Ärzte Zeitung online, 21.05.2018

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Die Macht der Position

Sexismus im medizinischen Alltag: Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler bricht hier eine Lanze für die Männer. Diskriminierung kennt sie – geschlechtsunabhängig – eher durch einen anderen Faktor.

Die Macht der Position

Belehrt werden als junger Arzt: Das liegt nicht am Geschlecht, sondern daran, dass man Assistenzarzt ist, sagt unsere Bloggerin. Deswegen kennen das Phänomen auch Männer in Weiterbildung.

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

Die #MeToo-Debatte zieht seit 2017 weite Kreise. Immer wieder hört man von Prominenten, die sexuell belästigt wurden und sich nun öffentlich zu Wort melden. Aber wie sieht das im medizinischen Arbeitsfeld aus? Gibt es in der streng militärisch geprägten Hierarchie des Krankenhauses ähnliche Strukturen des Schweigens und Sich-gefallen-Lassens wie in der Filmbranche?

Ich kann das in keiner Weise bestätigen. Ich fand alle männlichen Kollegen und Vorgesetzten, mit denen ich gearbeitet habe, durchweg respektvoll. Niemals habe ich eine derartige Grenzüberschreitung im medizinischen Arbeitssetting erlebt, obwohl ich nicht ausschließen kann, dass es passiert. Aber ich persönlich kenne in dieser Hinsicht nur ein gutes Arbeitsklima!

Dr. Jessica Eismann-Schweimler

Medikamentennamen – für mich ein Buch mit sieben Siegeln

Dr. Jessica Eismann-Schweimler

© Antoinette Steinmüller

Dr. Jessica Eismann-Schweimler, geb. 1979, ist Weiterbildungsassistentin in einer allgemeinmed. Praxis, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie ist seit 2005 Ärztin und bloggt für die "Ärzte Zeitung" über Höhen und Tiefen der Weiterbildungsabschnitte auf dem Weg zum Allgemeinmediziner sowie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Anders ist es in Sachsen Rollenbildern mit den Patienten, gerade die fortgeschrittenen Alters, die einfach nicht mitbekommen haben, dass inzwischen auch Frauen erwerbstätig sind. Mit ihnen gibt es manchmal skurrile Erlebnisse: wenn nach einer Woche stationären Aufenthalts der Patient fragt, ob es auch einen Arzt in diesem Krankenhaus gebe oder wenn ich bei meiner Visite gefragt werde, wann denn die Visite komme.

Ist das eine Katastrophe? Nein, nicht wirklich, ich rechne es dem fortgeschrittenen Alter zu, erkläre es kurz dem Patienten, der sich daraufhin höflich entschuldigt und merkt, dass er etwas in der gesellschaftlichen Entwicklung verpasst hat.

Macht durch Erklärungen

Ein Phänomen treffe ich allerdings häufig in medizinischen Kreisen: das Mansplaining. Macht durch Erklären. Es wird ein Fakt (mit möglichst vielen Worten) erklärt und angenommen, der Gesprächspartner wisse das nicht, weil er hierarchisch unterlegen ist.

Oftmals ist es in der Medizin vielleicht nur ein schlechter Versuch von Lehre, mit Sicherheit geht es aber meist darum, seine hierarchische Stellung zu behaupten.

Ursprünglich wurde das Wort erfunden, um darauf hinzuweisen, dass häufig Männer Frauen als unterlegen wahrnehmen und ihnen deshalb etwas erklären. Aber so erlebe ich es nicht. Als Ärztin habe ich die gleichen Chancen und Rechte wie meine männlichen Kollegen. Meine männlichen Kollegen erfahren auch die selben Schwierigkeiten, wenn es um Elternzeit und Teilzeitarbeit aus familiären Gründen geht.

Geschlecht oder Status?

Es liegt meiner Meinung nach nicht am Geschlecht. Es ist der Status des Assistenten, der das Mansplaining auslöst. Und da muss sich jeder Ausbilder selbst fragen: Wie viel weiß ich über den Wissensstand und die Erfahrung meiner Assistenten? Erkläre ich jetzt, weil der Assistent das noch lernen muss, oder weil ich unter Beweis stellen möchte, dass ich mehr weiß?

Gleiches gilt übrigens für das Patientengespräch: erkläre ich dem Patienten gerade seine Erkrankung, oder zeige ich einfach nur mit möglichst vielen Worten, was für ein toller Arzt ich bin? Da muss ich in meinem Arbeitsalltag auch selbst darauf achten.

A propos, liebe Kollegen, falls Sie bereits wussten, was mansplaining ist, entschuldige ich mich natürlich, den Begriff erklärt zu haben.

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