Ärzte Zeitung online, 26.03.2019

Niederschmetterndes Urteil

Assistenzärzte zeichnen düsteres Bild der Weiterbildung

Fehlende Strukturen und Verstöße gegen Arbeitszeitgesetze: Eine Umfrage des Hartmannbundes unter Assistenzärzten deckt gravierende Mängel in der Weiterbildung auf. Gleichzeitig wird die Niederlassung wieder als Karriereweg interessant.

Von Rebekka Höhl

Assistenzärzte zeichnen düsteres Bild der Weiterbildung

Der Hartmannbund hat knapp1500 Assistenzärzte befragt. Die Ergebnisse der Umfrage werfen kein gutes Licht auf die Weiterbildung.

© ASDF / stock.adobe.com

BERLIN. Der Personalmangel in den Kliniken, und auch der ökonomische Druck wirken sich auf die Weiterbildung aus. Das sorgt für Frust bei jungen Ärzten.

Fast jedem zweiten Weiterbildungsassistenten (48,57 Prozent) werden Überstunden nicht anerkannt bzw. besteht keine Möglichkeit, diese konsequent zu dokumentieren.

So gibt es Klinikabteilungen, in denen Überstunden schlicht „per Definition nicht existieren“, die Zeit zum „Abbummeln“ ohnehin fehlt oder aber sie werden nur handschriftlich erfasst und müssen vom Oberarzt abgezeichnet werden.

Das zeigen Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Hartmannbundes unter 1437 Assistenzärzten, die der „Ärzte Zeitung“ vorliegen. Fast 30 Prozent der Assistenzärzte leisten wöchentlich sieben bis 12 Überstunden (siehe nachfolgende Grafik).

Noch viel schlimmer ist allerdings, dass 46 Prozent der Befragten im Bereitschaftsdienst immer mehr als die erlaubten 50 Prozent der Arbeitszeit ableisten, bei weiteren 26 Prozent kommt dies häufiger vor.

„Das Arbeitszeitgesetz darf auch in Zeiten des Personalmangels nicht zur Makulatur verkommen. Da braucht es Verlässlichkeit“, sagt der Hartmannbund-Vorsitzende Dr. Klaus Reinhardt. „Es nützen im Zweifelsfall die von uns geforderten Personalschlüssel nichts, wenn es keine effektiven Möglichkeiten zur Durchsetzung und Kontrolle gibt.“

Rund ein Drittel der Assistenzärzte gibt zudem an, dass die Personaldecke in ihrer Abteilung mangelhaft bis ungenügend ist, bei fast 50 Prozent ist die Personaldecke bei Normalbesetzung noch ausreichend, bei Personalausfällen treten allerdings Probleme auf.

Dazu passt, dass fast 74 Prozent der Assistenzärzte schon einmal krank zur Arbeit gegangen sind. 56 Prozent, weil sie sich persönlich dazu verpflichtet fühlten, insgesamt 87 Prozent aber auch, weil sie ihre Kollegen nicht im Stich lassen wollten.

„Patienten kann man nicht einfach liegen lassen“

Eine Selbstausbeutung, die laut Dr. Wenke Wichmann, Mitglied des Leitungsgremiums des Ausschusses Assistenzärzte im Hartmannbund, der wirtschaftlich orientierten Klinik nutze.

„Und die Assistenzärzte machen mit, da sie abhängig beschäftigt sind und am Ende auch auf die Gunst von Oberärzten und Chefärzten angewiesen sind, die ja ebenfalls unter dem Druck der Ökonomisierung leiden“, sagt Wichmann im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“.

Man dürfe hier aber auch die Solidarität und das Pflichtgefühl unter den Kollegen nicht unterschätzen, die eine unterbesetzte Abteilung nicht im Stich lassen wollten. „Die Patienten kann man nämlich leider nicht liegen lassen, bis der Kollege wieder gesund ist.“

Besorgniserregend ist für Wichmann allerdings, dass drei Viertel der Befragten schon einmal zu früh mit Situationen konfrontiert waren, auf die sie noch nicht vorbereitet waren: etwa einem Nachtdienst oder der alleinigen Betreuung der Patienten auf einer Station.

Bei einem Fünftel kam das fast täglich vor. „Dies umso mehr, als ein Großteil dieser Gruppe durch diesen Umstand bereits patientengefährdende Fehler wahrgenommen hat“, sagt sie. Genauer gesagt haben 69 Prozent dieses Phänomen schon einmal bei sich oder Kollegen wahrgenommen.

Fast 60 Prozent (jeweils rund 28 Prozent) benoten die Qualität der Einarbeitung zum Berufsstart mit ausreichend oder mangelhaft. Die Noten sehr gut oder gut vergibt nur etwas mehr als ein Fünftel.

Gleichzeitig besteht eine große Kollegialität im Team: Über 59 Prozent werten die Unterstützung durch erfahrene Kollegen mit gut oder sehr gut.

Fehlende Struktur, kaum Feedbackgespräche

Großen Nachholbedarf gibt es zudem bei der Struktur und Organisation der Weiterbildung. Bereits im Jahr 2015 stellten die Jungen Internisten in einer Umfrage unter rund 1600 Weiterbildungsassistenten gravierende Mängel bei der Weiterbildung fest.

Die Hartmannbund-Umfrage legt nun nahe, dass sich innerhalb von fast vier Jahren nicht viel verbessert hat: Nur jeder vierte Assistenzarzt beschreibt seine Weiterbildung als strukturiert. Regelmäßige Feedbackgespräche gibt es nur bei einem Fünftel der jungen Mediziner.

In den offenen Kommentaren schreibt ein Assistent: „Im hausinternen Weiterbildungsschema geplante Fort-/Weiterbildungsmaßnahmen muss ich mir erstreiten!“. Klar festgelegte Weiterbildungsziele und -inhalte kennen nur 13 Prozent.

Das mit der neuen Muster-Weiterbildungsordnung (MWBO) geforderte elektronische Logbuch – das allerdings erst gilt, wenn die einzelnen Landesärztekammern die neuen Regeln ebenfalls in ihren Weiterbildungsordnungen umsetzen – nutzen derzeit nur vier Prozent der Assistenten.

Wichmann: „Ein bisschen Hoffnung macht uns, dass der Trend dahin geht, dass in strukturschwachen Gebieten hier und da bereits mit strukturierter Weiterbildung geworben wird.“ Das zeige, dass Personalmangel doch einiges bewege. „Aber schon in (mittel-)großen Städten greift das nicht!“, räumt sie ein.

Wenig Zeit für Patienten

Belastend für die jungen Ärzte ist aber auch, dass die Zeit für die Patienten immer mehr abnimmt: Rund 38 Prozent der Befragten geben an, dass sie es manchmal schaffen, sich zufriedenstellend viel Zeit für ihre Patienten zu nehmen. Bei weiteren über 36 Prozent kommt dies selten oder gar nicht vor (siehe nachfolgende Grafik).

Eigene Ideen zur Verbesserung der Organisation oder Arbeitsabläufe können mehr als die Hälfte zumindest gelegentlich einbringen. Bei über 30 Prozent besteht allerdings keine Ideen-offene Kultur in der Klinik. Und auch die Fehlerkultur ist noch verbesserungswürdig.

Fast 23 Prozent geben an, dass Fehler häufig einzelnen Personen angehaftet werden, rund 30 Prozent merken an, es müssten erst dramatische Fehler passieren, bevor sich etwas ändere. Aber immerhin 39 Prozent sagen auch, dass Fehler von allen angesprochen werden können.

Viele reizt wieder die Niederlassung

Bei solchen Bedingungen im Krankenhaus verwundert es nicht, dass die ambulante Versorgung in Sachen Karriereplanung deutlich punktet. Drei Viertel könnten sich eine Laufbahn im ambulanten Sektor vorstellen.

Dabei steht die Niederlassung als Vertragsarzt in einer Gemeinschaftspraxis ganz oben, über 43 Prozent liebäugeln damit. Fast ein Fünftel könnte sich vorstellen, als Angestellter in einer Praxis tätig zu werden.

„Mit Blick auf die Bedingungen in der Klinik ist es ganz sicher vor allem der Wunsch, stärker selbstbestimmt arbeiten und eigene Entscheidungen treffen zu können“, sagt Wichmann.

„Diejenigen, die sich eine Anstellung im ambulanten Bereich vorstellen können, verbinden damit nach meiner Einschätzung nicht zuletzt weniger Dienste an Wochenenden und Feiertagen – vor allem aber auch planbarere Arbeitszeiten.“

Kleinere Einheiten haben laut Wichmann aber noch einen Reiz: dort könne man fokussierter, individueller und mit mehr persönlichem Kontakt arbeiten.

Immerhin ein Drittel würde auch eine Oberarztstelle antreten wollen, einen Chefarztposten könnten sich vier Prozent vorstellen (siehe nachfolgende Grafik). Und eine Tätigkeit als angestellter Arzt in der Klinik auf unterer Hierarchieebene wäre für 14 Prozent denkbar (Mehrfachnennungen waren möglich).

So können Praxen punkten

Weiter punkten könnten die Arztpraxen bei den Assistenzärzten, wenn sie noch mehr Möglichkeiten für Praktika anböten. „Ich denke, viele Kollegen würden gerne einmal für ein paar Tage in einer Praxis hospitieren, um sich ein Bild vom Arbeitsalltag in der Niederlassung zu machen“, so Wichmann.

„Niedergelassene sollten deshalb auch außerhalb der Allgemeinmedizin Weiterbildungsstellen für Assistenzärzte anbieten, wenn eine adäquate Vergütung darstellbar ist.“ So könnte über persönliche Verbindungen zum Beispiel auch die Praxisübergabe angebahnt werden, ist sie sich sicher.

Flexible Arbeitszeiten Fehlanzeige

Das mag auch damit zusammenhängen, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Kliniken nur bedingt gegeben ist: Rund 45 Prozent erklären, dass ihr Arbeitgeber keine flexiblen Arbeitszeiten bietet, über die Hälfte sieht die hohe Zahl an Diensten und das Wechselschichtsystem als Problem und rund ein Viertel spürt hier den Druck von Kollegen und Chef. Die Möglichkeit, in Eltern- oder Teilzeit zu arbeiten, ist nach Angaben von rund 40 Prozent der Befragten mit beruflichen Nachteilen verbunden.

Ein großes Problem stellt aber auch bei den Weiterbildungsassistenten die Bürokratie dar: Fast 80 Prozent berichten, dass die Hälfte ihrer Arbeitszeit für Dokumentation, Telefonate, Arztbriefe, Reha-Anträge und Organisation drauf geht.

Die Digitalisierung hilft ihnen bisher nur wenig: 61 Prozent geben zwar an, dass viele Prozesse digitalisiert, jedoch ineffizient gestaltet sind.

35 Prozent werten die technische Ausstattung auf der Abteilung als gerade noch zeitgemäß, für 13 Prozent steht keine zeitgemäße Ausstattung bereit. Dabei gibt es sie noch, „Visitendokumentation auf Papier“ oder Befunde, „die per Hand von Ärzten in Ordner einsortiert werden“.

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 26.03.2019 um 15:04 Uhr.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Arrogante Personalstrategie

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