Ärzte Zeitung online, 29.09.2017
 

Arzneimitteltherapiesicherheit

Medikationsplan: Durchwachsene Jahresbilanz

Seit einem Jahr haben Patienten, die mindestens drei Medikamente einnehmen, Anspruch auf einen Medikationsplan. Aber hier gibt es offenbar noch viel Luft nach oben, wie eine Patientenbefragung zeigt. KBV und Hausärzteverband halten die Untersuchung allerdings nur für bedingt aussagekräftig.

Von Christian Beneker

Durchwachsene Jahresbilanz

Ärzte müssen seit einem Jahr einen Medikationsplan ausfüllen, wenn Patienten, die mehr als drei verordnete Medikamente einnehmen, dies wünschen.

© Ienetsnikolai/Fotolia.com

BREMEN. Die Bilanz des Medikationsplans fällt nach Ansicht der hkk Krankenkasse ein Jahr nach seiner Einführung ernüchternd aus. Viele Patienten würden über Sinn und Nutzen nicht ausreichend aufgeklärt. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Kasse unter der Leitung von Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG). "Das Ziel, die Arzneimitteltherapiesicherheit für multimorbide beziehungsweise von Polypharmazie betroffenen Patienten zu erhöhen wurde nur für eine Minderheit von ihnen erreicht", sagt Braun. "Gemessen daran, was man auch in der Ärzteschaft von dem Plan erwartet hat, ist das Ergebnis suboptimal." Die KBV und der Deutsche Hausärzteverband (HÄV) kritisieren die Studie.

Unzureichende Aufklärung?

Braun hat 1000 hkk-Patienten einen Fragebogen zugesandt. Die Rücklaufquote betrug 32,4 Prozent. Es haben davon überproportional viele (49,1 Prozent) ältere Patienten über 65 Jahre geantwortet. Das Ergebnis:

Nur 37,7 Prozent der Versicherten mit Anspruch auf und Bedarf für einen Medikationsplan, haben ihn bisher auch erhalten. Zwar bekamen die Patienten um so öfter einen Plan, je älter sie waren. Aber auch in der ältesten Befragtengruppe waren es nur knapp die Hälfte. Von den Befragten, die keinen Medikationsplan erhalten haben, schätzten etwas mehr als die Hälfte, sie hätten seit Beginn des Jahres 2017 "gar keine" Arzneimittel "neu verordnet bekommen". Rund 20,4 Prozent oder 40 Befragte schätzten aber, sie hätten drei und mehr Arzneimittel erhalten und damit möglicherweise die Voraussetzungen erfüllt, einen Plan zu erhalten, so die Studie. Ein Viertel der Befragten mit Medikationsplan wurde gar nicht oder nur unzureichend über den Sinn des Plans aufgeklärt.

Knapp 21 Prozent der Befragten gaben an, dass sie vom für den Medikationsplan verantwortlichen Arzt weder über den Nutzen noch über die Einnahme der verordneten Medikamente informiert wurden. 51,6 Prozent aller Befragten mit Medikationsplan wurden nicht gefragt, ob sie sich zusätzlich rezeptfreie Arzneimittel in der Apotheke gekauft hatten. 43 Prozent aller Befragten mit Medikationsplan wurden nicht darauf hingewiesen, den Plan auch beim Besuch anderer Ärzte mitzunehmen und gegebenenfalls ergänzen zu lassen.

32,5 Prozent der Befragten, die auch von anderen Ärzten als dem Ersteller des Medikationsplans Medikamente verordnet bekamen, wurden nicht nach dem Medikationsplan gefragt. Sofern der Medikationsplan bei diesen Arztkontakten überhaupt eine Rolle spielte, wurde dieser bei 14,3 Prozent der befragten Patienten nicht ergänzt, hieß es.

Um die Probleme mit dem Medikationsplan zu lösen, müssten Ärzte besser über "den Sinn und möglichen Nutzen" des Planes informiert werden, so Braun. Außerdem sollte auf dem Plan der Gestaltungsspielraum für Ärzte verkleinert werden, meint der Bremer Sozialwissenschaftler. Denn Beschreibungen wie "In der Regel" oder "sofern möglich" könnten sich "negativ auf die vollständige Erfassung der rezeptpflichtigen und rezeptfreien Arzneimittel auswirken."

Kritik an kleiner Datenbasis

Zudem sollten die Ärzte unbedingt danach fragen, ob und welche Medikamente ihr Patient auch von anderen Ärzten verschrieben bekommen hat. Schließlich fordert Braun, den Plan für die Patienten lesbarer zu machen. "Zwar sind Kriterien wie Schriftart und Schriftgröße definiert. Aber wenn es um die Einfachheit geht, sei der Plan gescheitert.

"An der Befragung der hkk haben nur 324 Versicherte teilgenommen. Das ist schade, denn so ist fraglich, ob man hier überhaupt zu repräsentativen Ergebnissen kommen kann", kommentiert Dr. Roland Stahl, Sprecher der KBV, auf Nachfrage die Studienergebnisse. "Das lässt natürlich an der Aussagekraft der Studie zweifeln. Grundsätzlich hätten die KVen und die KBV die Ärzte über den bundeseinheitlichen Medikationsplan informiert und täten dies auch weiterhin. "Wir gehen davon aus, dass andererseits aber auch die Krankenkassen ihre Mitglieder auf die Möglichkeit hinweisen."

Hausärzte sehen Nachholbedarf

Auch der Hausärzteverband äußerte sich kritisch. Das Problem mit dem bundeseinheitlichen Medikationsplan sei, "dass er nicht digital geführt wird, sondern in Papierform. Das macht ihn natürlich fehleranfällig", sagt Vincent Jörres, Sprecher des Verbandes. "Die Patienten sind gezwungen, dieses Stück Papier von Arzt zu Arzt mitzunehmen. Wenn er mal vergessen wird, ist die Gefahr groß, dass er in der Folge unvollständig ist. Darüber hinaus müssen noch die nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente berücksichtigt werden. Das kann, wenn der Medikationsplan nicht digitalisiert wird, auf Dauer nicht funktionieren." Das strukturelle Problem der Multimedikation lasse sich nicht mit einem Stück Papier lösen. "Wir brauchen dringend die elektronische Patientenakte!", so Jörres. Im Übrigen sei das Honorar von einem Euro pro Medikationsplan zu knapp. "Das steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. Hier müssen die Kassen nachbessern."

Eingeführt wurde der Plan über das E-Health-Gesetz, um Patienten vor unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu schützen. Seit 1. Oktober haben gesetzlich Versicherte, die mindestens drei Medikamente verordnet bekommen, Anspruch auf den Plan.

Medikationsplan in Kürze

» Seit dem 1. Oktober 2016 haben gesetzlich Versicherte, die mehr als drei Medikamente verordnet bekommen haben, Anspruch auf einen Medikationsplan.

» Aufgeführt werden müssen nicht nur alle verordneten Medikamente samt Anwendungshinweisen, sondern auch Selbstmedikation sowie Medizinprodukte soweit sie für die Medikation relevant sind.

» Hausärzte können die Erstellung des Medikationsplans nach der EBM-Position 01630 einmal jährlich mit 39 Punkten berechnen.

[05.10.2017, 11:52:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Nicht "DIE ÄRZTE", sondern Gesetzgeber, GKV-Kassen und KVen sind beim "MediPlan" gefordert!
 1. Seit Jahr und Tag werden unsere gesetzlich krankenversicherten Patientinnen und Patienten in der Apotheke entmündigt: In dem ihnen der rote Rezeptvordruck mit ihrem persönlichen "Kassenrezept" und der Arztsignatur M.D.S. "man nehme..." weggenommen wird, um im Orkus des Apotheken-Rechenzentrums zu verschwinden. 

 2. D i e s und nur diese jahrzehntelang dahinter steckende Kassenpatienten-Missachtung führte zur zusätzlichen Notwendigkeit eines zuletzt bundeseinheitlichen Medikationsplans. 

 3. Meine hausärztlichen Kolleginnen, Kollegen und ich (Praxisgründung 1992) haben immer schon handschriftliche Medikationspläne erstellt, weil wir wussten und wissen, dass nur Private- und Grüne-Rezepte dem Patienten zur Kontrolle zurückgegeben werden. 

 4. Im EDV-Zeitalter gibt es keine Entschuldigung für Geheimhaltung, fehlende Transparenz und Kontroll-Defizite am Apotheken-Tresen. Im Gegenteil: Beim elektronischen Rezept mit Signatur weiß der Patient sofort, wenn etwas mit Medikation, Wirksubstanz, Galenik oder Dosierung schief läuft. Doch davon sind wir noch weit entfernt.  

 5. Dass Patienten sich von ihren Ärzten nicht hinreichend über den Sinn und den Nutzen des neuen Medikationsplanes aufgeklärt fühlen, ist eine typische Fehlallokation und irreführende Verkennung von Rechten und Pflichten. 

 6. Nur und ausschließlich der Gesetzgeber, Bund und Länder sind primär gefordert, über Art und Weise ihres auf völlig falschen Voraussetzungen beruhenden Medikationsplans im Rahmen eines bis dato unerfüllbaren E-Health-Gesetzes aufzuklären und zu informieren. 

 7. Nahezu alle EDV-Praxissysteme (meines seit 1995) verfügen selbstverständlich über einen Medikationsplan, elektronisch archiviert und für jeden Patienten ausdruckbar, weil die unter 1. bis 4. aufgelisteten Punkte mehr als bekannt waren - nur bis heute nicht den zahlreichen, selbsternannten "Gesundheits"-Politikern. 

 8. Zu kommunizieren, dass seit dem 1. Oktober 2016 gesetzlich Versicherte Anspruch auf einen Medikationsplan haben, wenn sie 3 oder mehr Medikamente verordnet bekommen, ist nicht Aufgabe der Arztpraxen, sondern der Gesetzlichen Krankenkassen der GKV bzw. der Kassenärztlichen Vereinigungen als Körperschaften Öffentlichen Rechts. 

 9. Es hapert also nicht, wie die hier referierte Studie suggerieren will, an den mit qualifizierter Eigen- und Fremd-Anamnese, Befragung, Untersuchung, Diagnostik, Differenzial-Diagnosen, Beratung, konservativer, palliativer und/oder interventioneller Therapie bzw. differenzierter Pharmakotherapie vollauf beschäftigten, koordinierenden Hausarzt- oder auch Facharzt-Praxen. 

 10. Weitere Kritikpunkte sind die nicht repräsentative Datenbasis der Studie von Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG), die fehlende Evaluation von Fakten, die Patienten- Befragungen nach Hörensagen, Vermuten, Glauben und Nichtwissen. 


Im Übrigen weise ich darauf hin, dass die Äußerung von Vincent Jörres, Sprecher des Deutschen Hausärzte-Verbandes, das Honorar von einem Euro pro Medikationsplan ("hast'e mal 'nen Euro?") sei zu knapp; und: "Das steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. Hier müssen die Kassen nachbessern" nicht mal ansatzweise der Wahrheit entspricht. Die Abrechnung auch nur einer einzigen „Chroniker“-Ziffer im EBM schließt jegliche Abrechnungsmöglichkeit eines Medikationsplans, der bei sieben Generika pro Quartal bis zu 28 mal im Jahr umgeschrieben werden müsste, kategorisch aus! Vgl. auch zum Thema 
http://news.doccheck.com/de/blog/post/2485-medikationsplan-bei-den-flintstones/ 
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3723-wer-wird-denn-gleich-in-die-luft-gehen/ 

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[04.10.2017, 14:27:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"BMP" what, Kollege Zlatko Prister?
Die Abkürzung "BMP" steht im medizinischen Bereich für
? basic metabolic panel [A]
? basic metabolic profile [A]
? basisches Myelinprotein
? bone morphogenetic protein [A]
Basismesspunkt
Beclomethasonmonoproprionat
behaviour management plan [A]
best management practice [A] [Qu]
Bischloräthylnitrosourea / Methotrexat / Procarbazin [-Schema] (bischlorethylnitrosourea / methotrexate / procarbazine [protocol / regimen] [A], bischloroéthylnitrosourée / méthotrexate / procarbazine [protocole] [F]) [Cht]
? blood metabolic profile [A]
? blood metabolic rate [A]
body mass percentile [A]
? bone marrow particle [A]
? bone marrow pressure [A]
Bonn-Malmö-Protokoll
und last, but not least für: Bundeseinheitlicher Medikationsplan!

Im Übrigen weise ich darauf hin, dass die Äußerung von Vincent Jörres, Sprecher des Deutschen Hausärzte-Verbandes, im Übrigen sei das Honorar von einem Euro pro Medikationsplan zu knapp. "Das steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. Hier müssen die Kassen nachbessern" nicht ansatzweise der Wahrheit entspricht. Die Abrechnung auch nur einer einzigen „Chroniker“-Ziffer im EBM schließt jegliche Abrechnungsmöglichkeit eines Medikationsplans, der bei sieben Generika pro Quartal bis zu 28 mal im Jahr umgeschrieben werden müsste, kategorisch aus! Vgl.
http://news.doccheck.com/de/blog/post/2485-medikationsplan-bei-den-flintstones/
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3723-wer-wird-denn-gleich-in-die-luft-gehen/

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[04.10.2017, 09:11:04]
R. Sebastian Werbke 
Verwirrende Zahlen
Wie auch einer Info der KBV zu entnehmen ist (http://www.kbv.de/html/medikationsplan.php) soll der Medikationsplan erstellt werden, wenn mehr als zwei zu Lasten der Krankenversicherung verschriebene Medikamente verordnet werden.
Leider springt der Artikel zwischen einleitendem Text, Beschreibung der hkk-Untersuchung und Infobox immer wieder zwischen den Zahlen.
Vielleicht trägt solche Verwirrung ja auch ein wenig dazu bei, dass so wenige Patientinnen ihren Medikationsplan erhalten... zum Beitrag »
[03.10.2017, 22:30:18]
Dr. Zlatko Prister 
bmp bei entlassung
alles schön und gut, aber die grösste arbeit mit dem bmp haben die hausärzte bei entlassenen patienten.
die krankenhäuser geben dem patienten bei entlassung keinen bmp mit, sodass wir hausärzte aus dem entlassugsbericht die medikation MANUEL abschreiben müssen, rezepte MANUEL erstellen müssen und erst danach entsteht ein mit barcode versehener bmp im computer des hausarztes.

die krankenhäuser müssen GEZWUNGEN WERDEN bmp bei entlassung mitzugeben.
der hausarzt könnte dann den plan einscannen und daraus automatisch rezepte machen.

das würde uns alle einen schritt in richtung der digitalisierung weiter bringen.

z.zt. haben wir weiterhin nur arbeit, und keine erleichterung.

mfg
dr. z. prister
papierlose hausarztpraxis 4.0
www.prister.de frankfurt
0172-6700678 zum Beitrag »

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