Ärzte Zeitung online, 10.01.2019

Digitalisierung

Online-Praxis DrEd zieht es nach Deutschland

Für die nach eigenen Angaben „größte Online-Arztpraxis Europas“ entwickeln sich die Marktbedingungen in Deutschland gerade vielversprechend.

Von Christoph Winnat

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Sprechstunde to Go: DrEd läuft natürlich auch auf mobilen Endgeräten.

© DrEd

LONDON. Die in London ansässige Online-Sprechstunde DrEd ist einer der Vorreiter der ärztlichen Fernbehandlung ohne persönlichen Erstkontakt.

Seit acht Jahren bereits betreibt das Unternehmen auf Rechtsgrundlage der europäischen Patientenrechte-Richtlinie ein deutschsprachiges Angebot.

Nun kündigt Firmengründer und -geschäftsführer David Meinertz die Gründung einer Geschäftsstelle in Deutschland an, „im ersten oder zweiten Quartal dieses Jahres“ – voraussichtlich in Schleswig-Holstein oder in Baden-Württemberg, also einem der beiden Bundesländer, die sich zuerst für die erweiterte Fernbehandlung stark gemacht hatten.

Nachdem die jetzt auch hierzulande möglich wird und die 2016 eingeführte arzneimittelrechtliche Regelung demnächst wieder zurückgenommen wird, wonach Apotheken Rezepte nur nach einem persönlich unmittelbaren Arzt-Patienten-Erstkontakt bedienen dürfen, wolle man nun „mittelfristig auch Leistungen für GKV-Patienten erbringen“.

Und um mit Krankenkassen und anderen Stakeholdern auf Augenhöhe zu verhandeln, müsse man „vor Ort sein“, begründet Meinertz seine Expansionspläne. Beratungsschwerpunkte waren von Beginn an typische Themen der Privatkonsultation wie erektile Dysfunktion – wobei allerdings bestritten wird, dass dieses Männerproblem auch die Namensgebung des Dienstes motiviert hätte –, Haarausfall oder Verhütung.

IT-Unterstützung im Hintergrund

Inzwischen würden die DrEd-Ärzte aber immer häufiger auch mit ganz gewöhnlichen Beschwerden konfrontiert, berichtet Meinertz: Bluthochdruck, Asthma, Allergien oder hoher Cholesterinspiegel.

DrEd in Zahlen

2010 Gründung der Betreibergesellschaft Health Bridge Ltd. in London.

2011 Markteintritt in Deutschland. Weitere Märkte, in denen DrEd aktiv ist: Schweiz, Österreich, Irland, Frankreich.

2014 Break Even

2018 europaweit über zwei Millionen ärztliche Fernkontakte, davon 400.000 in Deutschland.

150 Mitarbeiter, darunter 20 Ärzte.

Kosten je Fernbehandlung zwischen neun und 29 Euro. Bei aufwändigeren Diagnosen und Tests bis zu 49 Euro.

Dass sogar Dinge, die in die hausärztliche Domäne und noch dazu in die Erstattungsmedizin fallen, inzwischen per Fernkontakt privat behandelt werden, liege nicht zuletzt am vollen Terminkalender vieler Praxen – und dementsprechend langen Wartezeiten, ist Meinertz überzeugt.

Hinter den Kulissen arbeiten die DrEd-Ärzte bereits mit einem IT-System, das qualitätsgesicherte Therapieentscheidungen unterstützen soll. Jeder Patient, der DrEd konsultiert, müsse zunächst einen digitalen Anamnesebogen ausfüllen. Der werde von einer selbst entwickelten Software mit bereits erhobenen Daten anderer, früher behandelter Patienten abgeglichen.

„Natürlich anonymisiert“, betont Meinertz. „Danach können unsere Ärzte sehen, wie ein anderer Fall mit vergleichbarem Beschwerde-Profil behandelt wurde“. Ergebe sich eine ungewöhnliche Befundkonstellation, signalisiere das System Nachfragebedarf.

Verordnungsentscheidungen würden auf Konformität geprüft und Warnhinweise ausgelöst, sobald ein Medikationsvorschlag kontraindiziert sei.

Das System sei so weit ausgereift, heißt es, dass es bestimmten Diagnosen auch nur die dazu passenden Medikamente zuordne. Die hinterlegten Algorithmen basierten auf „ständig upgedatetem klinischem Wissensstand“, versichert Meinertz.

Aktuell stricke man an einer zusätzlichen Analysefunktion, die Ärzten Vorschläge macht, was bei einem bestimmten Patienten über die aktuelle Frage hinaus noch abzuklären wäre. Bereits heute trügen zur diagnostischen Genauigkeit Test-Kits bei, die an Patienten verschickt werden um etwa Urin- oder Blutproben zu nehmen.

Keine automatisierte Behandlung

In Zukunft könnten auch spezielle Apps in die Befundung eingebunden werden, die Messwerte oder Hautbilder liefern. Die hauseigene Software ermögliche den derzeit 20 in London tätigen DrEd-Ärzten eine große Beratungssicherheit, ist der Firmenchef überzeugt.

„Die Algorithmen, die wir entwickelt haben, unterstützen unsere Ärzte bei der Befundung. Sie sichern die Diagnose zusätzlich ab“. Meinertz legt Wert darauf, dass trotz allen IT-Einsatzes nach wie vor jede Konsultation von einem Arzt persönlich vorgenommen wird. „Es findet keine automatisierte Behandlung statt.“ Das System gebe lediglich Empfehlungen ab.

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