Ärzte Zeitung online, 13.11.2017

Schwarmfinanzierung

Crowdfunding mit hoher Rendite – und hohem Risiko

Über Crowdfunding-Plattformen können Anleger als Kreditgeber attraktive Erträge erzielen. Sie müssen sich allerdings bewusst sein, dass sie dabei ein hohes Risiko eingehen. Ein spezielles Portal für Medizininvestitionen gibt es bereits.

Von Richard Haimann

Schwarmfinanzierung verspricht hohe Rendite

Beim Crowdfunding können Anleger mit wenig Geld Kredit für Start-ups bereitstellen.

© M.Dörr & M.Frommherz / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Warum sollen Anleger ihr Geld zur Bank tragen und nur Mini-Zinsen kassieren, wenn sie es als Kreditgeber an Start-up-Firmen und Projektentwickler zu attraktiven Konditionen ausleihen können? Möglich machen das Crowdfunding-Plattformen im Internet – Webseiten, auf denen Unternehmen sich bei privaten Investoren Darlehen besorgen.

"Wer bereit ist, die Vorhaben mit Kreditbeträgen aufwärts von zumeist 200 Euro zu finanzieren, erhält im Gegenzug Zinsen von fünf und mehr Prozent pro Jahr", sagt Günter Vornholz, Immobilienökonom an der EBZ Business School in Bochum. "Vorausgesetzt, das Projekt endet nicht in der Insolvenz."

Name und Idee stammen aus den USA: Die Crowd – zu deutsch: Schwarm – ist die Masse der Nutzer, die im weltweiten Datennetz unterwegs sind. Stellen sie gemeinsam Finanzierungen, können Start-up-Unternehmen, denen Banken generell keinen Kredit geben, hunderttausende Euro für ihre Geschäftsidee zusammenbekommen.

Crowdfunding im Trend

Im gegenwärtigen Zinstief ist das Modell für viele Anleger so verlockend, dass Crowdfunding-Plattformen Jahr für Jahr mehr privates Kapital anlocken. Wurden 2014 nur 20,1 Millionen Euro in diese Schwarmfinanzierungen investiert, ermittelte das Branchenportal Crowdfunding.de für das vergangene Jahr bereits ein Anlagevolumen von 63,8 Millionen Euro – wovon 92,5 Prozent in Immobilienprojekte strömten.

"Immobilien-Crowdfunding ist deshalb so beliebt, weil es die Hürden für Anleger senkt und Immobilieninvestments einer breiten Bevölkerung eröffnet", weiß Michael Stephan, Geschäftsführer der Berliner Plattform iFunded.

Spezialisiertes Portal für Medizin

Mit der im vergangenen Oktober gegründeten Münchner Medifundo gibt es nun auch ein Portal, das sich auf Crowdfunding von Start-ups aus der Medizinbranche spezialisiert hat. Nachdem ein Biotech-Start-up zur DNA-Extraktion erfolgreich finanziert wurde, bietet die Plattform jetzt etwa eine Schwarmfinanzierung für einen in das Auge implantierbaren Mikrosensor zur fortwährenden Messung des Augeninnendrucks an.

"Venture-Kapitalgeber und Businessangels haben bereits 8,9 Millionen Euro in das Eyemate-Projekt investiert", sagt Medifundo-Geschäftsführer Peter Biewald, der bislang als Finanzvorstand in börsennotierten Unternehmen, darunter aus dem Biotech-Sektor, gearbeitet hat.

Obwohl das Start-up damit auf eine Schwarmfinanzierung nicht angewiesen sei, sollen nun weitere 600.000 Euro bei Privatanlegern, vorrangig Augenärzten, aufgenommen werden. "Das Crowdfunding dient vorrangig dazu, das Produkt bei Ophthalmologen bekannt zu machen", so Biewald.

Die Idee: Beteiligen sich die Fachmediziner an Eyemate, werden sie es auch ihren Patienten verordnen. Die Kreditlaufzeit beträgt sieben Jahre. In dieser Zeit erhalten die Anleger einen jährlichen Festzins von einem Prozent sowie eine anteilige Gewinnbeteiligung. "Danach wird der Kredit zurückgezahlt und der Zinsertrag rückwirkend auf 17,5 Prozent pro Jahr aufgestockt.", erläutert Biewald.

Totalverlust möglich

Was Anleger bedenken sollten: "Schwarmfinanzierungen können im Totalverlust enden", sagt Steffen Sebastian, Professor für Immobilienfinanzierung an der Uni Regensburg. "Etliche Vorhaben sind bereits pleite gegangen." Zuletzt erwischte es das Immobilien-Projekt Luvebelle in Berlin.

Über die Crowdfunding-Plattform Zinsland hatten sich zwei Projektentwickler 1,25 Millionen Euro bei Privatanlegern geliehen und jetzt kurz vor dem Rückzahlungstermin Insolvenz angemeldet. "Das Luvebelle-Vorhaben zeigt, wie hoch die Risiken bei Schwarmfinanzierungen sind", so Renate Daum, Expertin für Kapitalanlagen beim Fachmagazin Finanztest der Stiftung Warentest.

Denn die über Crowdfunding-Plattformen aufgenommenen Kredite sind – anders als etwa Hypothekendarlehen einer Bank – nicht im Grundbuch besichert. Medifundo-Geschäftsführer Biewald rät deshalb, das für Crowdfunding-Projekte vorgesehene Kapital über verschiedene Vorhaben zu streuen. "Anleger sollten nicht alle Eier in einen Korb legen."

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[13.11.2017, 13:28:39]
Dietrich Lenk 
Risikoabschätzung
Der Artikel ist sehr wichtig und sollte von allen die in Crowdfunding investieren wollen, gelesen werden. Die Kleininvestoren sollten es wie die großen Beteiligungsges. splitten, max. 10% in Hochrisiko-Anlagen investieren. Also einen Totalverlust immer einplanen.
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