Ärzte Zeitung App, 09.12.2013
 

Leitartikel

Klinikhygiene - mehr als Selbstzweck

Werden in Kliniken Vorschriften zur Hygiene missachtet, muss das nicht unbedingt direkte Folgen haben. Doch kommen Keime ins Spiel, kann es für die Häuser teuer werden. Hygiene dient also als Schutzschild.

Von Thomas Trappe

Klinikhygiene - mehr als Selbstzweck

Saubere Hände: Die Compliance beim medizinischen Personal in puncto Händewaschen liegt inzwischen nach Erhebungen bei 72 Prozent.

© Peter Atkins / fotolia.com

Erst kommen die Keime, dann die Kameras. Es ist eine Erfahrung, vor der kaum eine Klinik verschont bleibt, die das Auftreten multiresistenter Keime einräumen muss.

Natürlich sind die Keime für die betroffenen Patienten weit mehr eine Katastrophe als für die Pressestelle der Klinik.

Trotzdem sorgt die mit den "Ekelkeimen" einhergehende Berichterstattung für einen nachhaltigen Vertrauensverlust - und das ist sehr wohl relevant für das Wohl des Patienten und sein Verhältnis zum behandelnden Arzt.

Angesichts einer beim Thema sensibler gewordenen Öffentlichkeit und einer auch objektiv gestiegenen Bedrohungslage ist deshalb erhöhte Aufmerksamkeit gefragt.

"Am unangenehmsten wird es immer, wenn die Medien kommen"

Der Förderverein Medizinrecht der Dresden International University beschäftigte sich bei seinem 2. Medizinrechtssymposium unter anderem mit der "Bewältigung von Hygieneverstößen" - diese sind facettenreich, und im Extremfall endet es in der Verbreitung multiresistenter Keime.

Dr. Lutz Jatzwauk arbeitet seit zwei Jahrzehnten als Krankenhaushygieniker am Uni-Klinikum Dresden und sitzt im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, und er brachte zur Tagung ein Video mit. Einen Fernsehbericht, eröffnet mit den Worten des erfahrenen Mediziners: "Am unangenehmsten wird es immer, wenn die Medien kommen."

Ein Mann, Ende 50, ist da in einem MDR-Beitrag zu sehen. Eine einfache Op am Ohr, so wird berichtet, ging furchtbar schief, Staphylococcus-aureus-Bakterien machten den Mann zum Pflegefall.

Ein zweiter Bericht handelt von einem Patienten, der sich einen Fremdkörper aus dem Auge entfernen lassen wollte, und wenig später eine Bindehautentzündung bekommt.

Und im dritten Beispiel aus Jatzwauks Arbeitsalltag geht es um ein fünfjähriges Mädchen, das mit Verdacht auf Lungenentzündung drei Tage in der Klinik verbrachte - und zwei Tage später an einer Gastroenteritis erkrankt.

Medien solidarisieren Keimopfer

Die Ursachen für sämtliche Erkrankungen, so Jatzwauk, waren alles andere als eindeutig. Doch, und darum ging es ihm, sahen die Patienten das anders.

So wurde für die Staphylococcus-Bakterien im anschließenden Rechtsstreit ein nicht angepasster Bakterienfilter in der Klimaanlage verantwortlich gemacht.

Der Patient mit der Bindehautentzündung habe sogar weitere fünf Patienten über das Fernsehen ausfindig gemacht, die ebenfalls von einer Erkrankung berichteten, als Ursache machte ein Rechtsbeistand das nicht desinfizierte Mobiltelefon im OP aus.

Es wurde geklagt. Und die Mutter des an Durchfall erkrankten Kindes machte ebenfalls über einen Anwalt geltend, dass sie nicht ausreichend darüber aufgeklärt worden sei, dass auf der Station Kinder mit ansteckenden Noroviren lägen.

"Es ist schon erstaunlich, wie gut informiert Patienten mit einmal sind, geht es um Hygienevorschriften im Krankenhaus", so Jatzwauk.

Fehlende Protokolle machen Ärzte angreifbar

Die Erfahrungen des Krankenhaushygienikers zeigen deutlich: Krankenhaushygiene ist nicht nur Mittel, sie ist auch Zweck.

Konkret: Nicht die Staphylococcus-Bakterien wurden dem Dresdner Klinikum zum Verhängnis, sondern ein nicht vorhandenes Prüfprotokoll der Belüftungsanlage.

Nicht das verunreinige Mobiltelefon, sondern die Abwesenheit eines klaren Desinfektionsregimes für eben jenes Utensil.

Nicht das Norovirus, sondern die unterlassene Aufklärung.

Schadenersatzsprüche wegen hygienischer Mängel haben damit zwar nicht automatisch Aussicht auf Erfolg - in jedem Fall jedoch machen sich die behandelnden Ärzte angreifbarer. Selbst, wenn es "nur" um das Urteil der Öffentlichkeit geht.

Seit 2008 gibt es in Deutschland die Aktion "Saubere Hände": Sie war und ist ein Erfolg, zeigt aber auch, in welchen Größenordnungen Fortschritt bei der Krankenhaushygiene gedacht werden muss.

Bei 61 Prozent, so der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin Dr. Nils-Olaf Hübner, habe einst die Compliance beim medizinischen Personal gelegen, ging es um die standardmäßige Händedesinfektion. Inzwischen, nach der Kampagne, sei sie um elf Prozent höher.

Meist liegt es an der Umsetzung hygienischer Maßnahmen

Krankenhaushygiene, so Hübner, der am Robert-Koch-Institut das Fachgebiet Krankenhaushygiene leitet, ist "ein sehr komplexes Thema".

Wenn da was schief geht, liege das meistens nicht an der Qualität der Struktur, sondern an der der Prozesse im Klinikalltag. Sprich: an der Umsetzung hygienischer Maßnahmen oder dem Zusammenwirken mit dem Pflegepersonal.

Die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes vor zwei Jahren sei "sehr hilfreich", sagte Hübner, das Gesetz im Wortlaut zu kennen, "ersetzt ein halbes Facharztstudium".

Doch auch hier gilt, wie für jedes Studium: Es ist Theorie. Der Praxistest folgt im Klinikalltag. Hier ist Verantwortungsbewusstsein gefragt.

[11.12.2013, 13:31:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Was soll die Polemik gegen Fachjournalisten, Herr Albert Thinschmied?
Ausreichende Hygienekenntnisse muss auch eine „Pflegeschülerin“, wie Sie männliche und weibliche Auszubildende in der Gesundheits- und Krankenpflege zu titulieren pflegen, erst mal erwerben und in die Praxis umsetzen. Dazu gehört e n t g e g e n Ihrer Ansicht u. a. auch die hygienische Händewaschung, wie vom Autor Thomas Trappe berichtet.

Zu Ihrer Information die „Mitteilungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert-Koch-Institut“ (RKI) zum Thema „Händehygiene“ aus dem „Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2000, 43:230–233 © Springer-Verlag 2000“. Diese sehen unter Punkt
• 3 Maßnahmen der Händehygiene
• 3.1 Hygienische Händedesinfektion
• 3.2 Hygienische Händewaschung („Vor Arbeitsanfang und nach Arbeitsende genügt eine Händewaschung.“)
• 3.3 Chirurgische Händedesinfektion
vor. Der letzte Punkt wird unter Ausführung (Kategorie I B) erläutert:
„Vor der am OP.-Tag erstmalig durchgeführten chirurgischen Händedesinfektion werden Hände und Unterarme bis zu Ellenbogen mit nach oben gerichteten Fingerspitzen und tiefliegendem Ellenbogen während etwa 1 min mit einem Handwaschpräparat gewaschen.“ In diesem Zusammenhang ist wohl die Abbildung in der Ärzte Zeitung zu sehen.
http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Krankenhaushygiene/Kommission/Downloads/Haendehyg_Rili.pdf?__blob=publicationFile

Auf den neuesten Stand bringt Sie vielleicht auch, dass auf dem 7. Baseler Symposium zur chirurgischen Händedesinfektion am 23.6.2005 deutschsprachige Experten (auch mit Prof. Dr. G. Kampf, Hamburg,) über die Verkürzung des „State of the Art“ der adäquaten chirurgischen Händedesinfektion von 3 Minuten auf 1,5 Minuten mit Sterillium® diskutierte:
http://www.bode-science-center.de/fileadmin/user_upload/download-desinfacts/05_desin2.pdf

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[10.12.2013, 15:26:01]
Albert Thinschmied 
Warum gelten immer noch medizinische Fachjournalisten als tragbar, die geringere Hygienekenntnisse haben als eine Pflegeschülerin?
Saubere Hände: Die Compliance beim medizinischen Personal in puncto Händewaschen liegt inzwischen nach Erhebungen bei 72 Prozent.

Das ist sachlich grob falsch.
Wie jede Pflegeschülerin weiß, geht es bei der Aktion saubere Hände zwar um Händehygiene, aber genau nicht um das Händewaschen.

Seit mehreren Jahrzehnten wird in Deutschland und Österreich aus guten Grund auf die Händedesinfektion mit speziellen Desinfektionsmitteln auf Alkoholbasis gesetzt. Das geht schneller, in 30 Sekunden, und führt zu einer Keimreduktion von 10 hoch 5.

Händewaschen dauert deutlich länger und bringt mit anitseptischen Seifen maximal eine Keimreduktion von 10 hoch 4.

Würden 72% des medizinischen Personals immer dann, wenn Händehygiene erforderlich ist, sich die Hände waschen, würden die Arbeit nie bewältigt werden können. Viel wichtiger noch, die Mitarbeiter hätten derat aufgesprungene Hände, dass sie nichts mehr anfassen könnten.

Von derartigen Trivialitäten muss ein medizinischer Fachjournalist aber keine Ahnung haben. Sein Chefredakteur, der ihn vor einer solchen Demonstration des Nichtwissens bewahren könnte, kann oder will das auch nicht tun.

Bitte wenden Sie sich doch bitte an Prof. Dr. G. Kampf, Hamburg, Bode science center, der kann Ihnen sicher meine Behauptungen bestätigen. Vielleicht kann er Ihnen auch noch beibringen, wie Sie sich effektiv die Hände desinfizieren. Auch das will gelernt und geübt werden.

Denn, wie schreiben Sie so schön:
"Der Praxistest folgt im Klinikalltag, (bzw. im Journalistenalltag). Hier ist Verantwortungsbewusstsein gefragt." zum Beitrag »

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