Ärzte Zeitung online, 16.04.2018

Notfallversorgung

Neues Modell für Kliniken

Am 19. April will der GBA ein gestuftes System der Notfallstrukturen in Krankenhäusern beschließen. Kassen und Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen beurteilen dies unterschiedlich.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Der GKV-Spitzenverband geht davon aus, dass sich nach der Reorganisation der stationären Notfallversorgung die Zahl der teilnehmenden Krankenhäuser zwar deutlich reduzieren, die Patientenversorgung dadurch aber nicht beeinträchtigt wird.

"Die Notfallversorgung bleibt so gut oder schlecht, wie sie war, aber diejenigen, die die Notfälle versorgen, kriegen mehr Geld", sagte Dr. Claas Bentlage vom Referat Krankenhausvergütung des GKV-Spitzenverbands auf der MCC-Konferenz "Zentrale Notaufnahme im Fokus" in Köln.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) will am 19. April einen Beschluss zu einem gestuften System der Notfallstrukturen in Krankenhäusern fassen.

Kern des künftigen Konzepts sollen drei Stufen mit unterschiedlichen Anforderungen werden: Basis-, erweiterte und umfassende Notfallversorgung. Die teilnehmenden Häuser erhalten Vergütungszuschläge, mit Ausnahme bestimmter Spezialkliniken alle anderen einen Abschlag.

8,5 Minuten Fahrzeit

Nach einer Erhebung des vom GBA beauftragten IGES-Instituts würden künftig 822 Kliniken an der Basisnotfallversorgung teilnehmen, 144 an der erweiterten und 97 an der umfassenden, berichtete Bentlage. "685 würden nicht an der Notfallversorgung für Erwachsene teilnehmen."

Zwar hätten sich an der IGES-Befragung lediglich 45 Prozent der Krankenhäuser beteiligt, die Auswertung sei aber um Abrechnungsdaten der Kassen ergänzt worden. Deshalb sei die Folgenabschätzung valide und verlässlich, sagte er.

In Nordrhein-Westfalen würden nach seinen Angaben künftig 75 Prozent der Kliniken an der Notfallversorgung teilnehmen. Diese Häuser hätten in der Vergangenheit 94 Prozent der Notfälle nachts und am Wochenende versorgt.

Auch nach der Umstellung würde die Fahrtzeit zu einem Notfallversorger für einen Erwachsenen im Schnitt nur 8,5 Minuten dauern, betonte Bentlage. "Die Notfallversorgung ist nicht gefährdet."

Räumliche Trennung

Nach Ansicht von Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW), reichen die ausgewerteten Daten nicht aus, um die Auswirkungen des Stufenmodells auf die Versorgung tatsächlich zu beurteilen. Die KGNW rechnet mit deutlich größeren Lücken als die Krankenkassen.

Brink kritisierte, dass die Kliniken nach einer fünfjährigen Übergangsfrist über eine räumlich abgegrenzte Zentrale Notaufnahme verfügen sollen, die unter einer eigenen fachlich unabhängigen Leitung stehen soll. "Eine Zentrale Notaufnahme an jedem Standort ist räumlich und organisatorisch nicht tragbar."

Skeptisch sieht er auch die Absicht, von den Krankenhäusern die Vorhaltung von mindestens sechs Intensivbetten zu verlangen. Eine so enge Vorgabe sei für die Basisversorgung nicht angemessen. "Für viele Krankenhäuser ist das ein Knackpunkt, gerade in ländlichen Regionen", warnte er.

Das Kriterium sei in Abstimmung mit den relevanten Fachgesellschaften erarbeitet worden, entgegnete Bentlage. Die Mindestzahl ist aber offensichtlich noch nicht in Stein gemeißelt. "Ich gehe davon aus, dass es bei den sechs Intensivbetten noch eine gewisse Bewegung geben wird", sagte er.

"Nicht wahrscheinlich, dass mehr Geld fließen wird"

Unterschiedlich bewerteten die beiden auch das Kriterium, dass innerhalb von 30 Minuten jeweils ein Facharzt für Innere Medizin, Chirurgie und Anästhesie verfügbar sein muss. Bentlage hält die Anforderung für sinnvoll. Sie würde die Kliniken angesichts der Arbeitszeitregelungen überfordern, argumentierte dagegen Brink.

Die Verpflichtung auf den Facharztstandard und die Gewährleistung einer Rufbereitschaft hält er für ausreichend.

Die Folgen dieser und anderer Regelungen müssten genau abgeschätzt werden, bevor Fakten geschaffen werden, forderte der Präsident der Krankenhausgesellschaft.

"Wir brauchen eine belastbare Auswirkungsanalyse, damit wir nicht etwas auf den Weg bringen und uns dann verwundert die Augen reiben."

Das neue Konzept soll dafür sorgen, dass die Mittel für die Notfallversorgung anders als bisher zwischen den Kliniken verteilt werden. Da es aber höhere Qualitätsanforderungen an die Häuser gibt, befürchtet Brink eine Finanzierungslücke.

Bei der reinen Umverteilung wird es nicht bleiben, erwartet Bentlage. "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass mehr Geld fließen wird."

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