Ärzte Zeitung online, 26.09.2017
 

Katastrophenhilfe

Erst sichten, dann helfen

Bei Terroranschlägen sollen Notärzte im Einsatz zuerst die eigene Person sichern und dann die Hilfe aufnehmen. Die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin hat für solche Fälle ihren Hilfe-Algorithmus PRIOR® angepasst. Auch für die Klinikorganisation sind Anschläge ein Thema.

Von Hauke Gerlof

Erst sichten, dann helfen

Terroranschlag in Paris: Zuerst müssen die Rettungskräfte die Lage sichten, dann können sie sich um Verletzte kümmern.

© Etienne Laurent / dpa / picture

FRANKFURT/MAIN. Ein strukturiertes Vorgehen beschleunigt auch im Notfalleinsatz die Abläufe und hilft so, Leben zu retten. Bei sogenannten Großschadensereignissen oder auch MANV (Massenanfall von Verletzten) ist ein festes Vorgehen nach einem bestimmten Algorithmus noch wichtiger, um durch eine effiziente Triage möglichst viele Verletzte zu retten. Bei Terroranschlägen, die vor allem eine schnelle Betreuung von Schussverletzten erfordern, sind andere Punkte prioritär als bei großen Unfallereignissen auf der Autobahn.

Darauf hat die Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) jetzt reagiert und ihren 2013 vorgestellten Einsatz-Algorithmus für Notärzte PRIOR® (Primäres Ranking zur Initialen Orientierung im Rettungsdienst) angepasst. Auf dem 4. Forum der DGKM in Frankfurt am Main diskutierten Vertreter der Notfallmedizin, der Sicherheitsbehörden und der Feuerwehr, wie die Rettungskräfte auf neue Gefahrenlagen reagieren können. "Wir müssen alle Spieler auf der Wiese zusammenbringen", sagte Ulrich Grüneisen, Vizepräsident der DGKM, bei einer Pressekonferenz in Frankfurt: Prä-Klinik, Klinik, der Flaschenhals der Notaufnahme, alle Beteiligten müssten auf solche Fälle vorbereitet sein.

Zusammenarbeit kommt voran

Es sei wichtig, die Anforderungen der Rettungsmediziner an die Polizei zu kennen und ebenso umgekehrt – die Anforderungen der Polizei an die Rettungskräfte. Der Prozess einer engeren Kooperation "nimmt Fahrt auf", betonte Grüneisen. Gerade bei Terroranschlägen mit vielen Schussverletzten sei es entscheidend, sofort alle Op-Kapazitäten in der Umgebung zur Verfügung zu stellen, betonte Jürgen Schreiber, Generalsekretär der DGKM. Da könne es sogar einmal nötig sein, dass ein Chirurg eine laufende Op unterbricht, wenn dadurch der Patient nicht gefährdet wird. Hier seien in Kliniken noch Lernprozesse zu bewältigen.

Sichtung zur Eigensicherung

Die Anpassung des PRIOR® Algorithmus für Anschläge sei vor allem zur Eigensicherung der Rettungsmediziner wichtig: "Häufig ist den Einsatzkräften zu Beginn gar nicht klar, ob es sich um einen Anschlag handelt oder nicht", sagte Grüneisen. So war es offenbar auch am Breitscheidplatz in Berlin gewesen, der zunächst wie ein Groß-Unfall gemeldet worden war.

Bei einer unübersichtlichen Lage gehe es für Rettungskräfte daher zunächst darum, zu klären: Ist es ein MANV aufgrund eines Anschlags? Ist dieser Anschlag mit chemischer, biologischer, radioaktiver oder nuklearer Gefahrenlage (CBRN) verbunden? In einem solchen Fall müssten Sanitäter und Notärzte zunächst den Eigenschutz priorisieren. Bei Anschlägen mit vielen Schussverletzten gelte es dann vor allem die Opfer zu identifizieren, die eine lebensbedrohende Blutung haben, diese Blutung zu stillen oder einen schnellstmöglichen Transport zu organisieren. Danach sei dann das Krankenhaus gefordert.

PRIOR® Algorithmus

PRIOR® ist eine Art Checkliste für Notfallmediziner, die Punkt für Punkt abgearbeitet wird.

- Anschlag-MANV? Eigenschutz beachten, nach Rettung aus Gefahrenbereich durch die Polizei PRIOR® anwenden.

Falls nein:

- CBRN-MANV? Wieder Eigenschutz beachten ...

Falls nein:

- A: Lebensbedrohende Blutung? Lebensrettende Sofortmaßnahmen LSM (Blutung stoppen, schnellstmöglich Transport), Schadenklasse I, rot

Falls nein:

- B: Verletzter bewusstlos? LSM: Atemwege freimachen, Seitenlage, starke Blutung stoppen, SK I

Falls nein:

- C: Atemstörung? LSM: Atemwege frei, Blutung stoppen, SK I, rot

Falls nein:

- D: Kreislaufstörung? LSM: Starke Blutung stoppen, SK I, rot

Falls nein:

- E: Starke Schmerzen am Körperstamm? SK I, rot

Falls nein:

- Kann nicht gehen: SK II, gelb

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