Ärzte Zeitung, 14.08.2017

Embryonaltoxikologie

Fipronil besorgt werdende Mütter

Rund 4000 Anfragen schwangerer Frauen zu Rezepten beantwortet die Beratungsstelle für Medikamente in der Schwangerschaft und Stillzeit an der Unifrauenklinik Ulm jährlich. Die Teratogenitätsbedenken sind vielfältig.

Von Matthias Wallenfels

Fipronil besorgt werdende Mütter

Vor dem Gang in die Apotheke zweifelt manch Schwangere, ob sie das rezeptierte Medikament unbesorgt einnehmen kann.

© contrastwerkstatt / stock.adobe.com

ULM. Kann das ungeborene Kind einer Schwangeren womöglich Schäden davontragen, wenn seine Mutter Eier verzehrt hat, die mit dem Insektizid Fipronil belastet waren? Fragen zur Teratogenität belasteter Eier sind derzeit für Dr. Wolfgang Paulus nicht ungewöhnlich – obwohl er normalerweise Fragen besorgter Schwangerer beantwortet, ob sie zum Beispiel weiter sorgenfrei ein dringend benötigtes Asthmapräparat verwenden dürfen.

Paulus leitet die Beratungsstelle für Medikamente in der Schwangerschaft und Stillzeit ("Reprotox") an der Universitätsfrauenklinik Ulm. Ein Vorläufer der Ulmer Anlaufstelle war bereits 1976 – unter anderem als Antwort auf den Thalidomid-Skandal – gegründet worden. Auch um solche Fälle zu verhindern, gibt es die Einrichtung in Ulm sowie die Berliner Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie, die sich allerdings auf telefonische Auskünfte und Online-Informationen beschränkt.

Meist geht es um Psychopharmaka

Frauen, die eine Schwangerschaft planen, bereits ein Kind erwarten oder stillen, plagen oft große Zweifel: Könnte das womöglich lebenswichtige und seit Jahren eingenommene Medikament dem Nachwuchs schaden? Oft kann Paulus Entwarnung geben oder Alternativen aufzeigen. Zehn bis 15 Anfragen verunsicherter Frauen gehen nach Uniangaben täglich in der Beratungsstelle Reprotox ein – und damit fast 4000 jährlich.

Die häufigsten Anfragen an Paulus drehten sich um Psychopharmaka – insbesondere Antidepressiva. Doch auch jahreszeitliche Schwankungen wie steigende Nachfragen zu Antiallergika im Frühjahr seien zu verzeichnen. Weiterhin gehörten die Beratung bei Infektionen und äußeren Einflüssen wie Strahlung und Chemikalien vor und in der Schwangerschaft zum Spektrum von Reprotox. Geht es um die Einnahme von Medikamenten in der Stillzeit, arbeitet Paulus auch mit Hebammen zusammen.

Zudem melden sich auch immer wieder Männer, die Väter werden wollen, in der Beratungsstelle, heißt es. Nach einer Chemotherapie oder unter dauerhafter Einnahme von Psychopharmaka fürchteten sie um ihre Spermienqualität.

30.000 Datensätze zur Verträglichkeit

Doch wie läuft eine Beratung zur Reproduktionstoxikologie konkret ab? "Oft kontaktieren uns Gynäkologen, teilweise aber auch die Patientinnen selbst. Sie werden gebeten, ein Formular auszufüllen, und ausgehend von den übermittelten Daten sprechen wir binnen 24 Stunden eine Empfehlung für oder gegen ein Medikament aus, zeigen alternative Arzneien und sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen auf", verdeutlicht Paulus. Er betont, dass auch ein Therapieverzicht aus reiner Vorsicht – beispielsweise bei Patientinnen mit Epilepsie, Asthma oder Depressionen – schwere Folgen für die Gesundheit von Mutter und Kind haben könne.

Seit Anfang der 1990er Jahre hat der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mithilfe der Rückmeldungen von Patientinnen mehr als 30.000 Datensätze zur Verträglichkeit verschiedenster Medikamente in der Schwangerschaft zusammengetragen.

Diese Datenbank umfasst, so Paulus, auch Antworten der Mütter nach der Entbindung sowie Kontrollfälle und ist deshalb besonders aussagekräftig. Gemeinsam mit seinen publizierten Studien und dem European Network of Teratology Information Services (ENTIS) bildet sie die Basis der Beratungen zur embryonalen Teratogenität. "Um sich abzusichern, raten Pharmaunternehmen in der Packungsbeilage meist pauschal von der Einnahme eines Medikaments in der Schwangerschaft ab. Dabei haben wir oft zahlreiche Fälle dokumentiert, bei denen die Medikation keine negativen Folgen für Mutter und Kind hatte", erklärt der Mediziner.

Aus organisatorischen Gründen war Reprotox nach Uniangaben seit 2002 bis vor Kurzem am Krankenhaus St. Elisabeth in Ravensburg, einem akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Ulm, angesiedelt. Die Anlaufstelle habe in dieser Zeit zur St. Elisabeth-Stiftung gehört. Nun sei es jedoch gelungen, Reprotox nach Ulm an den Michelsberg zurückzuholen.

"Die Beratung werdender Mütter zur Medikamenteneinnahme ist eine sinnvolle Ergänzung unseres Leistungsspektrums in der Frauenklinik sowie eine Bereicherung für Forschung und Lehre", betonte der Ärztliche Direktor der Frauenklinik, Professor Wolfgang Janni, vergangene Woche bei der offiziellen Übergabe.

Die Rückkehr an die Universitätsklinik verbindet Paulus für seine Beratungsstelle mit zahlreichen Vorteilen: So werde dadurch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Epidemiologen, Statistikern und etwa Pharmakologen einfacher.

Beratung keine Kassenleistung

Zudem wolle er versuchen, Drittmittel für Forschungsprojekte einzuwerben. Denn obwohl die Basisfinanzierung über einen Zuschuss der Diözese Rottenburg-Stuttgart zunächst für fünf Jahre gesichert ist, muss der Mediziner weiterhin auf Spendengelder bauen. Denn die ärztliche Beratung ist nicht Bestandteil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung. Auch deshalb erhofft sich Paulus durch die Anbindung an die Uniklinik eine stärkere öffentliche Wahrnehmung der Beratungsstelle.

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