Kongress, 14.06.2012

Telemedizin soll keine Domäne der Kliniken bleiben

Die Telemedizin bietet viele Chancen - auch Haus- und Fachärzten. Die Bundesärztekammer sieht in ihr ein Werkzeug, um die ambulante Praxis attraktiver zu machen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Telemedizin soll keine Domäne der Kliniken bleiben

Telemedizinisches Monitoring des Blutdruck zu Hause.

© bilderbox/fotolia.com

BERLIN. Telemedizin ist in Deutschland längst Versorgungsrealität. Mehrere zehntausend Patienten werden in Deutschland pro Jahr in telemedizinischen Schlaganfallnetzen behandelt.

Und hunderte Radiologen nutzen teleradiologische Services im Rahmen regionaler Rahmenvereinbarungen.

Zwei neuere Beispiele für Telemedizin in der Regelversorgung sind das Schlaganfallnetzwerk Ost-Sachsen und der Teleradiologieverbund Ruhr. In Ost-Sachsen ist die telemedizinische Schlaganfallversorgung seit 2008 durch eine Rahmenvereinbarung mit den Kostenträgern gesichert.

Derzeit werden die letzten beiden Kliniken an das Netz angeschlossen: "Damit haben wir dann Flächendeckung erreicht", betonte Dr. med. Ulf Bodechtel vom SchlaganfallCentrum des Universitätsklinikums Dresden auf einer Veranstaltung beim Hauptstadtkongress.

Auf die technische Vernetzung soll jetzt im Rahmen des von der AOK Plus angestoßenen SOS-CARE-Projekts ein regionales Case Management für den Schlaganfall aufgesetzt werden.

Ein in einer elektronischen Fallakte hinterlegter Patientenpfad optimiert den Übergang der Patienten aus der Akutversorgung in die Nachsorge, aber auch die Schlaganfallprävention. Dazu werden zertifizierte Case-Manager mit Pflege-Hintergrund ausgebildet, die ab Ende des Jahres ihre Arbeit aufnehmen.

Teleradiologieverbund seit Januar im Betrieb

Erfolgreich von Fördermitteln emanzipiert hat sich auch der Teleradiologieverbund Ruhr, über den Frank Gutzmerow von der MedEcon Ruhr GmbH berichtete. Nach einer Pilotphase zwischen 2009 und 2011 ist der Teleradiologieverbund seit Januar 2012 im Regelbetrieb.

Über das Netzwerk werden Zweitbefundungen abgewickelt, Voruntersuchungen durch niedergelassene Radiologen bereitgestellt und Bilddaten verlegungsbegleitend übermittelt. Derzeit sind 40 Kliniken und Praxen angeschlossen. Bis zum Jahr 2014 sollen es 100 sein.

Noch nicht etabliert hat sich die Telemedizin dagegen bei klinischen Einsatzszenarien im ambulanten Bereich. Doch gerade hier bieten sich interessante Einsatzszenarien.

"Ich sehe beispielsweise ein großes Potenzial für den Ausbau von Telekonsultationen bei Haus- und Fachärzten", sagte Dr. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein und für Telematik zuständiger Vorstand der Bundesärztekammer.

Weite Teile der ambulanten Überweisungsbürokratie könnten abgebaut werden, wenn ein Teil der Facharztüberweisungen per Telekonsultation erfolgte, so Bartmann. In der Dermatologie ist diese Art der Kooperation in einigen Ländern längst Standard.

Telemedizinische Leistungen - wie abrechnen?

In Schleswig-Holstein werden derartige Kooperationsszenarien derzeit im PrimCare IT-Projekt im Alltag erprobt: Per Telekonsil werden klassische Facharztkonsile abgewickelt.

Es kommt aber auch zu einem indikationsunabhängigen Erfahrungsaustausch zwischen jüngeren und älteren Kollegen. Gerade dieser intensivere interkollegiale Austausch könne die ambulante Medizin als Ganzes wieder attraktiver machen, ist Bartmann überzeugt: "Wir haben auch deswegen ein Problem, ambulanten Nachwuchs zu finden, weil junge Ärzte, die mit Teamarbeit groß geworden sind, nicht in die Isolation einer Einzelpraxis wechseln wollen."

Kritisch für den Erfolg der Telemedizin im ambulanten Bereich ist und bleibt die Erstattung. Derzeit prüft der Bewertungsausschuss, in welchem Umfang ambulante telemedizinische Leistungen erbracht werden können.

Bis Ende des Jahres sollen hier Empfehlungen vorgelegt werden, das fordert zumindest das Versorgungsstrukturgesetz.

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