Ärzte Zeitung, 18.01.2017
 

Arzt und Elternteil

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich – im Verbund!"

Eine Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück.

Von Jana Kötter

Weiterbildung

Ärztin in Weiterbildung und Mutter: Die Koordination beider Rollen ist nicht immer einfach, aber durchaus möglich.

© Robert Kneschke/ Fotolia.com

AACHEN. Für einen nahtlosen Verlauf ihrer Weiterbildung hat Dr. Sandra Tschürtz auf einen Verbund gesetzt. Und sagt heute, da sie kurz vor ihrer Facharztprüfung steht: "Der Weiterbildungsverbund als Rotationsmodell ist eine runde Sache für alle Beteiligten – für die Weiterbilder wie auch für die Weiterbildungsassistenten."

Auch die Koordination ihrer Weiterbildung mit dem Job als Mutter sei jederzeit gut möglich gewesen, resümiert Tschürtz. Neun Monate ihrer insgesamt sechsjährigen Weiterbildung war sie in Elternzeit.

Tatsächlich ist das Ziel der Verbundweiterbildung, einen reibungslosen Verlauf der ambulanten und stationären Weiterbildung zu ermöglichen und so nicht zuletzt die Weiterbildungszeit zu verkürzen.

Deutliche regionale Unterschiede im Verbund

In der Allgemeinmedizin liegt diese heute im Schnitt bei 9,5 Jahren – und damit fast doppelt so hoch wie die minimale Weiterbildungsdauer von fünf Jahren. Um das Problem anzugehen, entwickeln sich seit einigen Jahren deutschlandweit allgemeinmedizinische Weiterbildungsverbünde, die sich regional jedoch deutlich unterscheiden.

Der Ansatz: Die Ärzte in Weiterbildung erhalten eine "Weiterbildung aus einer Hand" und vermeiden so Reibungs- und Zeitverluste an den verschiedenen Stationswechseln.

"Ich kannte das Modell bis dato nicht", sagt Tschürtz im Rückblick. Über eine Freundin hat sie nach ihrem Medizinstudium in Tübingen vom allgemeinmedizinischen Weiterbildungsverbund Aachen erfahren.

Dr. Sandra Tschürtz

Weiterbildung

© Studio Arnolds

Jahrgang: 1984

Werdegang: Medizinstudium in Tübingen (2004 bis 2010), Promotion 2012 an der Kinderklinik Tübingen

Der Abteilungsleiter der dortigen Hämatoonkologie stellte sie über das Rotationsprogramm der Allgemeinmedizin an, nach dem ersten Jahr folgten Rotationen in die Nephrologie, Kardiologie und Gastroenterologie, wo sie "jeweils ein halbes Jahr gute Einblicke bekommen konnte".

Die Rotationen wurden durch die zuständigen Oberärzte in der Onkologie in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl Allgemeinmedizin organisiert.

"Umfassender Einblick in verschiedene Ansätze"

"Das gut strukturierte Weiterbildungsprogramm und der gelebte Weiterbildungsverbund vor Ort haben mir einen umfassenden Einblick in verschiedene diagnostische und therapeutische Ansätze internistischer Erkrankungen verschafft", lobt Tschürtz.

Und weiter: "In der Praxis der niedergelassenen Ärzte wurde ich darüber hinaus ausführlich in die Besonderheiten der hausärztlichen Tätigkeit, speziell der gelebten geriatrischen Medizin, eingeführt."

Das letzte halbe Jahr des dreijährigen stationären Rotationsprogrammes verbrachte Tschürtz dann in der interdisziplinären Notaufnahme des Universitätsklinikums Aachen. Dort war sie zunächst für die internistischen Notfälle zuständig – bis zu 250 Patienten täglich werden hier vorstellig.

"Das war eine sehr anstrengende Zeit für mich, gleichwohl von medizinischer Seite sehr lehrreich und abwechslungsreich", so Tschürtz. Um ihre chirurgischen und orthopädischen Kenntnisse zu verbessern, entschied sie sich für eine sechsmonatige Verlängerung über das Rotationsprogramm hinaus.

Station: Hausarztpraxis

Danach war es dann aber so weit: Nach den 36 Monaten auf Station ging es für Tschürtz in eine internistische Hausarztpraxis. "Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger war, war bis zum Beginn des Mutterschutzes nur noch ein Kennenlernen der Praxisstrukturen für etwa zwei Monate möglich", erklärt die angehende Allgemeinmedizinerin.

Aber: "Nach der Elternzeit von neun Monaten konnte ich meine Weiterbildung in der Praxis fortführen." Durch flexible Arbeitszeiten wurde ihr die Koordination von Weiterbildung und Familie möglich gemacht, die kurze Entfernung zur Praxis und die verständnisvolle Unterstützung durch die Praxisinhaber war zusätzlich von Vorteil.

Und: "Regelmäßige Fallbesprechungen und das fast täglich stattfindende kollegiale Gespräch erleichterten mir den Einstieg die zunächst fremde Tätigkeit der ambulanten Medizin."

Weiterbildung im Verbund

Ziel ist es, Ärzten in Weiterbildung eine komplette fünfjährige Weiterbildung anzubieten, die in stationären und ambulanten Weiterbildungsstätten in einer Region abgeleistet wird.

Bisher ist die Ausgestaltung in Deutschland sehr heterogen.

Die DEGAM plant daher eine bundesweite Zertifizierung der Verbünde, die im Sommer 2017 konsentiert sein soll.

Mehr zur neuen Zertifizierung:

www.aerztezeitung.de/922497

[18.01.2017, 09:27:57]
Heike Drolshagen 
Auch mit Kind zügig möglich - im Verbund
Der Bericht der Kollegin Sandra Tschürtz über Ihre Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin klingt zunächst ganz toll und unproblematisch. Was jedoch auffällt ist, dass sie kein Wort über die Organisation der Kinderbetreuung, Haushalt etc. verliert. Ohne jemanden, der einem den Rücken frei hält, kann man auch im Verbund die Weiterbildung nicht ungestört und in so kurzer Zeit durchziehen. Was würde eine (allein erziehende) Ärztin denn mit dem Kind in den Nachtdiensten machen? Tagesbetreuung ist heute im Vergleich zu vor 30 Jahren organisatorisch fast kein Problem mehr.
Und - hier spreche ich aus eigener Erfahrung - ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Kind/den Kindern, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, bleibt trotz aller Bemühungen darum. zum Beitrag »

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