimale Lösung zu sein. Es könnte sich lohnen, die Dosis an das Körpergewicht anzupassen, um verschiedene Risiken zu minimieren. mehr »

Ärztefortbildung in der Kritik – Woran misst sich Neutralität?

Eine Landesärztekammer versagt einem Fortbildungsanbieter die Zertifizierung einer Veranstaltung – der wehrt sich dagegen. Eine neue Auflage im Dauerkonflikt um Sponsoring. mehr »