Ärzte Zeitung, 08.11.2016
 

Binationaler Modellstudiengang

Keine Angst vor Patientenkontakt!

Seit 2012 läuft in Oldenburg ein Modellstudiengang für angehende Ärzte. Das Besondere: Er ist binational aufgebaut, und die künftigen Ärzte kommen früh mit Patienten in Kontakt.

Keine Angst vor Patientenkontakt!

Auf Station am Klinikum Oldenburg: Die Medizinstudenten Armin Timmermanns (l.) und Jan Liewig absolvieren im Rahmen ihrer Ausbildung Praktika in Deutschland und in den Niederlanden.

© Carmen Jaspersen / dpa

OLDENBURG/GRONINGEN. An seinem ersten Tag als Medizinstudent in einer Oldenburger Klinik fiel der Niederländer Armin Timmermanns sofort auf. Er trug keine Turnschuhe wie die anderen Ärzte. Er wählte edle Schuhe zum Anzug, die seine Eltern extra für den Master in Medizin an der University of Groningen gekauft haben. So war er es aus seinem Heimatland gewohnt.

Die Wahl der Schuhe ist nicht der einzige Unterschied, der den Oldenburger und Groninger Studenten dank des Austauschs der European Medical School auffällt.

Die Medizinfakultät der Universität Oldenburg wurde 2012 gegründet und zählt heute rund 200 Studenten. Zu den 40 Erstsemesterstudenten, die jedes Jahr ihr Studium in Oldenburg aufnehmen, kommen ungefähr genau so viele niederländische Studenten von der University of Groningen. Sie werden rund ein Jahr in Oldenburg ausgebildet.

Der 23-jährige Student Timmermanns hat schon einige Stationen des Klinikums Oldenburg durchlaufen. Derzeit arbeitet er auf der Intensivstation. Durch seinen Aufenthalt konnte er Unterschiede in beiden Gesundheitssystemen kennenlernen – zum Beispiel in Sachen Hygiene.

"In den Niederlanden haben wir sehr wenige Krankenhausbakterien", sagt er. In dem Nachbarland werden Patienten viel früher und aufwendiger isoliert, um nosokomialen Infektionen vorzubeugen.

"Etwas von unschätzbarem Wert"

Die Groninger Studenten kommen immer im fünften Jahr ihres Studiums ins Nachbarland. Um dafür zugelassen zu werden, müssen sie Deutsch sprechen können. Auch die Oldenburger Studenten sind verpflichtet, ein Jahr in Groningen zu studieren.

Die Zusammenarbeit mit den Niederlanden bildet eine Besonderheit der European Medical School, die es den Angaben zufolge in keinem anderen Medizinstudiengang einer staatlichen Hochschule gibt. "Diese Flexibilität, mit anderen Systemen zurechtzukommen und da Erfahrungen zu sammeln, ist etwas, was einfach von unschätzbarem Wert ist", sagt die Dekanin der Fakultät, Martina Kadmon.

Da stimmt der 27 Jahre alte deutsche Student Jan Liewig zu. "Dadurch, dass ich einfach die Möglichkeit hatte, im europäischen Verbund in Groningen zu studieren, ist der Weg zurück ins Ausland keine große Hürde mehr", sagt der Student, der in seinem dritten Uni-Jahr in Groningen auf Englisch studierte.

In der niederländischen Studentenstadt hat der gebürtige Kölner nicht nur einen Einblick in ein anderes Gesundheitssystem bekommen, sondern auch in eine andere Universität. "Man lernt mal einen Hörsaal mit 300 Leuten kennen. Das gibt es hier nicht."

Dabei geht der Modellstudiengang auch neue Wege in Sachen Praxiserfahrung. "Das erste, was die Studenten in der allerersten Stunde hier sehen, ist ein Patient", sagt Kadmon. Nicht nur in den Veranstaltungen an der Universität kommen die angehenden Mediziner mit der Krankenhausrealität in Berührung, auch während ihrer Praxismonate in Krankenhäusern oder Arztpraxen haben sie mehr Patientenkontakt als andere Studenten.

Hoher Praxisanteil in Ausbildung

Liewig hat schon einige Stationen durchlaufen. Der hohe Praxisanteil soll die Studenten in der Ausbildung weiterbringen. "Meine Hoffnung ist, dass die vorher schon so viel von der Klinik gesehen haben, dass man ihnen wahrscheinlich deutlich mehr Verantwortung im praktischen Jahr geben kann", sagt Kadmon.

Denn die Studenten laufen nicht nur mit: Sie werden ins Team integriert, beobachten und bekommen Feedback. So konnte Timmermanns zum Beispiel schon öfter mit der Anamnese eines Patienten beginnen, bevor der Arzt hinzukam.

"Ich habe bisher keinen Patienten erlebt, der der ganzen Sache ablehnend gegenüberstand", sagt Liewig. Besonders wegen des Ärztemangels in Deutschland freuten sich die Patienten, wenn die Praxen sich um Nachfolger bemühen – egal, ob sie Turnschuhe oder anderes tragen. (dpa)

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