Ärzte Zeitung online, 08.03.2019

10 Jahre Privatisierung der Uniklinik Gießen/Marburg

Die Bilanz fällt zwiespältig aus

Vor zehn Jahren wurde das Bündnis „Notruf 113“ gegründet als Reaktion auf den Verkauf des Uniklinikums Gießen und Marburg – und zieht eine skeptische Bilanz. Der Betreiber Rhön-Klinikum AG indes beschreibt die Privatisierung als Erfolg.

Von Gesa Coordes

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Das Marburger Universitätsklinikum: Die Bürgerinitiative „Notruf 113“ begleitet seither die Unternehmenspolitik kritisch.

© Gesa Coordes

MARBURG. Die Bilanz der Initiative „Notruf 113“ klingt bitter: „Für Marburg haben wir nichts erreicht, nur die Bevölkerung sensibilisiert“, sagt Sprecherin Ulrike Kretschmann. Aber immerhin: Andere hätten aus ihren Erfahrungen mit der Privatisierung des Uni-Klinikums Gießen und Marburg gelernt. So nahmen CDU und FDP in Schleswig-Holstein Abstand vom Verkauf ihres defizitären Uni-Klinikums. Und die Gruppe mischt sich immer noch ein.

Vor genau zehn Jahren hat sich das Bündnis gegründet, in dem sich vor allem niedergelassene Ärzte, aber auch Psychologen, Juristen und Pflegekräfte engagieren.

Damit schlossen sie sich erst drei Jahre nach dem Verkauf des Universitätsklinikums an den Krankenhausbetreiber Rhön zusammen. Gründungsversammlung war am 11.3.2009, daher der Name „Notruf 113“. Erst zu diesem Zeitpunkt sei ihnen klar geworden, wie stark sich die medizinische Versorgung verschlechtert habe, sagt Kretschmann: „Das war wirklich ein eklatanter Einbruch.“ Gemeinsam mit anderen Medizinern beklagte sie eine „Drehtürmedizin“, die dazu geführt habe, dass vor allem die komplizierten Problemfälle schlechter versorgt wurden als früher.

Spezialist für Lukratives

Ihr Kollege, der Psychologe Micha Brandt, hat den Eindruck, das Universitätsklinikum sei „systematisch von einem Haus der Maximalversorgung hin zu einem Spezialisten für ‚lukrative Erkrankungen‘ umstrukturiert worden. Zugleich klagten Klinik-Mitarbeiter über hohe wirtschaftliche Zielvorgaben und gestiegene Arbeitsbelastung. „Die Rhön AG folgt dabei einem kaufmännischen Rational“, so Brandt: „Sie kann als Aktiengesellschaft gar nicht anders.“

Die Bilanz fällt zwiespältig aus

Höhepunkt des Protests: Mehr als 2000 Menschen demonstrierten 2012 gegen die Privatisierung des Marburger Universitätsklinikums.

© Gesa Coordes

„Notruf 113“ organisierte Mahnwachen, Diskussionsrunden und prangerte die Zustände im Klinikum immer wieder in den Medien an. 2011 eskalierten die Auseinandersetzungen mit dem Rhön-Konzern derart, dass Ulrike Kretschmann und zwei weitere Ärzte eine Unterlassungserklärung erhielten, in der sie aufgefordert wurden, strittige Aussagen gegen das Unternehmen in Zukunft zu unterlassen. Sonst drohten hohe Geldstrafen.

Ökonomie im Vordergrund

In den letzten Jahren wurde es ruhiger um das Uni-Krankenhaus. Doch Sprecherin Kretschmann betont: „Die Ökonomie steht weiterhin im Vordergrund.“ Die Arbeitsbelastung der Beschäftigten sei sehr hoch. Sie müssten nicht nur Gewinne erwirtschaften, sondern auch die Investitionen müssten aus dem laufenden Betrieb finanziert werden. Zudem habe sich die Ausbildung der Studierenden verschlechtert.

Dass die beiden Uni-Krankenhäuser wieder in die öffentliche Hand gehen, wie es „Notruf 113“ fordert, ist allerdings unwahrscheinlich.

Kliniksprecher lobt Privatisierung

Die Rhön-Klinikum AG selbst bezeichnet die Privatisierung vor rund 13 Jahren als „Erfolg“. Seitdem seien mehr als 600 Millionen Euro an Eigenmitteln an den beiden Standorten investiert worden.

Die beiden Unikliniken bieten ein (...) allen Vergleichen standhaltendes Leistungsniveau.

Frank Steibli Sprecher des Uniklinikums Gießen und Marburg

„Die beiden Universitätskliniken bieten ohne Zweifel ein sehr hohes und allen Vergleichen standhaltendes Leistungsniveau im Bereich der universitären Krankenversorgung, Forschung und Lehre“, versichert Kliniksprecher Frank Steibli. Warum dem Beispiel in ganz Deutschland keine weitere Uni-Klinik gefolgt ist, wollte er ohne fundierte Kenntnis über interne Diskussionen und wirtschaftliche Fakten aber nicht kommentieren.

Initiative kritisiert schlechtes Abschneiden im Physikum

Aktuell hat sich die Initiative „Notruf 113“ das schlechte Abschneiden der Gießener Studierenden beim Physikum vorgenommen. Im vergangenen Herbst waren 20 Prozent der angehenden Mediziner bei der Prüfung durchgefallen – bundesweit lag die Quote bei neun Prozent.

„Das hängt mit der Privatisierung zusammen“, kritisiert Sprecherin Marion Twelsiek: „Die Professoren haben nicht mehr genug Zeit für die Studierenden.“ Und dass die Uni Gießen den Medizinern nun kostenlose Vorbereitungskurse durch die private Firma „Medi-Learn“ anbietet, bezeichnet die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie als „Armutszeugnis“.

Gießens Uni-Präsident Joybrato Mukherjee betrachtet die Kurse allerdings eher wie die zahlreichen Tutorien von studentischen Hilfskräften, die es in vielen anderen Fächern gibt. Er glaubt nicht, dass die hohen Durchfallquoten an der Privatisierung liegen. Sonst müsse es in Marburg ähnlich schlechte Ergebnisse geben. Diese wichen jedoch nur geringfügig vom Bundesdurchschnitt ab.

Mukherjee erklärt sich das Abschneiden der Gießener damit, dass die Justus-Liebig-Universität 15 Prozent und damit besonders viele ihrer Medizin-Studienplätze an Bewerber mit abgeschlossener Berufsausbildung vergibt – etwa an ausgebildete Krankenschwestern und Rettungssanitäter. „Wer mehrere Jahre nicht im Schulbetrieb war, hat es bei solchen Wissensprüfungen natürlich schwerer“, sagt Mukherjee. Über ihre künftigen Fähigkeiten als Ärzte sage der Test allerdings wenig.

„Notruf 113“ fordert, dass der Wissenschaftsrat das privatisierte Uniklinikum erneut begutachten soll. Bei einer ersten Untersuchung im November 2009 war der Rat zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Forschung und Lehre nicht verschlechtert hätten. Für eine abschließende Stellungnahme war es damals aber noch zu früh.

Tatsächlich gebe es deshalb Gespräche mit dem Land, berichtet Beatrix Schwörer vom Wissenschaftsrat. Die Medizinreferentin geht davon aus, dass es in den nächsten Jahren eine erneute Begutachtung geben wird. Einen Termin gebe es noch nicht. (coo)

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